Die Bergkuppen sind karg. In sanften Wellen rollen sie von der anatolischen Hochebene hinab in die Weite des Zweistromlands. Zeitlose Ruhe hat sich über die weltabgeschiedene Landschaft gelegt. Dabei hat sich an diesem Ort vor 12.000 Jahren eine Revolution ereignet: Hier war die längste Periode der Urgeschichte, die Altsteinzeit, zu Ende gegangen und hatte einen Prozess eingeleitet, der alles verändern sollte. Am Fuß des östlichen Taurusgebirges, wo sich die arabische Platte unter die eurasische schiebt und Anatolien langsam anhebt, entluden sich plötzlich große Regenmengen. Was bis dahin Steppe war, begann nun an dieser natürlichen Barriere üppig zu grünen. Das Land wurde fruchtbar. Es ist noch nicht lange her, dass der deutsche Archäologe Klaus Schmidt unter den unscheinbaren Hügeln nahe der Stadt Şanlıurfa Großes vermutete. Die Grabungen begannen 1995, und sie übertrafen alle Erwartungen: Auf dem Göbekli Tepe steht nicht nur die älteste bekannte Tempelanlage der Welt, sondern auch die älteste bekannte monumentale Architektur. Dafür mussten sich erstmals Menschen, die bis dahin meist in kleinen nomadischen Gruppen lebten, zu einer Gesellschaft zusammengetan haben. Der Hügel wurde rasch zur Sensation. Inzwischen ist das Grabungsfeld zum Schutz vor der Witterung überdacht, Besucher blicken von erhöhten Gehwegen auf mehr als 60 kolossale T-förmige Pfeiler aus Kalkstein, die bis zu 5,5 Meter hoch sind und vier Rundanlagen bilden. Die größte hat einen Durchmesser von 30 Metern. Um sie herum begannen die Menschen in festen Wohnstätten zu leben. „Die neuen klimatischen Bedingungen boten nomadisierenden Jägern und Sammlern ein ideales Umfeld, um erstmals Siedlungen zu gründen und sesshaft zu werden“, sagt der Istanbuler Archäologe Necmi Karul. Seit 2016 leitet er die Grabungen. Plötzlich gab es mehr Wasser und so viele Tiere, dass sich die Bewohner der dauerhaften Siedlungen weiter von der Jagd ernähren konnten. Erst im Lauf der Zeit sollten sie Ackerbau betreiben und Tiere domestizieren. Heute halten zahlreiche Reisebusse bei der archäologischen Stätte. Göbekli Tepe, seit 2018 UNESCO-Weltkulturerbe, ist offenbar ein Ort, den man gesehen haben muss, und die Ausstellung in Berlin, die vom 6. Februar an der Grabungsstätte und ihren Nachbarn gewidmet ist, wird das Interesse an Göbekli Tepe weiter anheizen. Spektakulär seine Zeit und seine Dimensionen, spektakulär seine frühe Kunst. Tierreliefs verzieren die Pfeiler – Schlangen und Gazellen, Geier und Kraniche, Füchse und Hasen. An einem Sandsteinpfeiler hängt ein dreidimensional gestalteter Leopard, und als die Archäologen 2023 eine Steinbank freilegten, stießen sie auf eine 1,35 Meter lange und 70 Zentimeter hohe und mit Farbpigmenten versehene Wildschweinfigur. Das ist erst der Anfang. Allein auf dem Hügel werden mindestens 16 weitere Rundanlagen vermutet, und Göbekli Tepe selbst ist nur Teil eines Netzwerks von neolithischen Siedlungen. Die Entdeckung ist so phantastisch, dass sie zum Phantasieren einlädt. Waren die Rundanlagen frühe Kultstätten, in denen die Menschen für Rituale und Feste zusammenkamen? Karul, der an der FU Berlin promoviert wurde, bremst. In jener Zeit könne man noch nicht von einer Religion im heutigen Sinne sprechen, sagt er. Die habe sich erst später entwickelt. Vielmehr deutet er die Anlagen als multifunktionale kommunale Gebäude. Mit den Sitzbänken entlang der Wände eigneten sie sich für vieles. Man konnte erzählen, diskutieren, entscheiden, musizieren. Identitätsstiftung im Sand Die Anlagen stifteten Identität; in den Darstellungen an den Pfeilern erkannten die Menschen Bezugspunkte aus ihrer