FAZ 20.02.2026
11:11 Uhr

Angela Merkel: Dienst für Deutschland


Nach der Flüchtlingskrise 2015 war lange nicht klar, ob Angela Merkel über 2017 hinaus Bundeskanzlerin bleiben wolle. Freunde wie Gegner hielt sie im Ungewissen.

Angela Merkel: Dienst für Deutschland

Gewiss standen Angela Merkel, als sie im Jahr 2016 viele Monate darüber nachdachte, ob sie bei der Bundestagswahl 2017 noch einmal als Kanzlerkandidatin antreten solle, das Schicksal und die Erfahrungen ihrer Vorgänger vor Augen. Keiner von ihnen war freiwillig gegangen. Auch wenn Wechsel in Spitzenämtern für eine Demokratie konstitutiv sind, auch wenn die Akteure – die kleinen wie die großen – wissen, dass sie nur auf Zeit gewählt sind, mögen sie nicht aus eigenem Willen verzichten. Bundeskanzler, Machtmaschinen der höchsten Kategorie, leben aus dem Selbstbewusstsein, ihre Aufgaben besser erfüllen zu können als alle anderen – erst recht besser als die Parteifreunde. Den Aufstieg aus den Niederungen der Politik haben sie längst hinter sich. Selbstzweifel dürfen sie nicht haben und noch weniger zu erkennen geben. Von jetzt auf gleich wäre ihre Autorität verloren – gegenüber der Öffentlichkeit und auch der eigenen Partei. Potentielle Nachfolger sehen sie als Konkurrenten an, die mit den Hufen scharren. Verantwortungsgefühl für das Land spüren sie auch. Sie sei auch deswegen so lange Bundeskanzlerin geblieben, schrieb Merkel in ihrer Autobiographie, „weil ich in meinem Leben unendlich viele Stunden über richtige Zeitpunkte nachgedacht habe. Das ist in der Politik unglaublich wichtig.“ Den „richtigen Augenblick“ zu erwischen „entscheidet über Gelingen und Misslingen“. Ihre Vorgänger im Kanzleramt kämpften bis zum bitteren Ende. Konrad Adenauer war 1963 nach 14 Jahren Kanzlerschaft von Parteifreunden und dem FDP-Koalitionspartner aus dem Amt gedrängt worden. Sein Nachfolger Ludwig Erhard wurde 1966 von führenden CDU-Politikern im Stich gelassen. Kurt Georg Kiesinger verlor 1969 die Bundestagswahl. Der erste SPD-Kanzler Willy Brandt trat 1974 wegen einer Spionageaffäre zurück. Sein Nachfolger und Parteifreund Helmut Schmidt scheiterte 1982 an der eigenen Partei und am FDP-Koalitionspartner. Helmut Kohl setzte sich 1998 über Stimmen in der CDU hinweg, nach 16 Jahren sei es Zeit für eine Verjüngung. Er wurde abgewählt. Gerhard Schröder, Merkels Vorgänger, schied 2005 nach einer Wahlniederlage aus dem Amt. Auch Merkel werde ein solches Schicksal widerfahren, sagten im Laufe der Jahre CDU-Politiker und sogar manche Mitarbeiter voraus. Nur die hundertprozentigen Angela-Merkel-Fans gaben sich sicher, die erste Kanzlerin werde sich auch darin von allen Vorgängern unterscheiden: Sie werde selbst bestimmen, wann Schluss sei. Sie denke alles vom Ende her, wurde verbreitet. Sie wolle nicht, wie vordem ihr Förderer Helmut Kohl, aus dem Kanzleramt herausgetragen werden. Mal mit der SPD, mal mit der FDP Drei Bundestagswahlen hatte Merkel als Kanzlerkandidatin der Union 2016 gewonnen. 2005 konnte (und musste) sie mit 35,2 Prozent eine große Koalition bilden, ein Bündnis, das in den Jahren der internationalen Finanzkrisen leidlich gut funktionierte, obwohl der SPD-Partner nahezu gleichstark war. 2009 gab es mit 33,8 Prozent leichte Verluste für die Unionsparteien. Doch die Mehrheit im Bundestag reichte mit dem – wie das damals hieß – „geborenen“ FDP-Partner aus. Gleichwohl sollte sich die Koalition zerstreiten wie keine Regierung zuvor. Bei der Bundestagswahl 2013 erzielten Merkels Unionsparteien ein Ergebnis wie seit Kohls Zeiten nicht mehr: 41,5 Prozent. Die abermalige große Koalition regierte halbwegs harmonisch. Mit der SPD ging die Bundeskanzlerin sorgsam um. Sie machte Zugeständnisse. Sie pflegte den Kompromiss. Groß war ihr Ansehen in der Innenpolitik. In der CDU wurde sie nicht mehr „Mutti“ genannt, sondern „Chefin“. Wirtschaftspolitisch profitierte sie immer noch von Schröders Agenda-2010-Reformvorhaben. Im Ausland gefeiert Im verbündeten Ausland wurde sie gefeiert. 