Es ist eine Bankrotterklärung des zivilen Miteinanders, die sich hinter den nüchternen Ankündigungen des Rhein-Main-Verkehrsverbundes (RMV) verbirgt. Dass der Verbund nun, aufgeschreckt durch den Tod eines Zugbegleiters in Rheinland-Pfalz, über den Test von Bodycams und Risikobewertungen spricht, ist leider notwendig. Ein Arbeitgeber muss seine Mitarbeiter schützen. Doch dass diese Vorkehrungen überhaupt nötig sind, wirft ein Schlaglicht auf einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Defekt. Der RMV spricht von einer Zunahme der Übergriffe, von einer „Tendenz zu immer brutalerem Vorgehen“. Dass heute auch noch zugetreten wird, wenn das Opfer schon am Boden liegt, markiert einen Zivilisationsbruch. Das Nachtreten gegen Wehrlose war selbst unter Bösewichten tabu, eine rote Linie selbst in rauen Auseinandersetzungen. Dass diese Hemmschwelle fällt, zeugt von einer Enthumanisierung. Der Busfahrer, der Zugbegleiter – sie werden von einer kleinen, aggressiven Minderheit nicht mehr als Menschen wahrgenommen, sondern als gesichtslose Repräsentanten eines Systems, das man ablehnt, oder schlicht als Blitzableiter für den eigenen Frust. Erosion der Autorität Zu erleben ist eine Erosion der Autorität, die sich nicht nur auf den Bahnverkehr beschränkt. Sie trifft Rettungssanitäter, Feuerwehrleute und Polizisten. Wer eine Uniform trägt – und sei es „nur“ die Dienstkleidung der Bahn –, repräsentiert die Ordnung, das Regelwerk. Wem aber Regelung als persönliche Beleidigung erscheint, der schlägt immer häufiger auch einmal zu. Inwiefern man hier weiterhin von Einzelfällen sprechen kann, ist eine weitere Frage, die sich zunehmend verneinen lässt. Die Reaktion darauf darf sich nicht in der technischen Aufrüstung erschöpfen. Bodycams sind vermutlich sinnvoll: Sie schrecken ab, und sie bewahren Beweise zugleich. Aber sie dokumentieren auch den gesellschaftlichen Verfall. Wer akzeptiert, dass eine Fahrkartenkontrolle nur noch unter solchem Schutz stattfinden kann, hat den öffentlichen Raum schon in Teilen aufgegeben. Was sich ändern muss, liegt jenseits der Möglichkeiten des RMV. Nötig ist eine gesellschaftliche Renaissance des Respekts vor dem Dienst an der Gemeinschaft. Das klingt abstrakt, muss aber konkret werden: Justiz und Politik müssen deutlich machen, dass der Angriff auf einen Gemeinwohl-Dienstleister kein Kavaliersdelikt und keine bloße Wirtshaus-Schlägerei ist, sondern ein Angriff auf die Allgemeinheit. Strafen müssen spürbar und Verfahren beschleunigt werden. Das „Deeskalationstraining“, das die Bahn ihren Mitarbeitern angedeihen lässt, ist gut gemeint. Aber es darf nicht dazu führen, dass die Verantwortung für die Gewalt beim Opfer gesucht wird, weil es vielleicht nicht „deeskalierend genug“ geschaut hat.