Vergangenheit und aus ihrem Leben, möglicherweise mit mythologischen Aspekten. Eine gemeinsame Geschichte entstand, in der neuen hierarchisierten Gesellschaft mussten Konflikte und Probleme beigelegt werden. Auch dafür eigneten sich die von Pfeilern eingerahmten Rundanlagen. Seit 2021 arbeitet Karul in Karahan Tepe, 50 Kilometer südöstlich von Göbekli Tepe. Die zweite, etwas jüngere Grabungsstätte war von 9400 bis 8000 vor Christus besiedelt. Ihre Bewohner trieben wilde Tiere in abgesperrte Bereiche und sammelten Trinkwasser in Speichern. Auch hier wurden Räume mit verzierten, über fünf Meter hohen Pfeilern freigelegt. Holzbalken verbanden sie mit den Außenmauern, Schilf und Stroh bildeten ein Dach. Die Menschen bauten in den Hang hinein, die Siedlungen waren von außen kaum erkennbar. „Damals demonstrierte niemand mit Bauten Macht“, sagt Karul. Eine Sensation war dann im September 2023 die Entdeckung einer 2,3 Meter hohen Statue eines nackten Mannes. Karul deutet ihn als ein Spiegelbild unserer Existenz. Die Phallusform symbolisiere das Leben, der auf die Rippen abgemagerte Brustkorb den Tod. Einen Einblick in die damalige Gesellschaft gibt ein sechs mal acht Meter großer, in Stein gehauener Raum, in dem – so eine Deutung – Initiationsriten vom Kind zum Erwachsenen stattgefunden haben könnten. Über einen schlangenförmigen Kanal floss Wasser in den Raum, bei dessen Aushöhlen zehn phallusförmige Säulen zurückgelassen wurden. In diesem Szenario betrat das Kind über Treppenstufen den Raum und sah sich einem menschlichen Kopf mit sehr markanten Gesichtszügen gegenüber, dem es in die Augen blickte. Über eine weitere Treppe gelangte es hinaus in einen Zentralraum. Die Archäologen graben erst in einem kleinen Teil der Fläche, in der weitere frühe neolithische Siedlungen vermutet werden. Bereits jetzt bescheren die Entdeckungen dem Tourismus im Südosten der Türkei Auftrieb. Sie sind der Magnet für Kulturtouristen und ein lohnender Ausgangspunkt für weitere Erkundungen zur frühen Geschichte der Menschheit. Zum Beispiel in Şanlıurfa, das lange im Schatten von Gaziantep stand, wo seit 2011 die sensationellen Mosaiken aus Zeugma zu bestaunen sind. Das im 3. Jahrhundert vor Christus vom Diadochen Seleukos am Euphrat gegründete Zeugma war im Jahr 2000 vom neuen Birecik-Staudamm überflutet worden; eine Notgrabung rettete immerhin die kostbaren Mosaiken. Nun ist Şanlıurfa mit einem neu eröffneten Museum gleichgezogen. Es soll mit den 15.000 in 14 Hallen ausgestellten Artefakten das größte und weitläufigste in der Türkei sein. Es ist einzigartig, weil es ausschließlich mit Objekten, die in der Umgebung gefunden wurde, eine große Zahl an Epochen abdeckt: von der Altsteinzeit, die etwa 10.000 vor Christus endete, bis zur Eisenzeit, also bis zum 4. Jahrhundert vor Christus. Es beginnt mit Äxten und Speerspitzen aus der Altsteinzeit. Im Neolithikum wird die Bandbreite größer, etwa mit einer 1993 im Zentrum von Şanlıurfa gefundenen Statue eines Mannes, die 11.000 Jahre alt und 180 Zentimeter groß ist, sowie mit Objekten von Göbekli Tepe, Nevalı Çori und anderen Grabungsorten. Als in der Bronzezeit, die etwa von 3300 bis 1100 vor Christus währte, im fruchtbaren Halbmond mächtige Stadtstaaten und Königreiche entstanden, gründeten die Sumerer in Şanlıurfa eine Handelskolonie, wo nach islamischer Überlieferung Abraham aus der sumerischen Stadt Ur vor dem grausamen Nimrod errettet wurde. Ein Karpfenteich im Stadtzentrum erinnert daran. Mit dem Ende der mesopotamischen Reiche durchzog den Norden der Region eine neue Grenze zu den Persern im Osten und den hellenistischen Staaten und Rom im Westen. Kulturen