FAZ 24.02.2026
06:26 Uhr

Alternative Dienstleister: Wie man von Google, Paypal und Whatsapp loskommt


Amerikanische Techkonzerne bestimmen unseren digitalen Alltag. Der Chaos Computer Club will Alternativen bekannter machen. Dazu veranstaltet er auch im Rhein-Main-Gebiet digitale Unabhängigkeitstage.

Alternative Dienstleister: Wie man von Google, Paypal und Whatsapp loskommt

Die Karnevalsfotos liegen in der Cloud, die Schulden für das Mittagessen schickt der Kollege über Paypal, und die Feierabend-Gruppe verabredet sich über Whatsapp zur Bierrunde. Auf dem Weg dorthin, in der U-Bahn, schaut man vielleicht nach, was die Freunde auf Facebook gepostet haben, und kommentiert noch einen Beitrag auf X (ehemals Twitter). Für die meisten digitalen Nutzer ist das Alltag. Längst haben sie dabei akzeptiert, dass die Konzerne hinter den Programmen – Meta (Facebook, Instagram, Whatsapp), Alphabet (Google, Youtube) und Elon Musks Kurznachrichtendienst X – ihre Surfverhalten detailliert aufzeichnen und auswerten und ihnen über Algorithmen der Dienstleister Werbung genau zu den Themen und Produkten zuspielen, über die sie sich vielleicht gerade unterhalten oder zu denen sie im Internet gesurft oder gegoogelt haben, wie es in Anlehnung an die Suchmaschine heißt. Was soll’s, sagen die Unbedarften. Weiß Google halt, für was ich mich interessiere. Im Würgegriff von Meta, Alphabet und Co. Allerdings wächst zunehmend auch das Unbehagen darüber, sich digital komplett in die Hände amerikanischer Techkonzerne zu begeben. Dass Populisten wie Donald Trump und Autokraten weltweit die digitalen Kanäle für Hass und Falschinformation nutzen und gezielt versuchen, politisch Einfluss zu nehmen, hat eine neue Dimension. Die Techkonzerne selbst helfen dabei, indem sie Faktenchecks zurückfahren und sich nicht an hiesige Regeln wie den Europäischen Digital Services Act (DSA) halten, der für ein sicheres und freies Internet steht. Nach einer repräsentativen Bitcom-Umfrage vom November wünschen sich hierzulande zwei Drittel der Befragten mehr digitale Geräte, Technologien und Dienstleistungen aus Deutschland und Europa. Ebenso viele gaben an, schon einmal von dem Begriff „digitale Souveränität“ gehört zu haben und zu wissen, was dieser bedeute. Hier setzt der Chaos Computer Club (CCC) an, eine Vereinigung von Hackern und anderen IT-Experten, die sich, 1981 in Berlin gegründet, für Informationsfreiheit und Datensicherheit im Netz einsetzt. Bei ihrem jüngsten Jahreskongress im Dezember in Berlin mit mehr als 16.000 Teilnehmern hat der CCC die Revolte gegen den „Würgegriff der Big Tech“ ausgerufen und das Format „Digital Independence Day“ initiiert. Wie Nutzer manipuliert werden Danach ist jeder erste Sonntag in einem Monat so ein digitaler Unabhängigkeitstag, an dem CCC-Vereine überall in Deutschland in Informationsveranstaltungen und Workshops über digitale Alternativen informieren und ihre sogenannten Wechselrezepte vorstellen. Besucher können das Erlernte gleich an ihren mitgebrachten Geräten austesten. Der Frankfurter Verein, der wie die meisten regionalen Ableger nur lose beim CCC in Berlin angedockt ist, macht am 1. Sonntag im März zum zweiten Mal mit. Diesmal geht es um Alternativen bei Suchfunktionen und Browsern. Axel Stolzenwaldt, IT-Fachmann im Ruhestand, ist einer von rund 100 Mitgliedern des Frankfurter CCC, der den digitalen Unabhängigkeitstag organisiert. Dieser findet wie alle anderen Veranstaltungen des CCC im sogenannten Hack-Quarter statt, das sich seit einem Jahr an der Hohenstaufenstraße 8 in der Nähe vom Frankfurter Hauptbahnhof befindet. Laut Stolzenwaldt hat das Interesse an der Arbeit des CCC zugenommen, weshalb man froh sei über die neuen großzügigen Räume. Stolzenwaldt, der auch als IT-Lehrer in der Schule gearbeitet hat, beunruhigt die politische Einflussnahme in den Netzwerken. Daten würden nicht mehr nur zu Werbezwecken gesammelt, sondern es werde versucht, politische und weltanschauliche Schlüsse aus dem Surfverhalten zu ziehen und Nutzer auf subtile Weise in eine bestimmte Richtung zu lenken. Inhalte würden bevorzugt, andere zurückgehalten. Diese Manipulation hat laut Stolzenwaldt deutlich zugenommen. „Wir können bei Google heute nicht mehr nachvollziehen, warum welche Ergebnisse ganz oben erscheinen.“ Dem CCC gehe es nicht darum, die amerikanische Techbranche generell in Misskredit zu stellen. „Wir machen kein US-Bashing“, sagt er mit Hinweis auf den Messenger-Dienst Signal, der von einer gemeinnützigen Stiftung mit Sitz in den USA betrieben wird, Daten aber besser schützt als Whatsapp und kein Geld damit verdient. Laut einer Statista-Umfrage nutzen gleichwohl 83 Prozent der Deutschen Whatsapp als Nachrichtenkanal. Meta hat damit das Quasimonopol. Wer zu Signal wechselt, wird dort viele seiner Freunde nicht finden. Für Aktivisten wie den CCC gibt es also noch viele dicke Bretter zu bohren. Wie Stolzenwaldt hervorhebt, geht es ihm darum, Wissen in kleinen Schritten zu vermitteln, ohne die Moralkeule zu schwingen. „Dann wird es nicht funktionieren“, sagt der ehemalige Lehrer. Vielmehr müsse man praktikable Alternativen aufzeigen. Dass sich das Bundesland Schleswig-Holstein vom Betriebssystem Microsoft verabschiedet, Schulen, Ministerien und Verwaltungen dort künftig ohne den amerikanischen Softwarehersteller und Programme wie Word und Powerpoint auskommen wollen, zeigt laut Stolzenwaldt, dass die digitale Emanzipation gelingen kann. Das Bundesland tauscht Microsoft gegen das offene System LibreOffice aus. Dahinter steht eine gemeinnützige Stiftung mit Sitz in Berlin.