Deckel drauf, Sack zu, große Spültaste: Das vergangene Jahr, das des Trumpeltiers, darf gern auf Nimmerwiedersehen entschwinden – aber bitte nicht ohne die inzwischen fast überlebenswichtigen 30 Minuten Anke-Engelke-Romantikkomödie, die uns selig über die Kalendergrenze taumeln lassen. Das Paar sprang uns einfach davon Hinter Moosbach geht es weiter, diese Erkenntnis hat uns schließlich durch die vergangenen drei Jahre getragen. Und Moosbach, das war im Kern das alte Deutschland, das der Faxgeräte und Bausparverträge. Doch als sich die Liebe zwischen der ehemaligen Moosbacher Bürgermeisterin und dem von Matthias Brandt so köstlich verhalten gespielten Unternehmer – zwischen Politik und Wirtschaft, könnte man auch sagen – endlich einen gangbaren Weg gebahnt hatte, war damit auch die von der Bildundtonfabrik (btf) im Auftrag des WDR produzierte „Kurzschluss“-Reihe an ihr Ende gekommen. Dieses schöne, luftige Paar sprang am Ende der dritten Folge einfach davon. Doch WDR, btf und Anke Engelke lassen uns nicht hängen. Und obwohl die neue, nicht ganz so sprachgewitzte und deutlich turbulentere Publikumsumarmung zum Jahreswechsel auf den ersten Blick so wirkt, als habe Jan Georg Schütte seiner jüngsten Impro-Komödie „Die Hochzeit“ ein Silvesterspecial folgen lassen, wurde „Eine halbe Stunde ist viel Zeit“ doch von Michael Ostrowski geschrieben und (gemeinsam mit Helmut Köpping) inszeniert. Mehr noch: Ostrowski hat sich selbst die coolste Rolle in der Heiratsklamotte zugedacht – und damit frech Matthias Brandt von der Seite Anke Engelkes verdrängt. So sans, die Österreicher. Allerdings kannte sich die Combo bereits. Ostrowski, Köpping und Engelke haben vor drei Jahren den Anarchofilm „Der Onkel – The Hawk“ gedreht. „Du bist nur die Notlösung“ Den lässigen Fotografen Miller, den Ex-Mann der gestressten, perfektionistischen Wedding Plannerin Mareike Berger (Anke Engelke), spielt Ostrowski mit gewinnendem Charme. Trotzdem wurde er von ihr nicht aus alter Zuneigung zur Vermählung von Thomas (Angelo Alabiso) und Lydia (Katharina Gieron) hinzugezogen, sondern aufgrund des Fachkräftemangels: „Du bist nur die Notlösung.“ Auch sonst zieht Mareike die als Traumhochzeit-Paket gebuchte Veranstaltung im Generalston durch, denn die Location, eine romantische Burg natürlich, war bloß für 30 Minuten zu haben, bevor dort eine Firmensause steigt. Für einen Profi wie Berger kein Problem: „Familienfoto, Torte, Sektempfang, Brauttanz“, dazu der obligatorische Straußwurf, das bekomme man da locker alles unter, denn „eine halbe Stunde ist viel Zeit“. Es darf halt nur nicht die kleinste Planabweichung geben. Selbstverständlich wird zunächst der falsche Kuchen geliefert, der für die Firmenfeier, wie Mareike scharf kombiniert: „Man schreibt doch nicht ‚Auf die nächsten 10 Jahre‘ auf eine Hochzeitstorte, und man schreibt auch nicht ‚Dein geiles Team‘.“ Der Lieferant bleibt stur: „Schlossmannstraße, das ist hier.“ Danach gerät alles furios aus dem Takt, auch weil die Eltern des Bräutigams auf ihren schrecklichen Einfällen beharren, für die überhaupt keine Zeit ist. Auch für die Brautleute kontrastiert die plötzliche Eile mit ihrer Lebensrealität; schließlich kennen sie sich schon sieben Jahre („da weiß man, was man kriegt“). Wie eine Löwin kämpft Mareike um die Dominanz über den selbstgefälligen Heiratspöbel, der macht, was er will, irgendwann auch gar nicht mehr heiraten wollen zum Beispiel: „Du gehst jetzt einmal schön kotzen, dann richtest du dich wieder her, und dann gehst du da hin, und dann schmeißt du diesen scheiß Brautstrauß.“ Denn der „scheiß Plan“ müsse eingehalten werden: „nur das zählt“ (wenn Moosbach heimlich die BRD war, herrscht auf dieser Burg Sollerfüllung nach DDR-Ideal). Danach könne man sich ja sofort wieder scheiden lassen. Gegen eine Dramaturgie der fröhlichen Entropie – was fällt, das soll man auch noch stoßen – ist selbst die mächtigste Planerin machtlos. Will sagen: Das Chaos gewinnt. Und aus den Ruinen der emotionalen Nötigung namens Traumhochzeit steigt zuletzt, ordentlich mit Alkohol gereinigt, echtes Gefühl empor. Eins zu null für den feschen Österreicher (von wegen „Notlösung“), der schon die ganze Zeit propagierte, das Leben müsse ein Abenteuer bleiben. „Zwischendurch vielleicht amol a Tüterl.“ Da kann auch die angesoffene Wedding Plannerin nur gerührt das Hohelied der Berge versetzenden Streunerexistenz anstimmen. Mit dieser Hymne auf den Kontrollverlust entlässt uns die ARD ins neue Jahr. Und ist das nicht genau richtig? Endlich wieder Ja sagen, weil man etwas wirklich will, nicht weil man es seit Jahren kennt. Eine halbe Stunde ist viel Zeit läuft heute, Dienstag, 30. Dezember, um 23.25 Uhr im Ersten und in der ARD-Mediathek.
