„Lieben Sie Kinder mehr als Ihnen lieb ist?“ – vor 20 Jahren rief ein Spot mit diesem Titel ein beklemmendes Gefühl in vielen Kinosälen Deutschlands hervor. Mithilfe des ungewöhnlichen Werbefilms hatte sich das Forschungsprojekt „Kein Täter werden“ der Berliner Charité an Männer und Frauen gewandt, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen, um ihnen ein Therapieangebot zu machen. Aus dem Projekt ist über die Jahre in ganz Deutschland ein Netz entstanden, das stetig gewachsen ist. 2014 begann an der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Gießen ein Modellprojekt für Hessen, ein Jahr später war die Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz so weit. Beide haben sich zu einem etabliertem Therapieangebot für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland entwickelt und arbeiten eng zusammen. 13 Anlaufstellen gibt es heute im ganzen Land. Seit den Anfangstagen leiten Johannes Kruse in Gießen und Manfred Beutel in Mainz die jeweiligen Spezialambulanzen „Kein Täter werden“. Sie können auf eine Erfolgsgeschichte zurückblicken. Etwas mehr als 1400 potentielle Patienten haben seit Bestehen Kontakt zur Ambulanz in Mainz aufgenommen, in Gießen waren es rund 800. Die höheren Zahlen für Mainz hängen mit dem Einzugsgebiet zusammen – dort sind vor allem Patienten aus dem Großraum Frankfurt in Therapie, ebenso aus dem Saarland, wo es keine ähnliche Einrichtung gibt. 150 bis 200 Patienten haben in den vergangenen elf Jahren in Gießen mindestens ein erstes Therapiegespräch wahrgenommen, in Mainz waren es innerhalb von zehn Jahren rund 450. An beiden Standorten gab es über den gesamten Zeitraum jeweils nur Kontakt mit einer Frau, sonst ausschließlich mit Männern. Mit jeweils 30 Prozent waren Männer im Alter zwischen 18 und 25 sowie 25 bis 38 Jahren die größte Patientengruppe in Gießen, für Mainz ergibt sich ein Durchschnittsalter von 38 Jahren. „Die Angst davor, Täter zu werden, ist bei jüngeren Männern größer. Wer bis in ein höheres Alter seine Neigung kontrollieren konnte, hat weniger Bedarf für eine Therapie“, sagt der Gießener Klinikleiter Johannes Kruse. Zwischen Schweigepflicht und Opferschutz Der Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie erinnert sich noch gut an die Herausforderungen, die das Modellprojekt gerade in den Anfangsjahren mit sich gebracht hat. „Unsere Klinik hat einen Schwerpunkt in der Behandlung von Menschen, die in der Kindheit Gewalt erlebt und Missbrauchserfahrungen gemacht haben. Die Arbeit mit Menschen mit pädophilen Neigungen hat deshalb anfangs für Spannungen unter den Mitarbeitenden gesorgt, die sich stark mit ihrer Arbeit mit den Opfern von Gewalt identifizieren“, sagt Kruse. Auch die Frage, wie mit Patienten umzugehen sei, die unter einem hohen Druck stehen, ihre Neigung auszuleben, habe zu Konflikten geführt. „Das hat sich normalisiert. Heute haben wir in der Arbeit eine hohe Professionalität und sehr klare Leitplanken, wie wir mit den Themen Schweigepflicht und Opferschutz umgehen“, sagt der Klinikleiter. Was sich in all den Jahren nicht verändert hat, ist der hohe Leidensdruck der Patienten, die sich ihre Veranlagung nicht ausgesucht haben. Der Schritt zu einer Therapie in der Spezialambulanz erfordert Mut. „Die Patienten sind verzweifelt. Wenn sie ihre Sexualität, ein menschliches Bedürfnis, ausleben wollen, werden sie straffällig. Sie haben eine Neigung, die sie niemals ausleben dürfen, und müssen damit klarkommen, ohne sich selbst zu verachten“, sagt Kruse. Voraussetzung für eine Therapie ist, dass sich die Personen aufgrund ihrer Neigung aktuell nicht in einem Ermittlungs- oder Strafverfahren befinden. Die Ambulanz sichert den Patienten Anonymität zu. Jede Person erhält eine Nummer und wählt einen Namen, mit dem sie angesprochen werden möchte, zur Kontaktaufnahme und Terminabsprache werden anonyme E-Mail-Adressen genutzt. Die Behandlung ist unentgeltlich und durch die Schweigepflicht geschützt. Künftigen Missbrauch verhindern „Die Schweigepflicht ist für unsere Arbeit enorm wichtig, wenn wir künftigen Missbrauch verhindern wollen“, sagt Psychologin Hannah Pairan, die zum Mainzer Team gehört. Aufseiten des Opferschutzes sei dies manchmal schwer auszuhalten. Die Schweigepflicht gelte bezüglich aller in der Vergangenheit liegenden Fälle. Bei einer akuten Gefährdung stehe aber immer das Wohl des Kindes oder Jugendlichen an erster Stelle. Welche sexuelle Präferenz ein Mensch hat, bildet sich etwa zwischen dem 13. und 16. Lebensjahr aus. „Die Gene spielen eine Rolle, aber auch frühe Entwicklungsbedingungen. Wie dies genau zusammenhängt, ist noch nicht klar“, erklärt Kruse. Die Zahl der Menschen mit dieser Veranlagung sei im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung relativ konstant. „Die Datenlage zu dieser Frage ist noch etwas unsicher, man geht von bis zu einem Prozent der Bevölkerung aus“, sagt Kruse. Dass die Zahlen in den Ambulanzen über die vergangenen Jahre gestiegen seien, hänge vor allem mit einem veränderten Unrechtsbewusstsein und neuen Kommunikationswegen zusammen. Von einer „Heilung“ wollen die Psychologen nicht sprechen. Wenn die Therapie nach anderthalb bis zwei Jahren beendet sei, gehe es darum, „die Präferenz zu akzeptieren und zu kontrollieren, keine Missbrauchsabbildungen mehr zu konsumieren und keinen Kontakt zu Minderjährigen aufzunehmen“, sagt Pairan. Die Präventionsarbeit und ein enger Austausch der Ambulanzen mit Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit sei deshalb eine zweite wichtige Säule. „Wir wissen, dass Menschen, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen, von diesem Bereich angezogen werden“, sagt der Mainzer Ambulanz-Leiter Manfred Beutel. Eine gute Nachricht für die Ambulanzen ist, dass die Finanzierung weitergeht, denn nach wie vor läuft die Arbeit als Modellprojekt. Anfang November hat der Bundestag die letztmögliche Verlängerung bis 2027 beschlossen. Die Finanzierung kann damit weiter durch die gesetzlichen Krankenkassen erfolgen. Bis dahin wird die Evaluierung des wissenschaftlich begleiteten Projekts abgeschlossen sein. „Dann steht die politische Entscheidung an, wie es mit der Arbeit in Zukunft weitergehen wird“, sagt Kruse.
