FAZ 22.12.2025
09:07 Uhr

Angreifer Bakery Jatta: Das Stehaufmännchen beim Hamburger SV


Bakery Jatta wurde zum Symbol des lange vergeblichen Bemühens um den Aufstieg beim HSV. Nach der Bundesliga-Rückkehr war der Publikumsliebling schon aussortiert. Nun ist er plötzlich wieder gefragt.

Angreifer Bakery Jatta: Das Stehaufmännchen beim Hamburger SV

Als Bakery Jatta mit Brillanten in den Ohrläppchen zum Training erscheint, nimmt ihn Merlin Polzin in den Arm: „Baka. Du weißt doch . . .“ Beide lachen. Der Trainer schimpfe öfter mit ihm. Und ja, er müsse häufig in die Mannschaftskasse zahlen, sagt Jatta in der Szene aus der Aufstiegsdokumentation „Always Hamburg“, die auch zeigt, dass diesem Spieler keiner böse sein kann. Der 27 Jahre alte Gambier ist nicht nur ein lieber Kerl, der schon mal vergisst, den Ohrschmuck abzulegen, sondern inzwischen auch dienstältester Profi des Hamburger SV. Doch in der Dokumentation war er kaum zu sehen, weil er vom Hauptdarsteller zum Komparsen geschrumpft ist. Zumindest auf dem Rasen. Für die Fans, die jungen wie alten, spielt „Baka“ immer noch eine große Rolle. Dieser liebenswerte Flüchtling, der 2015 in der Nähe Bremens strandete, ehe er ab 2016 beim HSV Karriere machte. Am Samstag gegen Eintracht Frankfurt wurde der Publikumsliebling nach einer Stunde von Polzin auf den Rasen geschickt. Als eine Art rechter Verteidiger. Es gibt viele Verletzte beim HSV, nur deswegen steht Jatta im Kader. Er hatte vor ein paar Wochen eigentlich schon seinen großen Auftritt. Da rannte er über den halben Platz nach vorn, um einen Querpass zum 1:0 in der Verlängerung des Pokalspiels gegen Holstein Kiel über die Linie zu drücken. Weil der HSV noch verlor, ging das Rampenlicht über ihm direkt wieder aus. Gegen Frankfurt aber wurde er zum Bewahrer des Unentschiedens, als er in der 77. Minute auf der Torlinie seinen Bauch in Nathaniel Browns Schuss hielt. Den vollen Einsatz bekommt man von ihm immer. Aber auch Schüsse wie den in den letzten Momenten der Nachspielzeit, als er eigentlich gut positioniert war, den Ball aber drei Meter über das Tor jagte. Zum Glück stand Jatta ohnehin im Abseits. Humorvoller Mann mit bewegender Migrationsgeschichte Dass ausgerechnet dieser schlaksige Mann mit der bewegenden Migrationsgeschichte zum Symbol des lange vergeblichen, dann endlich fruchtenden Bemühens um den Aufstieg geworden ist, strahlt im Hochglanzprodukt Bundesliga Wärme aus. Jatta stieg im Mai 2018 mit ab, wollte helfen, das zu reparieren, galt als wertigster Verkaufskandidat, verletzte sich im Einsatz für den Klub aber schwer und hatte danach mit Blessuren und starker Konkurrenz zu kämpfen. Er ist vermutlich der Profi mit dem schlechtesten ersten Kontakt der Bundesliga. Aber er ist eben auch jemand, der beliebt ist im Team, der über sich selbst und andere schallend lachen kann. Doch dass Steffen Baumgart ihn auf das Abstellgleis geschoben hatte, nagte an Jatta. Die Maßnahme war folgerichtig. 2024 spielt er immer weniger, wenn er mal durfte, vermied Jatta Werbung in eigener Sache. Er wirkte lustlos. Trotz seines Vertrages bis ins Jahr 2029 wurde er so im vergangenen Sommer zum Verkaufskandidaten. Niemand griff zu, auch Leihen platzten. Jatta blieb. Und Polzin schenkte ihm eine neue Chance, die er sich durch mutige Auftritte im Training erarbeitete. „Das waren harte Gespräche“, gab der Trainer im November zu, denn bis dahin hatte Bakery Jatta nicht ein einziges Mal im Spieltagskader gestanden. Schließlich musste er den Unverzichtbaren von einst verbal mitnehmen und ihn informieren, dass – wenn überhaupt – Minuten-Einsätze seine Zukunft seien. Besser als nichts, schien sich Jatta zu denken und schmiss sich im nächsten Test in der Länderspielpause rein. Seitdem gehört das Stehaufmännchen wieder zum aktiven Teil der HSV-Mannschaft, muss nicht mehr von der Tribüne aus zusehen, wie ihm Polzin Rayan Philippe auf der Außenbahn vorzieht. Die Geduld Polzins und seine angenehme Zugewandtheit zahlten sich aus, als Jatta in der 99. Minute des Pokalspiels traf. Und am Samstag dann mit seiner Rettungsaktion auf der Linie im Zentrum der Action stand. Mit seiner gambischen Frau, die er vor einem Jahr geheiratet hat, fand Jatta sein Zuhause in Hamburg. Er will auch nach der aktiven Karriere dort bleiben.