Für die einen ist Zohran Mamdani „islamistischer Kommunist“, für die anderen ist er „Robin Hood“. Dass der neue Bürgermeister von New York bei seiner Amtseinführung am Neujahrstag auf den Koran schwor, löste eine Debatte um die Bedeutung dieser symbolischen Handlung aus, die größer ist als der Moment selbst. Im Kern sollte es aber weniger um die Symbolik gehen, sondern um einen Konflikt, der nicht so sehr mit dem Feindbild Islam, sondern mehr mit dem Selbstverständnis säkularisierter Gesellschaften zu schaffen hat: Welche Rolle darf Religion in einem säkularen Staat einnehmen? Eigentlich sollte weder auf Bibel, Tora noch Koran geschworen werden. Nicht, weil Religion aus dem öffentlichen Raum verbannt gehört, sondern weil der Staat – und damit seine Vertreter – selbst kein religiöses Bekenntnis annehmen sollte. Ein laizistischer Staat muss kein religionsfeindlicher Staat sein. In Frankreich, dem Geburtsland des Laizismus, ist die Kathedrale Notre-Dame de Paris ein nationales Heiligtum. Auch der säkulare Staat ist nicht frei von kulturellen Einflüssen der jeweiligen Religion. Der Staat schafft die Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel die Religionsfreiheit, um (theoretisch) allen Bevölkerungsgruppen individuelle Freiheiten zu ermöglichen. Genauso setzt er aber auch Grenzen: etwa beim Kindeswohl (Schulpflicht) und der Freiheit, ohne Religion leben zu können. Im Prinzip sollte der Staat keine Glaubensrichtung privilegieren. Wer ein Amt im Namen aller Bürger ausübt, sollte sich auf das demokratisch-republikanische Fundament berufen und nicht auf eine höhere Instanz einer exklusiven Gruppe. Es geht um Zugehörigkeit, Anerkennung und Sichtbarkeit Doch warum schwört man eigentlich auf Bibel, Tora und Koran? Das heilige Buch ist in diesen Momenten weniger Glaubensgrundlage als Zeichen. Es signalisiert Zugehörigkeit, Anerkennung und Sichtbarkeit. Mamdanis Eid auf den Koran richtet sich offenkundig auch an muslimische Communities, an jene, die sich möglicherweise aus den politischen Debatten ausgeschlossen fühlten. Die von Mamdani kreierten Bilder senden die Botschaft: Ihr gehört dazu. Ihr seid Teil dieses Staates. In einer pluralen Gesellschaft ist das zunächst nichts Anstößiges – mehr noch, es ist ein klares Signal der Identifikation. In unserer weitgehend säkularisierten Gesellschaft sind Religionen für viele Menschen keine selbstverständliche politische Referenz mehr. Religion, zumal in der Politik, wird oft mit Skepsis betrachtet. Obgleich wir auch eine Rückbesinnung auf tatsächliche oder fiktive religiöse Werte erleben. Prinzipiell ist der Umstand, dass Mamdanis Berufung auf den Koran eine Debatte ausgelöst hat, leicht nachzuvollziehen. Debatten um das Verhältnis von Religion und Staat sind nicht nur legitim, sondern notwendig. Religionen sind keine zarten Pflänzchen, sondern in vielen Fällen mächtige Institutionen. Problematisch wird es vor allem dort, wo diese Debatte in Rassismus und Abwertung zu kippen droht: Mamdanis Amtseinführung wurde von dessen politischen Gegnern genutzt, ihrerseits den Eid als Symbol für das Nichtdazugehören des neuen Bürgermeisters zur amerikanischen Gesellschaft zu deuten. Eine Lesart, die in Deutschland ähnlich von der AfD betrieben wird. Religiöse Beschwörungen aus politischem Kalkül Besonders problematisch wird es, wo Koran, Tora, Beschneidung, Schächtung als Symbole einer vermeintlichen archaischen Religion gegen eine vermeintlich aufgeklärte, christliche Bürgerlichkeit gestellt werden. Wer Zohran Mamdanis Schwur kritisiert, sollte nicht schweigen, wenn Donald J. Trump auf die Bibel schwört oder den selbsternannten „Christian Warrior“ und Evangelikalen Pete Hegseth zum Verteidigungsminister (inzwischen Kriegsminister) ernennt. Das geschieht weniger aus tiefer Frömmigkeit, sondern aus politischem Kalkül. Religiöse Symbole entfalten Bedeutung – gerade im Politischen. Sie erzeugen Resonanzräume, Erwartungen und Machtansprüche. Wer religiöse Zeichen als Amts- und Mandatsträger nutzt, öffnet zugleich die Tür für religiöse Einflussnahmen. Das gilt unabhängig davon, ob es sich um den Koran, die Bibel oder die Tora handelt. Ob ein Politiker persönlich religiös ist oder nicht, lässt sich von außen nicht immer beurteilen. Entscheidend ist aber, dass religiöse Symbole längst Teil politischer Zielgruppenansprache geworden sind. In säkularisierten Gesellschaften ist Religion für viele Menschen kein Ordnungssystem mehr, sondern eine von mehreren Identitäten (oder eben keine). Gerade deshalb wirkt ihr Einsatz im staatlichen Ritual so stark. Er verdichtet oftmals komplexe Biographien mit Brüchen und Widersprüchen zu einem leicht lesbaren Zeichen: Christ, Muslim, Jude. Je enger aber die Verbindung von Religion und Staat wird, desto größer ist die Gefahr, dass religiöse Akteure die Definitionsmacht beanspruchen. Ein Land, in dem dies immer stärker zutage tritt und sich besonders in der Frage des Wehrdienstes für religiöse Juden zeigt, ist Israel. Ein säkularer Staat kann religöse Vielfalt anders schützen Religiöse Praktiken müssen nicht aus der Politik verschwinden. Politiker bringen ihre Sozialisation, ihre Ideen und ihre Weltbilder mit ins Amt. Das ist unvermeidlich und auch legitim. Problematisch wird es dort, wo der Staat selbst religiös spricht, wo er Rituale übernimmt, die eigentlich in den privaten oder gemeinschaftlichen Raum des Glaubens gehören. Ein säkularer Staat kann religiöse Vielfalt schützen, ohne sie zu inszenieren. Die Debatte um Mamdanis Amtseinführung ist auf der einen Seite Ausdruck des erbitterten Kulturkampfes in den USA, auf der anderen Seite ist sie Symbol für den Zielkonflikt moderner Demokratien. Wie lässt sich Anerkennung organisieren, ohne neue Ausschlüsse zu produzieren? Wie geht politische Repräsentation mit der Heterogenität von Gemeinschaften einher? Kann ein Staat überhaupt weltanschaulich neutral sein? Vielleicht wäre es an der Zeit, dass staatliche Eide konsequent von religiösen Bezügen gelöst werden. Nicht als Abwertung von Glauben, sondern als Stärkung eines gemeinsamen, säkularen Fundaments. Religion kann weiterhin gelebt, gezeigt und geschützt werden, aber eben nicht als offizielles Siegel staatlicher Macht. In einer pluralen Gesellschaft ist das kein Verlust, sondern eine Voraussetzung dafür, dass Unterschiede nebeneinander bestehen können, ohne zur politischen Waffe zu werden.