2015, nach ihrer Entscheidung, die Grenzen für Flüchtlinge zu öffnen, wurde sie vom Magazin „Time“ als erste Frau seit fast drei Jahrzehnten als „Person des Jahres“ gewürdigt. Spekulationen gab es, nach ihrer Kanzlerschaft könne sie Generalsekretärin der Vereinten Nationen oder auch Präsidentin der EU-Kommission werden. Merkel hielt sich an Erfahrungen ihrer Vorgänger, das Wichtigste für Kanzler sei die personelle Stabilität ihrer Büros: Kohl hatte Juliane Weber als Büroleiterin, Schröder Sigrid Krampitz, Scholz hatte Wolfgang Schmidt. Fundament der Möglichkeit Merkels, 2016 über Monate hinweg Anhänger, Konkurrenten und Gegner im Unklaren zu lassen, ob sie 2017 noch einmal als Kanzlerkandidatin antreten wolle, waren ihre besondere Fähigkeit in Sachen Personalpolitik. Mit Beate Baumann, der Leiterin ihres Büros, und mit Eva Christiansen, ihrer Beraterin in Medienfragen aller Art, arbeitete sie seit gut zwei Jahrzehnten zusammen. Die drei Frauen, die einst im männlich dominierten Bonn abschätzig „Dreimädelhaus“ tituliert wurden, waren ein eingespieltes Team. Baumann und Christiansen wirkten nicht nur im Binnenbetrieb des Kanzleramtes, sondern auch nach außen in das journalistische Umfeld, ohne dem Kanzleramtschef, den Abteilungsleitern und dem Sprecher der Bundesregierung in die Quere zu kommen. Einfluss auf Parteiangelegenheiten und die Öffentlichkeitsarbeit der CDU hatten sie auch. Wie einst unter Helmut Kohl wurde die CDU aus dem Bundeskanzleramt geführt. In dem CDU-Abgeordneten Volker Kauder hatte Merkel einen Vorsitzenden der Unionsfraktion, der ihr gegenüber loyal war und zudem den christlich-konservativen Flügel der CDU abdeckte. In diesem Sinn harmonierte er mit der bayerischen CSU. Kauder hatte 2002 als Generalsekretär der baden-württembergischen CDU die Kanzlerkandidatur von Edmund Stoiber (CSU) unterstützt – damals gegen Merkels Ambitionen. Merkel gewann ihn für sich. Als Fraktionsvorsitzende machte sie ihn zum Ersten Parlamentarischen Geschäftsführer, kurzzeitig zum CDU-Generalsekretär und 2005 zum Fraktionschef. Für die merkelsche Politik organisierte er die Mehrheiten – hart und mit einem Selbstbewusstsein, wie es einem Fraktionschef zukommt. Eine eigene Kanzlerschaft hatte er nicht im Blick. Unterstützung durch die „jungen Wilden“ Eine Gruppe einst jüngerer CDU-Politiker, die in der Endphase Kohls „junge Wilde“ genannt wurden und die zum Ärger des Kanzlers und des konservativen CDU-Flügels Kontakte zu den Grünen aufgenommen hatten, half Merkel dauerhaft gegen die innerparteiliche Konkurrenz. Vor allem Peter Altmaier, Hermann Gröhe, Ronald Pofalla und Norbert Röttgen (der als Einziger später die „Familie“ zu verlassen hatte) gehörten dazu. Merkel hatte sie mit der Zusage für sich gewonnen, deren Reformvorstellungen für das Ausländer- und Staatsbürgerschaftsrecht zu unterstützen, die sich von bis dahin dominanten konservativen CDU-Positionen unterschieden. Merkel platzierte ihre Gefolgsleute abwechselnd an Schaltstellen der Politik: In der Partei als Generalsekretär, in der Fraktion als Ersten Parlamentarischen Geschäftsführer, in der Regierung als Chef des Kanzleramtes und auch als Kabinettsmitglied. Den rechten Parteiflügel hielten sie in Schach, Wache haltend wie eine Leibgarde Merkels: treu, hinreichend verschwiegen und stets auf der Hut. Ehrgeizige CDU-Politiker fügten sich ein. Von Ursula von der Leyen ist das Eingeständnis überliefert: „Jede Generation hat ihren Kanzler.