Der Wald war einmal ein Ort der Ruhe. Conny Harms ist da ganz realistisch. „Das war ein Rückzugsort für Tiere an Silvester, den ich gerade Hundebesitzern gerne empfohlen habe für die Stunden rund um Mitternacht“, sagt die Hundetrainerin und Mitinhaberin der Hundeschule am Schwanheimer Wald in Frankfurt. „Aber selbst mitten im Wald wird mittlerweile geböllert, ich könnte da nicht ruhigen Gewissens einen Platz empfehlen, an dem man sich mit seinem Hund aufhalten kann.“ Beim Neujahrsspaziergang zeugten davon auch tote Vögel, die den Jahreswechsel nicht überlebt hätten. Denn nicht nur Haustiere seien an Silvester Belastungen ausgesetzt. Auch Wildtiere litten unter dem spezifischen Silvesterlärm und kollabierten nicht selten. „Alle Tiere, die Hörvermögen besitzen, leiden unter Silvester“, sagt Harms. Sie empfinde es als Tierliebhaberin als Grausamkeit, dass wir Menschen immer noch böllerten, obwohl es den Tieren nachweislich immens schade. Die könnten einzelne Störgeräusche wie Schüsse verkraften, ein ewig anmutendes Feuerwerk aber nicht verarbeiten. Ein Keks beim Knall an den Tagen davor Harms kennt alle Tricks, die für Halter von Hunden, Katzen oder anderen Haustieren an Silvester infrage kommen. Eine Patentlösung hat sie freilich auch nicht. „Wir Menschen können uns rational auf Silvester einstellen. Tieren fehlt jede Strategie, wie sie damit umgehen können.“ Es sei lediglich möglich, die Tiere ein wenig vorzubereiten. Harms hat beispielsweise an den Tagen vor Silvester, wenn manche verbotenerweise bereits zündelten, immer einen Keks griffbereit. Bei jedem unerwarteten Donnergeräusch gebe es dann das Leckerli, damit der Hund wenigstens etwas Schönes in Verbindung bringe mit dem Störgeräusch. „Das trägt dann auch an Silvester zur Beruhigung bei“, sagt sie. Als Zufluchtsorte nennt Harms die Klassiker, die sich unter Tierbesitzern in den vergangenen Jahren herumgesprochen haben: Die Wartehalle des Flughafens ist einer der für Tiere ruhigsten Orte Deutschlands, weil rundherum nicht geböllert werden darf. Die Fraport duldet die vierbeinigen Gäste in der Silvesternacht, da der Betrieb am Flughafen ohnehin zum Jahreswechsel weitgehend lahmliegt. Die benachbarten Hotels am Flughafen, die mangels Flugverkehr ebenfalls zum Jahreswechsel wenig ausgelastet sind, bieten speziell Zimmer an für Gäste in Tierbegleitung. Silvesterpakete samt Galadinner und dem Menu im Napf für den Vierbeiner gibt es auch, diese sind freilich meist weit im Voraus ausgebucht. Harms nennt aber auch die Option, die Stunden vor und nach Mitternacht auf der Autobahn zu verbringen. Dort bekämen Tiere nichts mit von der Böllerei, das Fahren beruhige zusätzlich. Spezielle Silvesterpakete in Hotels Wer im eigenen Zuhause bleiben will oder muss, dem empfiehlt die Tiertrainerin eine sorgsame Vorbereitung: Die Rollläden sollten ganz heruntergezogen sein, die Beschallung mit Musik in den eigenen vier Wänden maximal laut sein, sodass die Tiere womöglich nichts von den aufschreckenden Böllern mitbekämen. „Man kann auch versuchen, dem Hund mit einem Tunnelschal oder Ähnlichem einen Hörschutz zu basteln, den man über die Ohren ziehen und in den man zusätzlich Strümpfe oder andere Textilien dämpfend hineinstopfen kann, wenn das Tier das akzeptiert. Das dämpft Geräusche stark ab“, sagt Harms. Zudem solle man den Haustieren alle Freiheiten lassen, sich selbst einen Rückzugsort zu suchen. „Wenn es sich am Ende im innenliegenden Bad in die Duschwanne zurückziehen mag, dann ist das gut so. Wenn zudem Nähe zum Menschen hilft, kann man sich auch in die Wanne dazulegen und mit Decken eingehüllt kuscheln.“ Und von Neujahr an gilt laut Harms: Nach Silvester ist vor Silvester. „Man kann sich schon mal als Neujahrsvorsatz die Aufgabe stellen, das nächste Silvester besser vorzubereiten.“ Entweder solle man sehen, ob man sich auf eine einsame Hallig oder zumindest eine Nordseeinsel zurückziehen könne, auf der wegen der Reetdächer ein Böllerverbot gelte. Oder man suche sich einen Tiertrainer, mit dem man Hund oder Katze auf die Extremsituation vorbereiten könne. „Bis zu einem gewissen Maß kann man Tiere dafür trainieren. Eine Belastung bleibt es trotzdem“, sagt Harms. Die Hoffnung, Erziehungserfolge bei den Menschen zu erzielen, damit sie den Tieren zuliebe auf Feuerwerk verzichten oder die Silvesterböllerei zumindest auf ein Minimum reduzieren, hat Harms hingegen kaum noch.
