FAZ 04.12.2025
14:22 Uhr

Analyse der Fahrzeit: Fast alle Schwangeren schaffen es in weniger als 30 Minuten ins Krankenhaus


Schwangere sollen in Deutschland bestenfalls in maximal 40 Minuten eine Geburtsklinik können. Das klappt meist – aber nicht immer. Dennoch sollen Häuser schließen. Was heißt das für die Versorgungsqualität?

Analyse der Fahrzeit: Fast alle Schwangeren schaffen es in weniger als 30 Minuten ins Krankenhaus

96,9 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter erreichen eine Geburtsklinik innerhalb von 30 Minuten Autofahrt. Das ergibt eine Fahrzeitanalyse des Science Media Center (SMC). Insgesamt müssen Schwangere bei etwa 2700 Geburten mehr als 40 Minuten fahren, bis sie eine Geburtsklinik erreichen – und damit länger als von Medizinern empfohlen. Die längsten Anfahrtszeiten müssen Schwangere auf sich nehmen, wenn sie auf der Insel Föhr leben: Sie sind knapp zwei Stunden unterwegs. Auf dem Festland sind die Fahrzeiten besonders in Brandenburg länger als empfohlen, fast eine Stunde dauert es für werdende Mütter aus der Gemeinde Havelaue und mehr als 51 Minuten für welche, die in Templin leben. Die Qualität der Versorgung hängt jedoch nicht nur von der Entfernung zur Klinik ab, sondern auch davon, in welchem Versorgungslevel eine Geburt stattfindet. Die bundesweit aktuell 583 Geburtskliniken sind in vier Level unterteilt. Sie geben an, wie gut die Früh- oder Risikogeburten dort versorgt werden können. Kliniken mit der Versorgungsstufe I haben spezialisierte Intensivbetten für Frühgeborene und entsprechend ausgebildete Ärzte und Pflegerinnen. Zudem sind dies häufig die größeren Kliniken, hier kommen besonders viele Kinder zur Welt. Kliniken, in denen weniger als 500 Kinder im Jahr geboren werden, sind auf Früh- und Risikogeburten meist nicht speziell vorbereitet. Von ihnen existierten zuletzt 96 Stück in Deutschland, davon erreichten 68 nur das niedrigste Versorgungslevel IV. Die Analyse des SMC zeigt: Würden diese kleinen Kliniken wegfallen, müssten zwar mehr Frauen längere Wege in Kauf nehmen. Doch nach der Analyse würden dennoch 94,1 Prozent der Schwangeren weiterhin in weniger als 30 Minuten eine Geburtsklinik erreichen. 264.331 Frauen im gebärfähigen Alter wären von Fahrzeiten von mehr als 40 Minuten betroffen. Fast 34.000 Geburten müssten auf andere Häuser umverteilt werden. Die Auswertung der Qualitätsberichte des Instituts für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG) durch das SMC zeigt zudem, dass nicht alle Geburten im passenden Versorgungslevel erfolgen. In Kliniken mit dem niedrigsten Versorgungslevel IV kamen 2023 rund 8,8 Prozent der Kinder nicht in der für sie optimalen Versorgungsstufe zur Welt, in Level-III-Kliniken waren es 2,7 Prozent. Die Krankenhausplanung und die Entscheidung über Zusammenschlüsse oder Schließungen von Kliniken ist Ländersache. Mit dem neuen Gesetzentwurf zur Krankenhausreform (KHAG) sollen die Erreichbarkeitsvorgaben künftig entfallen. Längere Wege zur Geburtsklinik wären somit kein Grund gegen Schließung oder Zusammenlegung von Kliniken. Die Versorgungsqualität soll gesichert bleiben oder sogar steigen.