“ In Medien wurde Merkel als „Schwarze Witwe“ bezeichnet, die ihre Konkurrenten erledigt habe. Kursänderungen schadeten bei Bundestagswahlen nicht. Merkels Personal erdachte und verkörperte die Wahlkampfstrategie der „asymmetrischen Demobilisierung“: Indem Positionen des Gegners (SPD, Grüne) übernommen wurden, wurde er in seinem Kampfeswillen geschwächt. Hilfe von unerwarteter Seite kam hinzu. Nach der Atomkatastrophe von Fukushima 2011 gehörten Markus Söder (CSU), damals Umweltminister in Bayern, und vom rechten CDU-Flügel Stefan Mappus, damals Ministerpräsident von Baden-Württemberg, zu den Ersten, die von Merkel ein sofortiges Ende der Nutzung der Kernenergie verlangten. Die Aussetzung der Wehrpflicht wurde vom CSU-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg bewerkstelligt, der auf CDU-Parteitagen wie ein Popstar gefeiert wurde. In Horst Seehofer hatte Merkel einen CSU-Vorsitzenden zur Seite, der sich im Kampf gegen eine neoliberale Wirtschaftspolitik von der SPD nicht übertreffen lassen wollte. Das System funktionierte. Die Kanzlerin stark wie nie? Bei der Bundestagswahl 2013 hätte es für die Union fast zur absoluten Mehrheit der Mandate gereicht. Die konservativen Gegner der Kanzlerin in der Union spielten kaum noch eine Rolle. Seehofer und die „Herrschaft des Unrechts“ Ungeheuerlichkeiten gab es zwei Jahre später, nach der sogenannten Öffnung der Grenzen für die Flüchtlinge, die, über die Balkanroute kommend, durch Merkels Entscheidung ins Land gelassen wurden. Seehofer nahm sich die Kanzlerin vor. „Wir haben im Moment keinen Zustand von Recht und Ordnung.“ Von einer „Herrschaft des Unrechts“ sprach er. Der CSU-Vorsitzende hatte auch ein Gutachten des vormaligen Verfassungsrichters Udo Di Fabio parat, wonach die Einwanderungspraxis nicht im Einklang mit dem Grundgesetz stehe. Merkels „Wir schaffen das“ wurde von der CSU-Spitze infrage gestellt. Bei einer Regionalkonferenz der CDU im sächsischen Schkeuditz riefen die Leute, sie fühlten sich von Merkel nicht mehr vertreten. Vor einer „nationalen Katastrophe“ wurde gewarnt. Ein Transparent wurde hochgehalten: „Merkel entthronen“. Entsprechende Unterschriftenlisten gab es. Im Bundestag ging selbst der SPD-Koalitionspartner vorsichtig auf Distanz. Der „Wir schaffen das“-Satz Merkels dürfe nicht zur bloßen „Durchhalteparole“ werden, rief der SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Oppermann. Berliner CDU-Politiker wie Jens Spahn registrierten einen Stimmungswandel an der Basis. „Bisher gab es nur Merkel-Fans in der CDU. Jetzt sagen mir Bürgermeister und Landräte: Merkel muss weg.“ In Umfragen sank das Ansehen der Union von 41 Prozent bei der Bundestagswahl 2013 auf nun 38 Prozent. Nach den Übergriffen in der Kölner Silvesternacht verschärfte sich die Anti-Merkel-Stimmung in der Union. Alexander Dobrindt, damals der von der CSU gestellte Verkehrsminister, sagte: „Es reicht jetzt aber nicht mehr aus, der Welt ein freundliches Gesicht zu zeigen.