Als am Mittwoch eine iranische Rakete über dem östlichen Mittelmeer abgefangen wurde, herrschte kurzzeitig Aufregung: ein Angriff auf die Türkei und damit womöglich ein Bündnisfall? Die Lage wurde auch dadurch nicht entspannt, dass die Sprecherin der NATO „den Angriff Irans auf die Türkei“ verurteilte. Zwar sprach sie im englischen Original nicht von einer „attack“, sondern bloß von einem „targeting“, also einem Ins-Ziel-Nehmen – schließlich war die Rakete abgeschossen worden, laut dem „Wall Street Journal“ durch einen amerikanischen Zerstörer im östlichen Mittelmeer. Doch leistete die Formulierung dem Eindruck einer direkten Konfrontation zwischen Teheran und Ankara Vorschub, was prompt intern zu Kritik führte, wie die F.A.Z. erfuhr. War die britische Basis auf Zypern das Ziel? Die Türkei selbst hielt sich zurück. Außenminister Hakan Fidan rief seinen iranischen Kollegen Abbas Araghchi an und überbrachte gemäß türkischen Berichten die Nachricht, dass „alle Schritte, die zu einer Eskalation des Konflikts und seiner Ausbreitung beitragen könnten“, vermieden werden müssten. Ähnlich zurückhaltend äußerte sich auch das Präsidialamt in Ankara. Ein ungenannter türkischer Vertreter sagte der Nachrichtenagentur AFP, man glaube, dass eine (britische) Militärbasis im griechischen Teil Zyperns das Ziel gewesen sei, die Rakete jedoch von ihrem Kurs abgekommen sei. Von der Flugbahn her wäre das zumindest möglich: Das Geschoss hatte den Irak und Syrien überquert und wurde dann über dem östlichen Mittelmeer zerstört. Das „Wall Street Journal“ berichtete allerdings unter Berufung auf eine amerikanische und eine regionale Quelle, die Rakete sei auf dem Weg zum US-Luftwaffenstützpunkt Incirlik im Süden der Türkei gewesen. Ein Sprecher des obersten NATO-Kommandos in Europa bestätigte am Donnerstag, dass die Rakete auf die Türkei abgefeuert wurde. Auf die Frage, ob das Geschoss absichtlich Ziele in der Türkei ins Visier genommen habe, antwortete er mit „Ja“. In der türkischen Küstenprovinz Hatay gingen Trümmer einer Abfangrakete nieder. Iran wies seinerseits zurück, dass die Türkei das Ziel gewesen sei. Deren Souveränität werde respektiert, hieß es in einer Stellungnahme im staatlichen Fernsehen. Ähnlich beschwichtigend hat sich Iran allerdings auch schon gegenüber Golfstaaten geäußert – und sie anschließend weiter beschossen. Kein Hinweis auf Konsultationen gemäß Artikel 4 Möglicherweise war die türkische Erklärung auch nur ein Versuch, die Lage zu deeskalieren. Wie Diplomaten der F.A.Z. am Donnerstag bestätigten, gab es keine Hinweise darauf, dass Ankara Konsultationen der Bündnispartner unter Artikel 4 des NATO-Vertrags beantragen wolle. Dieser Mechanismus ist vorgesehen, „wenn nach Auffassung einer von ihnen die Unversehrtheit des Gebiets, die politische Unabhängigkeit oder die Sicherheit einer der Parteien bedroht ist“. Es ist der „Alarmknopf“, bevor die Allianz Artikel 5 aktivieren und die kollektive Verteidigung auslösen könnte. In diesem Fall muss sie gemeinsam im Nordatlantikrat einen solchen Angriff feststellen. In der Geschichte der NATO war das nur einmal der Fall – nach 9/11, den Terrorangriffen auf die USA im Jahr 2001. Der Beschluss fiel einen Tag später, sogar ohne Konsultationen unter Artikel 4. Tatsächlich ging die Initiative seinerzeit nicht von Washington aus, sondern von den europäischen Partnern. Sie wollten sich solidarisch zeigen. Artikel 4 wurde dagegen schon neunmal aktiviert, davon fünfmal durch die Türkei. Dabei ging es meistens um Angriffe im Zusammenhang mit dem Krieg in Syrien. Die Allianz versicherte Ankara ihrer Solidarität und stationierte dort seit 2013 Patriot-Abwehrsysteme. Die Schwelle zu Artikel 5 wurde jedoch auch nach türkischer Ansicht in keinem Fall überschritten. Ankara will nicht in den Krieg hineingezogen werden Die Türkei hat kein Interesse daran, in den Krieg im Nachbarland Iran hineingezogen zu werden. Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat in den vergangenen Wochen gemeinsam mit den Führern der Golfstaaten viel diplomatisches Kapital investiert, um den amerikanischen Präsidenten Donald Trump von seinen Kriegsplänen abzubringen. Später verurteilte er den Krieg als „Verstoß gegen das Völkerrecht“. Eine Schwächung des iranischen Regimes und erst recht ein Ende des iranischen Atomprogramms sind zwar grundsätzlich im türkischen Interesse. Doch in Ankara fürchtet man, dass der Krieg die ganze Region destabilisieren könnte. Zu einem Zeitpunkt, an dem sich die regionale Machtbalance gerade sehr zugunsten der Türkei verändert hatte – in Syrien, im Kaukasus und auch in Iran selbst. Bei alldem hatte Ankara weiter stabile Geschäftsbeziehungen zum iranischen Regime, die man offensichtlich auch beibehalten will. Sollte es zu Waffenstillstandsverhandlungen kommen, würde die Türkei sich wohl wieder als Vermittler anbieten. Flächenbrand befürchtet Abgesehen von dem Raketenbeschuss gab es am Mittwoch aber noch andere Alarmzeichen, die die Türkei mit zunehmender Sorge auf den Krieg im Nachbarland blicken lassen. Erstens verdichteten sich Hinweise, wonach der amerikanische Geheimdienst CIA und der israelische Geheimdienst Mossad iranisch-kurdische Milizen im Kampf gegen das iranische Regime unterstützen könnten. In der Türkei wird befürchtet, dass das der militanten Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) neuen Aufwind geben könnte. Der iranische Arm der PKK, die Partei für ein freies Leben in Kurdistan (PJAK), gehört dem kürzlich gegründeten Bündnis aus inzwischen sechs iranisch-kurdischen Gruppen an, das mit Washington in Verhandlungen stehen soll. Berichten zufolge fordern sie von den USA die Errichtung einer Flugverbotszone. Eine solche kurdisch-amerikanische Zusammenarbeit würde die Beziehungen zwischen Ankara und Washington, die sich aus türkischer Sicht bestens entwickeln, abermals auf eine Belastungsprobe stellen. Es ist zu früh, um zu beurteilen, wie Ankara auf eine Mobilisierung kurdischer Milizen reagieren würde. In Syrien hat das türkische Militär Teile der Grenzregion besetzt, um kurdische Milizen zurückzudrängen, nachdem diese mit amerikanischer Unterstützung eine autonome Region errichtet hatten. Azeris in Iran rufen um Hilfe an Zweitens ist aus türkischer Sicht beunruhigend, dass die turksprachige Minderheit der Azeris in Iran sich durch die amerikanisch-israelischen Luftangriffe und durch die Aussicht auf eine Mobilisierung kurdischer Milizen bedroht fühlt. Die Azeris betrachten sowohl die Türkei als auch Aserbaidschan als Schutzmächte. Eine neu gegründete Interessengruppe der Azeris schrieb am Mittwoch in einem Brief an Präsident Recep Tayyip Erdoğan, der Krieg bedeute für die Minderheit eine „existenzielle Bedrohung“. Die Luftangriffe hätten ein Sicherheitsvakuum im Nordwesten Irans geschaffen. „Bewaffnete Terrorgruppen“, gemeint sind kurdische Milizen, versuchten, die Kontrolle über Gebiete rund um Urmia zu erlangen, die die Azeris als ihr ethnisches Stammland betrachten. Zwischen Kurden und Azeris gibt es in der Region immer wieder kleinere Konflikte. Im Fall einer Eskalation könnte es zu einer Fluchtbewegung über die Grenze in die Türkei kommen. Vor allem Angehörige der turksprachigen Minderheit könnte Ankara kaum Zuflucht verweigern.
