FAZ 28.12.2025
17:36 Uhr

Anerkennung Somalilands: Netanjahus Interessen in Ostafrika


Als erstes Land weltweit hat Israel Somaliland als unabhängigen Staat anerkannt. Was steckt dahinter?

Anerkennung Somalilands: Netanjahus Interessen in Ostafrika

Die Kritik an der Entscheidung Israels, die von Somalia abtrünnige Region Somaliland anzuerkennen, wird immer lauter. Nach den empörten Reaktionen mehrerer Staaten will nun auch der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zu einer Dringlichkeitssitzung zusammenkommen. 21 überwiegend muslimische Länder warnten in einer gemeinsamen Erklärung vor dem Treffen am Montag vor „schwerwiegenden Folgen“, die das Vorgehen Israels nach sich ziehe. Der „Frieden und die Sicherheit am Horn von Afrika und im Roten Meer“ würden so aufs Spiel gesetzt. Am Freitag hatte Israel als erstes Land weltweit erklärt, die ostafrikanische Region Somaliland als „unabhängigen und souveränen“ Staat anzuerkennen. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und der Präsident der Region am Horn von Afrika, Abdirahman Mohamed Abdullahi, unterzeichneten eine entsprechende Erklärung. Netanjahus Büro zufolge erfolgte der Schritt „im Geiste der Abraham-Abkommen“, im Zuge derer mehrere arabische Staaten ihre Beziehungen zu Israel normalisiert haben. Abdullahi selbst sprach von einem „historischen Moment“. Die zu Somalia gehörende autonome Region hatte sich 1991 nach Beginn des Bürgerkriegs für unabhängig erklärt, mittlerweile verfügt sie über eine eigene Währung, Armee und Polizei. Die Regierung Somalias betrachtet Somaliland allerdings weiter als Teil des eigenen Staates. Vor allem in Mogadischu rief der Schritt Israels entsprechende Empörung hervor. Die somalische Regierung sprach von einem „vorsätzlichen“ und „rechtswidrigen“ Angriff auf die Souveränität des Landes. Die Afrikanische Union warnte vor einem „gefährlichen Präzedenzfall“ mit weitreichenden Folgen. Auch die Europäische Union betonte, dass die Einheit Somalias respektiert werden müsse. Viele weitere Staaten schlossen sich der Kritik an. Eine Vermutung: Palästinenser sollen nach Somaliland Welche Interessen die israelische Regierung mit der Anerkennung verfolgt, ist bislang schwer zu sagen. Doch vor allem eine Vermutung hat international besonders harsche Vorwürfe hervorgerufen. Laut dem israelischen Sender Channel 12 hatte es bereits vor Monaten geheime Kontakte zwischen Israel und Somaliland gegeben. Israel habe damals nach Ländern gesucht, die bereit wären, palästinensische Bewohner des Gazastreifens aufzunehmen. In einer von Qatar veröffentlichten Erklärung vom Wochenende hieß es denn auch, man lehne jegliche „potentielle Verbindung“ zwischen Israels Schritt und Versuchen ab, Palästinenser aus dem vom Krieg verwüsteten Gazastreifen zu vertreiben. Der Außenminister Somalilands, Abdirahman Dahir Adam, wies jede Verbindung der Anerkennung durch Israel mit dem Gazakonflikt zurück. Ein weiterer Grund für die Entscheidung Israels könnte mit der geografischen Lage Somalilands zusammenhängen – und damit vor allem auf strategische Interessen der israelischen Regierung zurückzuführen sein. Das abtrünnige Gebiet an der nordwestlichen Spitze Somalias liegt am Eingang zum Roten Meer und damit in unmittelbarer Nähe zum Jemen. Die von Iran unterstützte Huthi-Miliz, die große Teile des Landes kontrolliert, hat Israel in den vergangenen Jahren immer wieder mit Raketen angegriffen. Die Armee reagiert regelmäßig mit größeren Luftanschlägen. Doch die Entfernung zwischen Israel und dem Jemen ist groß: Um Ziele der Huthi-Miliz zu erreichen, müssen die israelischen Kampfflugzeuge etwa 2000 Kilometer zurücklegen. Ein Zugang zum nahe gelegenen Somaliland könnte das in Zukunft erleichtern.