“ Das war nur vordergründig harmlos. Dobrindt zielte auf die Bilder, Selfies auch, die Merkel im freundlichen Miteinander mit Flüchtlingen zeigten, und auch auf ihren Satz: „Wenn wir uns jetzt noch entschuldigen müssen, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mehr mein Land.“ Der Sache nach hatte Dobrindt gegen die Kabinettsdisziplin verstoßen. Fast klang es wie jene Bemerkung „Der Herr Bundeskanzler badet gerne lau, so in einem Schaumbad“, mit der Herbert Wehner, der Vorsitzende der SPD-Fraktion im Bundestag, einst den Niedergang des Bundeskanzlers Willy Brandt (SPD) eingeleitet hatte. Anlass hätte es gegeben, Dobrindt zu entlassen. Seine CSU-Mitgliedschaft rettete ihn. Dobrindt hatte in der Flüchtlingsfrage die Rückdeckung der CSU-Spitze, und laut Koalitionsvertrag nominierten immer schon die Parteien und nicht der Bundeskanzler „ihre“ Bundesminister. Dobrindt konnte sich der Unterstützung der CSU-Landesgruppe sicher sein, die zu Beginn des Jahres auf ihrer Klausur in Wildbad Kreuth verlangt hatte, Flüchtlinge ohne Ausweisdokumente seien an der deutschen Grenze zurückzuweisen. Das fand eine Reihe von CDU-Abgeordneten auch. Sie sammelten Unterschriften für einen Antrag, den sie in der Fraktion zur Abstimmung stellen wollten. Kauder hatte ganze Arbeit zu leisten. Der Fraktionsvorsitzende berief sich auf Heiner Geißler, einst CDU-Generalsekretär unter Kohl. Die CDU sei nicht eine konservative Partei. „Wir sind die christlichen Demokraten.“ Bloß wegen der AfD denke er nicht daran, seine Meinung zu ändern. „Ich lasse mich nicht beirren.“ Merkels Autorität freilich sah er angekratzt. Doch wie immer organisierte er eine Pro-Merkel-Mehrheit in der Fraktion – auch mit dem Hinweis, dass kurz vorher beim CDU-Parteitag nur zwei von tausend Delegierten gegen den Vorstandsantrag gestimmt hatten, in dem – wie von Merkel gewünscht – eine „Obergrenze“ bei der Aufnahme von Flüchtlingen abgelehnt wurde. Die Unterschriftensammler rückten von dem Vorhaben ab, einen Antrag gegen Merkel zur Abstimmung zu stellen. Sie beließen es bei einem Brief mit Bitten an die Bundeskanzlerin. Weniger Abgeordnete als vorher vermutet unterschrieben ihn. 44 von 301. Für Kauder stand fest: „2016 wird ein Schicksalsjahr für Europa und damit auch für Deutschland.“ Im ständig nach Personalien gierenden Berlin begann schon 2015 die Frage gestellt zu werden, ob die nun seit zehn Jahren amtierende Bundeskanzlerin zwei Jahre später noch einmal antreten werde. Peter Tauber, CDU-Generalsekretär, sprach von Phantomdebatten. Eine öffentliche Festlegung, wann Merkel aufhören wolle, werde sie garantiert nicht treffen. Sie werde aus eigener Stärke entscheiden. Ein baldiger Rückzug komme nicht in Betracht – auch wegen der Folgen der russischen Invasion der Krim, der Ukrainekrise und der Finanz-Euro-Krise. Kanzleramtschef Peter Altmaier versicherte, er könne und wolle nichts präjudizieren. Beobachtungen, Merkel baue keine möglichen Nachfolger auf, wurden – auch von der Kanzlerin selbst – mit dem Hinweis beschieden, das sei in einer Demokratie nicht möglich. Seitdem Merkel wegen ihrer Flüchtlingspolitik auch in der eigenen Partei umstritten war, spitzten sich die Debatten zu. Altmaier äußerte, Merkel werde über ihre Kanzlerkandidatur aus eigenem Gusto entscheiden. Terminfragen seien Machtfragen. Fraktionschef Kauder nannte es „Quatsch“, dass sich Wolfgang Schäuble, der Finanzminister, für Höheres bereithalte. Tatsächlich hatte es Versuche gegeben, Schäuble zu einem Putsch gegen Merkel und zur Übernahme des Kanzleramtes zu überreden – und sei es wegen seines Alters als