FAZ 02.03.2026
09:02 Uhr

Angriffe auf Israel: Die Hizbullah zieht Libanon in den Krieg hinein


Israel reagiert auf Angriffe der Hizbullah mit einem massiven Gegenschlag und kündigt eine lange Offensive an. Auch in Libanon selbst nimmt der Druck auf die irantreue Miliz zu.

Angriffe auf Israel: Die Hizbullah zieht Libanon in den Krieg hinein

Die Szenen erinnern an den Krieg aus dem Herbst 2024: Autoschlangen von Menschen, die aus der Kampfzone fliehen, israelische Kampfflugzeuge am Himmel, das dumpfe Grollen von Bombeneinschlägen. Die Hoffnung, Libanon könne dieses Mal aus dem Krieg zwischen Iran und den Vereinigten Staaten sowie Israel herausgehalten werden, währte nur sehr kurz. In der Nacht zum Montag greift die Schiitenorganisation Hizbullah, die dem bedrängten Regime in Teheran treu ergeben ist, Israel mit Raketen und Drohnen an. Sie werden abgefangen. Aber der harte Gegenschlag erfolgt postwendend. Die israelische Armee erlässt Evakuierungsanordnungen für 53 Dörfer in Südlibanon und der Bekaa-Ebene, die in mehreren Wellen bombardiert werden. Auch Ziele in den südlichen Vororten der Hauptstadt Beirut, in denen die Hizbullah herrscht, werden angegriffen. Laut Angaben des israelischen Militärs sind darunter auch Führungspersönlichkeiten und Kommandeure der Schiitenorganisation, darunter ein „zentraler Terrorist“. Stunden später kursieren unbestätigte Berichte, Muhammad Raad, der Kopf des Parlamentarierblocks der Hizbullah, sei getötet worden. Insgesamt werden zunächst 31 Tote von den libanesischen Behörden gemeldet. „Der Albtraum wiederholt sich“, heißt es in einem Zeitungskommentar. Israels Armeechef: Viele Tage des Kampfes Am Montagmorgen hängt die Frage über Beirut, ob der nächtliche Schlagabtausch nur den Anfang eines größeren Krieges markierte oder ob sich eine Eskalation noch irgendwie eindämmen lässt. Der israelische Armeechef Eyal Zamir zerstreut am Montagmorgen die Hoffnungen auf ein schnelles Ende der Gewalt. „Wir haben eine Offensive gegen die Hizbullah gestartet. Wir sind nicht mehr nur in der Defensive, jetzt gehen wir in die Offensive“, sagt er laut israelischen Medienberichten während einer Lagebesprechung. „Wir müssen uns auf mehrere Tage Kampf vorbereiten, viele Tage.“ Zugleich versichern die Streitkräfte, sie seien an der Grenze zu Libanon verstärkt worden und gut vorbereitet. Evakuierungsaufrufe an die israelische Bevölkerung im Grenzgebiet gibt es zunächst nicht. Den libanesischen Zivilisten auf der anderen Seite solle aber die Möglichkeit gegeben werden, sich in Sicherheit zu bringen. Die israelische Regierung hatte zuvor scharfe Drohungen an die libanesische Regierung überbracht: Sollte die Hizbullah in den Krieg eintreten, werde auch zivile Infrastruktur angegriffen. Die Schiitenorganisation ihrerseits hebt die vermeintlich defensive Natur ihrer Attacke hervor, lässt aber offen, ob sie es damit bewenden lässt. Sie stellt den Beschuss einer israelischen Militäreinrichtung südlich der Stadt Haifa mit Drohnen und Raketen in einer Stellungnahme als Vergeltung für den Tod des iranischen Obersten Führers Ali Khamenei dar – und als „legitimen“ Akt der Selbstverteidigung. Über fünfzehn Monate habe Israel seine Angriffe ohne „abschreckende Antwort“ fortgesetzt, heißt es darin. Am Ende wird die libanesische Regierung aufgefordert, der „Aggression“ ein Ende zu setzen. Ein Vertreter der Hizbullah verschiebt am Montag ein geplantes Treffen bis auf Weiteres und erklärt: „Natürlich ist der Angriff Teil einer breiteren Kampagne in einem Krieg, an dem die Hizbullah jetzt teilnimmt.