FAZ 02.10.2026
17:59 Uhr

Anleihen-Ausverkauf: Zinsschock: Wer ist am härtesten betroffen?


Die Staatsanleihekurse sind stark gefallen, die Renditen steigen: Frankreich wird zum großen Problem im Euroraum. Doch Großbritannien muss noch höhere Zinsen zahlen, obwohl es weniger verschuldet ist. Das hat Gründe.

Anleihen-Ausverkauf: Zinsschock: Wer ist am härtesten betroffen?

Ein globaler Ausverkauf am Staatsanleihenmarkt versetzt das Weltfinanzsystem derzeit unter Stress. Die Kurse vieler Anleihen stürzten am Donnerstag und Freitag ab. In der Folge kletterten die Renditen steil nach oben. Das trifft vor allem die hoch verschuldeten Länder. Denn ihre Zinslasten werden schwerer. In dieser Woche stiegen die US-Renditen für zehnjährige Staatspapiere mit fast 5,3 Prozent auf den höchsten Stand seit dem Jahr 1998. Einige Händler sprachen von einem „Teufelskreis“, der den US-Anleihemarkt durch immer neue Verkäufe derzeit nach unten drücke. Die Vereinigten Staaten sind mit mehr als 40 Billionen Dollar so hoch verschuldet wie noch nie in ihrer Geschichte – die Schuldenquote beträgt 125 Prozent. Im Euroraum richten sich besorgte Blicke auf Frankreich. Nicht wenige Ökonomen beginnen zu fragen, ob eine neue Eurokrise drohen könnte. Die Renditen der zehnjährigen französischen Staatspapiere schossen im September bis Anfang Oktober regelrecht in die Höhe: Mit 4,9 Prozent liegen sie nun um 0,9 Prozentpunkte höher als vor einem Monat. Noch beunruhigender: Der sogenannte Spread steigt sprunghaft, dies ist der Abstand zwischen deutschen und französischen Zehnjährigen, der ein Ausfallrisiko anzeigt. Jüngst kletterte der Spread auf 1,45 Prozentpunkte, den höchsten Wert seit 2012. Die Kurve stieg am Freitag steil. Ölpreisanstieg, Inflationsschub und Zinserhöhungen Dass die Zinsen seit diesem Frühjahr so stark gestiegen sind, liegt zum großen Teil an gestiegenen Inflationsrisiken. Infolge des Irankriegs sind Öl- und Gaspreise gestiegen. Zentralbanken müssen auf die höhere Teuerung mit einer Straffung der Geldpolitik reagieren, um den Inflationsdruck zu bremsen. Die wichtigsten Notenbanken der Welt – allen voran die amerikanische Federal Reserve und die Europäische Zentralbank – haben die Leitzinsen mehrfach angehoben. Hinzu kommen an den Anleihemärkten zunehmende Sorgen über die langfristige Schuldentragfähigkeit einiger hoch verschuldeter Staaten. Daher verlangen Anleger eine höhere Risikoprämie. Interessanterweise sind in Europa nicht die hoch verschuldeten Staaten Frankreich oder Italien, sondern die Briten, jene Nation, die die höchsten Zinsen zahlen muss. Die Renditen britischer Papiere liegen seit Ende 2024 über denjenigen aller anderen G-7-Länder. Und das, obwohl Großbritannien eine geringere Staatsschuldenquote aufweist: Frankreich ist mit rund 118 Prozent seiner Wirtschaftsleistung verschuldet, Italien mit 139 Prozent. Die britische Staatsverschuldung – in absoluten Zahlen drei Billionen Pfund – beträgt hingegen „nur“ 94 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, so die Angabe des Statistikamts ONS. Woran liegt es, dass der britische Staat die höchsten Zinsen aller G-7-Länder bieten muss, damit Anleger seine Schuldpapiere kaufen? In London sprechen einige sarkastisch von einer „Idioten-Prämie“: Seit dem verunglückten „Mini-Budget“ der kurzzeitigen Premierministerin Liz Truss, die im Oktober 2022 einen Haushalt mit extrem hohen Defiziten vorlegte, sei das Vertrauen der Anleger nachhaltig angeknackst. Doch der Markt hatte sich danach stabilisiert. Erst seit dem Regierungswechsel 2024 liegt Großbritannien ganz an der Spitze der Renditen. Die britische Zentralbank muss nun auch Zinsen erhöhen Für den steilen Anstieg in den vergangenen Monaten gebe es ein ganzes Bündel an