Interimslösung. Gründe für solche Spekulationen hatte es viele gegeben. Mit seiner auf die Folgen von Merkels Grenzöffnung zielenden Bemerkung „Lawinen kann man auslösen, wenn irgendein etwas unvorsichtiger Skifahrer ein bisschen Schnee in Bewegung setzt“, hatte Schäuble seine Unzufriedenheit über deren Management kenntlich gemacht. Meinungsverschiedenheiten zwischen Merkel und Schäuble Jahre später schrieb Schäuble in seinen „Erinnerungen“ über diese Zeit: „Inzwischen wurde auch Edmund Stoiber aktiv und feuerte Seehofer, seinen Nach-Nachfolger im Ministerpräsidentenamt, in dessen Attacken gegen Merkel an. Und mich wollte er dazu bewegen, Merkel zu stürzen, um selbst Kanzler zu werden.“ Schäuble fügte an: „Ich lehnte das entschieden ab. Wie Jahrzehnte zuvor bei Kohl blieb ich bei meiner Überzeugung, dass der Sturz der eigenen Kanzlerin unserer Partei langfristig nur schaden könne, ohne das Problem wirklich zu lösen.“ Schon wegen seiner Querschnittslähmung wäre eine eigene Kanzlerschaft „einigermaßen absurd“ gewesen. Dass er selbst zu solchen Spekulationen beigetragen habe, gestand Schäuble ein. Aus „lüsterner Provokation“ habe er damals mal die Bemerkung hingeworfen, Adenauer sei mit 73 Jahren Kanzler geworden – was als Beweis für eigene Ambitionen missverstanden worden sei. Doch gab es in jenen Monaten eine Fülle von Meinungsverschiedenheiten zwischen Merkel und ihrem Finanzminister – in Sachen Flüchtlinge, Griechenland-Rettung und Bund-Länder-Finanzfragen. Zwar habe sich Merkel immer auf ihn verlassen können, schrieb Schäuble. „Aber natürlich hatte unser Arbeitsverhältnis aus vielerlei Gründen seine beste Zeit hinter sich.“ Schäuble entschied sich, Merkels Kabinett nicht über 2017 hinaus anzugehören. So kam es. Im April 2016, als offen schien, wie es um eine weitere Kanzlerkandidatur Merkels bestellt sei, besuchte der amerikanische Präsident Barack Obama Deutschland. Es gab einen gemeinsamen Presseauftritt der beiden. Zur Verblüffung der Anwesenden würdigte Obama die Klugheit der Verfassungsväter, die Amtszeit der amerikanischen Präsidenten auf zwei Legislaturperioden zu begrenzen. Er beneide Merkel nicht, dass es eine solche Mandatsbeschränkung in Deutschland nicht gebe. Und: „Ich denke, es ist eine sehr gesunde Einstellung, wenn es in einem so großen und vielseitigen Land wie dem unsrigen eine Abwechslung gibt, sodass man – um einen Begriff aus dem Basketball zu verwenden – frischere Spieler, frischere Beine hat und nun den Staffelstab wirklich an den Nächsten übergibt.“ Die einen Beobachter nahmen wahr, Merkel habe verdutzt dreingeschaut, die anderen wollten gesehen haben, ihr seien die Züge entglitten. Die Spekulationen wurden durch Merkels Schweigen befeuert. Allenfalls sagte sie, der richtige Zeitpunkt der Bekanntgabe werde noch kommen. Im Herbst, vor dem CDU-Parteitag, werde es so weit sein, streuten ihre Vertrauten. Auch im Fall des Aufhörens gebe es dann noch genügend Zeit für die Partei, sich auf die neue Lage einzustellen. Merkel müsse sich prüfen, ob die Kraft für weitere vier Jahre reiche. Sie halte sich nicht für unersetzlich, sei sich aber ihrer Verantwortung bewusst – für das Land und auch für die CDU. Vielfach wurde geglaubt, Merkel wolle durch ihr Schweigen mangels Alternativen ihre Anhänger und auch ihre sich bedeckt haltenden Gegner hinter sich bringen. Sie selbst schwieg – so wie auch nach Ende ihrer Kanzlerschaft. Die öffentlichen Debatten damals waren durch ein Einerseits-andererseits gekennzeichnet. Einerseits: Die