FAZ 10.12.2025
15:01 Uhr

Anpassung an Klimawandel: Wie die Stadt ihren Wald heilt


Der Stadt Darmstadt gelingt es, ihrem Wald Gutes zu tun, indem sie ihn in Ruhe lässt. Bäume werden nicht gefällt, noch nicht einmal, wenn sie tot sind.

Anpassung an Klimawandel: Wie die Stadt ihren Wald heilt

Der Wald wird in Darmstadt leicht vergessen. Darmstadt präsentiert sich als Wissenschaftsstadt, weil Hochschulen und forschende Unternehmen dort ihren Sitz haben, gilt als Stadt des Jugendstils und ist bekannt als Standort der europäischen Raumfahrer, die dort im Kontrollraum ihre Satelliten steuern. Da mutet es fast ein wenig archaisch an, dass die Kommune auch eine große Waldbesitzerin ist. Zum Stadtwald gehören 2000 Hektar. Noch einmal doppelt so viel Wald befindet sich in der Umgebung der Großstadt, gehört aber dem Staat. Das bietet der Kommune die Möglichkeit, in ihrem Wald zu experimentieren, eine neue Art des Forstens zu erproben. Diese Chance nutzt sie, mit Erfolg. Eigentlich ist ihre Methode ganz einfach: Man macht es am besten, wenn man nichts macht. Der Natur geht es besser, wenn der Mensch sich heraushält. Die Stadt verzichtet auf die Holznutzung, das heißt, es werden keine Bäume mehr gefällt. Die Substanz bleibt dem Wald erhalten So können die Gehölze alt werden,  bis sie ihr natürliches Lebensende erreichen und absterben. Auch dann werden sie nicht gefällt, sie bleiben als Totholz im Wald. So bleibt die Substanz dem Ökosystem erhalten, wenn das Holz zu Humus zerfällt und die Bäume der nächsten Generation nährt. Das bekommt dem Wald gut, wie sich in Darmstadt gezeigt hat. So heilt die Stadt ihren Wald. Freilich muss sie auch auf die Holzernte verzichten, das heißt, der umweltfreundliche Werkstoff kann dort nicht gewonnen werden. Deshalb ist die Darmstädter Methode nicht die Lösung für jeden Wald. Doch die Erfahrung aus Südhessen kann Vorbild für Förster anderswo werden, für einen Kompromiss zwischen der wirtschaftlichen Nutzung des Waldes und einer natürlichen Regenerierung, wenn zumindest teilweise auf die Holzernte verzichtet wird. Das Totholz ist auf jeden Fall ein Gewinn für den Wald, weil Kleintiere darin leben können. Zwar wird der Forst nicht wieder zum Urwald, wenn er sich selbst überlassen bleibt, aber er kann sich erholen. Und wenn der Wald keine öde Holzplantage ist, wenn junge und alte Bäume kreuz und quer wachsen dürfen, ist der Anblick auch reizvoller für die Spaziergänger aus der Großstadt inmitten des südhessischen Waldes.