Gründen, sagt Sanjay Raja, Chefvolkswirt für Großbritannien bei der Deutschen Bank in London. Der Renditenanstieg sei „ausgelöst durch weltweit gestiegene Zinserwartungen, höhere Laufzeitprämien sowie innenpolitische Bedenken hinsichtlich der Inflation und der Geldpolitik der Bank of England“. Das Königreich sei besonders empfindlich gegenüber dem Energiepreisanstieg. „Die Inflationsrate wird zum Jahreswechsel über vier Prozent drücken“, warnt Raja. Außerdem werde die Fiskalpolitik etwas expansiver. Dazu kommen noch Bedenken hinsichtlich der kostspieligen Regierungspläne von Andy Burnham – „all das hat zur Erwartung steigender Zinsen beigetragen“, sagt der Londoner Chefökonom. Bislang hat die Bank of England (BoE) – anders als EZB und Fed –  die Leitzinsen nicht erhöht. Im nächsten Monat dürfte aber ein Zinsschritt kommen, erwarten inzwischen fast alle Analysten und Anleger. Am 5. November steht die nächste Sitzung der BoE an. Dann wird der Leitzins höchstwahrscheinlich von aktuell 3,75 auf 4,0 Prozent erhöht werden. „Die Märkte erwarten eine Welle neuen Inflationsdrucks, daher müssen die Zinsen steigen“, erklärt Raja. Einige Ökonomen verweisen auch auf das große Anleihe-Verkaufsprogramm der Notenbank (den Abbau der zuvor gekauften Anleihebestände), das die Zinsen nach oben getrieben hat. Die BoE hat indes jüngst den Abverkauf gebremst – auch mit Blick auf den scharfen Renditeanstieg. Deutschland haftet für die Risiken anderer Länder mit Dass die britischen Anleihezinsen höher als die französischen und die italienischen sind, liege auch daran, dass dem Land die implizite Rettungsgarantie durch die EZB fehle, argumentieren einige Ökonomen. Die Europäische Zentralbank hat mehrfach interveniert, als die Märkte nervös wurden und Zinskurven hoch verschuldeter Euroländer durch die Decke zu schießen drohten. Die verschiedenen EZB-Anleihekaufprogramme wirkten wie ein Rettungsnetz. Als letzter Anker wirkte Deutschland mit seiner Bonitäts-Bestnote. Deutschland haftet somit implizit für die Risiken anderer Euroländer mit. „Großbritannien verfügt nicht über das ‚Sicherheitsnetz‘ der EU“, sagt auch Raja. Seit dem Brexit-Votum 2016 gab es auch eine erhöhte politische Unsicherheit. „Das Land zahlt eine Prämie für politische Unsicherheit, da es in rund einem Jahrzehnt bereits sieben Premierminister hatte und zudem der Brexit sowie der ‚Mini-Haushalt‘ hinzukommen“, sagte Raja. Frankreich hat ein gravierenderes Schuldenproblem Insgesamt liege Britanniens Verschuldungsdynamik aber eher im Mittelfeld der G-7-Gruppe, betont der Ökonom der Deutschen Bank. Eine unkalkulierbare Schuldenkrise sieht er nicht kommen. „Die britische Verschuldung befindet sich weiterhin auf einem glaubwürdigen Abwärtskurs. Die Schuldenquote ist mehr oder weniger stabil. Es gibt konkrete Pläne zur Haushaltskonsolidierung“, betont Raja. Genau daran fehlt es indes in Frankreich. Präsident Emmanuel Macron erscheint geschwächt. Seine Regierung schafft es nicht, Reformen für eine Haushaltskonsolidierung durchzusetzen. „Der Ausverkauf französischer Anleihen ist noch nicht vorbei“, meint daher Capital Economics, eine Londoner Analystenfirma. „Der starke Ausverkauf französischer Staatsanleihen in dieser Woche deutet darauf hin, dass die Anleger sich der Schwere des Staatsschuldenproblems des Landes bewusst geworden sind.“ Selbst wenn sich die Lage in den kommenden Wochen etwas beruhigen sollte – was nicht sicher ist –, erscheine es „immer wahrscheinlicher, dass erst eine größere Haushaltskrise nötig sein wird, um die französischen Politiker dazu zu bewegen, sich auf ein nachhaltiges Haushaltskonsolidierungsprogramm zu einigen“, meinen die Analysten. Die Turbulenzen am Bond-Markt dürften damit noch lange nicht vorbei sein.