Flüchtlingszahlen gingen zurück, und Griechenland sei finanziell gerettet – Merkel also könne nach getaner Arbeit gehen. Andererseits: Großbritannien sei soeben aus der Europäischen Union ausgeschieden, und in den Vereinigten Staaten habe der unsichere Kantonist Donald Trump die Präsidentenwahl gewonnen – Merkel müsse als Garant internationaler Stabilität weitermachen. Merkels Vertraute und Mitarbeiter versicherten, in deren Pläne nicht eingeweiht zu sein. Sie stellten sich auf die Unklarheiten ein. Kauder etwa sagte nicht mehr, das Wichtigste im Wahlkampf sei, dass Merkel gewinne, sondern dass keine Koalitionsregierung gegen die Unionsparteien gebildet werden könne. Unter jüngeren CDU-Kräften wurde schier Unsagbares gesagt, weil es den Vorstellungen der Kanzlerin von politischer Führung widersprochen hätte: Merkel könne Kanzlerin bleiben, doch auf den Parteivorsitz verzichten. Und: Volker Kauder, die wichtigste Säule in Merkels Machtsystem, solle in der nächsten Wahlperiode nicht mehr Fraktionschef sein, sondern zum Beispiel Bundestagspräsident werden. CDU-Politikern, die besserwisserisch behaupteten, Merkel werde wieder antreten, wurde das Wort im Mund herumgedreht. Es habe sich nicht um eine Voraussage gehandelt, sondern bloß um einen Wunsch. Bemerkenswert war ein Disput zwischen Merkel und Klaus Schüler. Schüler, der als Bundesgeschäftsführer der CDU alle Wahlkämpfe Merkels mit Erfolg organisiert hatte und zuletzt über mehr Einfluss verfügte als die Generalsekretäre, sollte in interner Runde im August 2016 seine Pläne für den Bundestagswahlkampf 2017 vorlegen. Sein Konzept war auf Merkel zugeschnitten. Nach seinen Erinnerungen nahm das Gespräch folgenden Verlauf. Merkel: „Nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass ich mich noch nicht entschieden habe.“ Schüler: „Dann nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass ich die Wahl dann nicht für gewinnbar halte.“ Konsens aller Beteiligten aber war, Merkel allein werde entscheiden, wie es weitergehe. Ihre Autorität sollte nicht angezweifelt werden. Deutschland dienen Am 20. November 2016 schuf Merkel Klarheit. Im Parteipräsidium und im Bundesvorstand sagte sie: „Der geeignete Zeitpunkt ist heute da.“ Sie werde wieder als Parteivorsitzende antreten und wolle die Unionsparteien wieder in den Wahlkampf führen. „Viele hätten wenig Verständnis, wenn ich jetzt den Dienst für Deutschland nicht mehr tun soll. In dieser Zeit habe ich gesagt, jetzt kannst du dich nicht vom Acker machen.“ Wie zu Beginn ihrer Amtszeit sagte sie, sie wolle „Deutschland dienen“. Deutschland und die Partei hätten ihr viel gegeben. Das wolle sie zurückgeben. Anfang Dezember tagte der CDU-Parteitag in Essen, dort, wo Merkel 16 Jahre zuvor erstmals zur CDU-Vorsitzenden gewählt worden war. Den lautesten Beifall gab es für ihre Bemerkung zur Flüchtlingspolitik: „Nicht alle können und werden bleiben.“ Am Schluss der Rede wurden mehr elf Minuten Beifall gemessen. Doch ihr Wahlergebnis war mäßig: 89,5 Prozent. 2012, auch damals ein Jahr vor einer Bundestagswahl, waren es 97,9 Prozent gewesen. In der Bundestagswahl 2017 wurde sie mit 32,9 Prozent im Amt bestätigt – 8,6 Punkte weniger als vier Jahre davor. „Ich habe mir immer gewünscht und vorgenommen, meine staatspolitischen und parteipolitischen Ämter in Würde zu tragen und sie eines Tages auch in Würde zu verlassen“, sagte sie in jenen Tagen. Es war das letzte Mal, dass die Unionsparteien bei Bundestagswahlen mehr als 30 Prozent der Zweitstimmen erzielten.