„Germany, ihr seid im Cup?“, fragt Amy MacDonald auf Englisch mit starkem schottischen Einschlag. Keine Reaktion. Die Sängerin lacht und schiebt nach: „Ich hoffe, das ist ein Akzentding – oder ihr seid einfach nicht interessiert an der Fußballweltmeisterschaft.“ Spätestens da hat sie den Saal. Es ist diese Mischung aus Selbstironie und direkter Ansprache, mit der die Sängerin das Publikum immer wieder auf ihre Seite zieht. Die sportbegeisterte Songwriterin ist bemüht, extra langsam und verständlich zu sprechen. Im ausverkauften Schlachthof wirkt sie vom ersten Moment an nicht wie ein Star, der sich inszenieren muss, sondern wie jemand, der mit anderen an der Theke auf ein Bier anstößt. Seit fast zwei Jahrzehnten bewegt sich die 38 Jahre alte Sängerin musikalisch zwischen Pop und Folk, mit gelegentlichen Abstechern Richtung Country. In Wiesbaden zeigt sie, warum diese Mischung so langlebig ist: Sie fühlt sich mühelos an, bleibt ehrlich und funktioniert live besonders gut. Gleich zum Auftakt greift MacDonald auf ihr aktuelles Album „Is This What You’ve Been Waiting For?“ zurück. Der Titelsong ist eine Liebeserklärung an das Leben auf Tour, bei dem die Zeit schon mal verschwimmt. „Heute ist Freitag? Für mich fühlt es sich wie Sonntag an“, erzählt sie. Mitsingen, sonst geht das Licht an In Wiesbaden teilt sie sich mit ihrer fünfköpfigen Band die Bühne: druckvoll, aber nie überladen, getragen von ihrer markanten Stimme, die auch live nicht an Wärme verliert. Dass diese Wärme vor allem an den Songs hängt, mit denen viele sie kennengelernt haben, zeigt sich später umso deutlicher. Bei „Mr. Rock & Roll“ und „This Is The Life“ geht das Publikum sichtbar ab. Die Menge singt die Refrains euphorisch mit. Bei „Slow It Down“ fordert sie das Publikum energisch zum Mitsingen auf und droht augenzwinkernd, das Licht anzumachen, falls es nicht laut genug wird. Sie wolle das Talent der Besucher ihrer Tourstopps miteinander vergleichen. Der Effekt: Der Saal singt lauthals mit. Auch abseits des Singalong-Terrains verharrt sie in der direkten, unprätentiösen Rolle, die ihr so liegt. Als sie im Publikum eine schottische Flagge entdeckt und fragt, ob der Fan aus Schottland sei, kommt ein Nein zurück. „They never are. I love it“, sagt sie trocken. Natürlich machen sich die echten Schotten im Saal sofort bemerkbar. „You can’t escape us“, kommentiert sie grinsend. Sportbegeistert und humorvoll Zu ihrem Song „Pride“ kehrt sie noch einmal zum Fußball zurück und erzählt, wie stolz sie sei, dass auch die Schotten sich für die WM qualifiziert hätten. „Wir sind es eher gewohnt, nicht bei der Weltmeisterschaft dabei zu sein“, sagt sie. „Beim letzten Mal war ich zehn Jahre alt.“ Und als unterstützender Fan habe sie vor Spielbeginn oft singen dürfen. Das seien Momente in ihrer Karriere, auf die sie besonders stolz sei. Wiesbaden erinnert MacDonald ein wenig an Schottland. Als sie morgens zunächst blauen Himmel gesehen habe und kurz darauf graues, miserables Wetter, sei sie innerlich fast erleichtert gewesen, sagt sie: „So fühlt sich Zuhause an. Wir sind in Schottland blauen Himmel nicht gewohnt.“ Sie kündigt mit „The Glen“ ein Cover von Beluga Lagoon an, ein Lied über das Ende des Winters. Bald werde es wieder heller, tröstet sie das Publikum – nicht unbedingt in Schottland, aber vermutlich hier. Am Ende bleibt der Eindruck eines Abends, der nicht auf große Effekte setzt, sondern auf Authentizität. MacDonald braucht kein Pathos, um zu überzeugen. Ihre Songs tragen, ihre Geschichten verbinden – und der Schlachthof wird für ein paar Stunden zu einem kleinen Außenposten der Highlands.