trafen aufeinander, bekriegten sich. Orte wie die spätantike Garnisonsstadt Dara wechselten wiederholt den Herrscher. Der oströmische Kaiser Anastasios hatte sie 505 n.C. im Zusammenhang mit den anhaltenden Perserkriegen stark ausgebaut. Dara, mit einer gewaltigen Zisterne, einer beeindruckenden Nekropole und in den weichen Fels gehauenen Gräbern, erzählt die Geschichte von Kriegen und von religiösen Kontinuitäten. Sein antiker Sonnentempel wurde in eine byzantinische Kirche umgewandelt. Der Sonnenkult beflügelte den Glauben an die Auferstehung. Das Eindrucksvollste, was Reisende in der Türkei zu sehen bekommen Dara steht für den Krieg der Kulturen, das Reich von Kommagene hingegen für Handel und Austausch. Hier verschmolzen hellenistische Seleukiden, Armenier und Perser. Ihr Reich dauerte nur von 163 vor Christus bis 72 nach Christus, dann wurde es von Rom geschluckt. Das Grabmal, das Antiochos I., der bedeutendste König von Kommagene, im ersten Jahrhundert vor Christus auf dem 2100 Meter hohen Nemrut Dağı errichten ließ, gehört zum Eindrucksvollsten, was Reisende in der Türkei zu sehen bekommen. Die Fahrt von Şanlıurfa zum 200 Kilometer entfernten höchsten Punkt von Kommagene führt vorbei am Atatürk-Staudamm, dessen See die Hauptstadt von Kommagene, Samosata, überflutete. Am Wegrand die Ruinen und die Nekropole von Perrhe. Nach 40 Kilometern erreicht man den Grabtumulus von Karakuş, den Antiochos’ Sohn Mithridates II. für seine Mutter anlegen ließ, mit Säulen, die den aufgeschütteten Hügel beschützen. Noch einmal zehn Kilometer weiter bahnt sich der Euphrat seinen Weg aus einer Felsenschlucht hinaus in die Ebene. An der engsten Stelle hatten die Römer 211 nach Christus eine 34 Meter lange Steinbrücke gebaut, um Truppen an die Front gegen die Perser zu entsenden. Von der Brücke windet sich die Straße hoch in die Berge nach Arsamaia, das die Könige von Kommagene als Sommerfrische dem schwülwarmen Samosata vorgezogen. Hier ließ sich Antiochos auf einem Relief im Handschlag mit dem Sonnengott Mithras verewigen, auf einem zweiten mit dem Halbgott Herakles, hier ließ er seinen Vater Mithridates I. begraben. Auf einer riesigen griechischen Steintafel erließ er kultische Anweisungen für den Umgang mit der Grablege. Kontakt zu den Göttern Die letzte, vierzig Kilometer lange Etappe endet am monumentalen Grabheiligtum des Antiochos I. Den an der Bergspitze aufgeschütteten Grabtumulus umgeben drei Terrassen. An der im Osten endeten in der Antike rituelle Fackelzüge, die aufgehende Sonne tauchte die fünf nebeneinander aufgereihten überlebensgroßen Steinfiguren in sanftes Licht. Links ließ sich Antiochos als Gott darstellen. Es folgen Tyche, die Göttin Kommagenes, Zeus, Apollo und Herakles. Sie alle enthalten griechische und persische Attribute und Insignien, flankiert werden sie von einem Adler und einem Löwen. Die bei einem Erdbeben herabgestürzten Köpfe liegen heute vor ihren Thronsesseln. Eine Steintafel an der Nordterrasse überliefert die Ahnen der Herrscher von Kommagene. Väterlicherseits führte sich Antiochos auf die Perserkönige Darius und Xerxes zurück, mütterlicherseits auf Alexander den Großen und die Seleukiden. In Göbekli Tepe fragten die Menschen noch nach einer neuen Ordnung. Hier oben, unter dem Himmel der Götter, erzählen die Kolossalstatuen, wie die Menschen den Kontakt zu den Göttern suchten. Wie damals blicken sie Tausende Jahre später hinab auf das Reich von Kommagene, der hinter den Bergen untergehenden Sonne entgegen. Sie taucht die Steinfiguren in ein weiches, goldenes Licht. Die trockene Luft flimmert, man hält den Atem an. Wieder ist die Welt zeitlos.