“ Es hänge aber jetzt von der israelischen Reaktion ab, fügt er an. „Alles ist miteinander verbunden.“ Hizbullah-Führung unter Zugzwang Die Hizbullah-Führung ist durch den Angriff auf Iran unter großen Zugzwang geraten. Attacken auf Khamenei, den sie ebenfalls als politischen und religiösen Führer anerkannte, hatte die Organisation als „rote Linie“ bezeichnet. Schon länger rumort es in den Reihen der Organisation: Kämpfer und Hardliner sind frustriert darüber, wie lange Israel seine Angriffe trotz einer im November 2024 geschlossenen Waffenstillstandsvereinbarung ohne Gegenreaktion fortgesetzt hat. Zugleich muss die Hizbullah-Führung damit rechnen, dass die Organisation, die schon im vergangenen Krieg gegen Israel massiv geschwächt worden ist, noch einmal heftig getroffen wird – und in Libanon isoliert dasteht, sollte sie einen neuen Krieg provozieren. Noch immer sind die Folgen des Krieges 2024 nicht behoben. Dörfer im Grenzgebiet sind noch immer zerstört, Zehntausende weiter vertrieben. Auch die Hizbullah-Klientel ist erschöpft. Ein Kriegseintritt der Hizbullah ist von Beobachtern stets als selbstmörderisch bezeichnet worden. Und die wirkungslose nächtliche Attacke wirft die Frage auf, ob es der Hizbullah auch gelingen würde, nicht nur begrenzte Angriffe ins Werk zu setzen. Sollte die Hizbullah geplant haben, die Konfrontation mit Israel zu begrenzen, hätte sie sich zum zweiten Mal verkalkuliert. Schon als sie am 8. Oktober 2023 eine Front zur Unterstützung der Hamas im Gazastreifen eröffnete, war das nicht gelungen. Am Ende stand ein Waffengang, in dem Israel das Raketenarsenal der Miliz massiv dezimierte und fast die gesamte oberste Führung eliminierte. „Regierung muss die Hizbullah beseitigen“ Auch im Inneren muss sie in jedem Fall mit Gegenwind rechnen. Der libanesische Regierungschef Nawaf Salam verurteilt den Angriff auf Israel in einer Stellungnahme als „unverantwortlichen Akt“, der die Sicherheit Libanons gefährde und Israel Vorwände liefere, seine Angriffe fortzusetzen. Präsident Joseph Aoun erklärte am Morgen, Libanon dürfe nicht als „Plattform für Stellvertreterkriege“ genutzt werden. Der Raketenbeschuss von libanesischem Boden aus untergrabe „alle Bemühungen und Initiativen des libanesischen Staates, Libanon von schweren militärischen Auseinandersetzungen fernzuhalten, welche die Region erschüttern“. Eigentlich hatte die Hizbullah Signale an die Presse und die Regierung ausgesendet, sich zurückzuhalten und das Land zu verschonen. Der Angriff führt Libanon jetzt vor Augen, dass die Hizbullah eigenen Erwägungen folgt – und dem Staat die eigene Schwäche. Die Regierung hatte laut Berichten aus gut informierten Kreisen gedroht, im Zweifel die Armee einzusetzen, um Attacken auf Israel zu unterbinden. Und sie hatte sich eigentlich auf die Fahnen geschrieben, die Hizbullah zu entwaffnen. Bislang hat vor allem der libanesische Präsident die Konfrontation mit der Hizbullah gescheut, um keinen innerlibanesischen Waffengang zu riskieren. Aber auch an dieser Front nehmen die Spannungen und der Druck jetzt zu. „Dieses Mal darf es keine Ausreden geben, wie auch immer die israelische Reaktion aussehen mag“, schreibt die hizbullahkritische Zeitung „L’Orient-Le Jour“. „Dieses Mal müssen die libanesischen Behörden die Miliz als das behandeln, was sie ist: ein Ableger der Islamischen Republik, der beseitigt werden muss, bevor er das, was von Libanon noch übrig ist, endgültig vernichtet.“