FAZ 27.01.2026
16:10 Uhr

Altenberger Madonna im Städel: Goldmarie für Frankfurt


Dem Städel gelingt der Ankauf eines der bedeutendsten Kunstwerke mittelalterlicher Bildhauerei in Deutschland – und eine Familienzusammenführung.

Altenberger Madonna im Städel: Goldmarie für Frankfurt

Nun ist sie endlich eine Frankfurterin und bei ihrer Familie. Nach hundert Jahren Einsamkeit und Trennung prunkt einer der qualitätvollsten Madonnen des 14. Jahrhunderts wieder in ihrem angestammten Altarschrein, aus dem sie ein Säkulum lang verbannt war. Die Rede ist von der Altenberger „Madonna mit Kind“, geschnitzt um 1320 in einer Kölner Werkstatt und beinahe verdächtig frisch erhalten. Obelix würde vermutlich etwas wie „diese Nase!“ stammeln, so kleopatrahaft fein ist das Gesicht mit dem distinguierten Lächeln und dem kleinen Grübchen im Kinn geschnitten. Von den nach der Mode der Zeit gezupften Augenbrauen ist die rechte leicht erhoben, als blicke sie selbst leicht ungläubig auf die Lilie der Jungfrauengeburt in ihrer Rechten, in die auch der auf ihrem Schoß stehende Christusknabe mit der flach ausgestreckten Hand weist und die leider im Lauf der Jahrhunderte abgebrochen ist, sodass nur noch ein kurzer grüner Stummel von ihrer fein geschnitzten Hand umgriffen wird. Alles andere jedoch an dieser leicht unter lebensgroßen Altarmadonna ist mira­ku­löser­weise (Privatbesitz schützt bisweilen) zu mehr als achtzig Prozent erhalten, was bei einer ziemlich genau siebenhundert Jahre alten Figur eine Sensation ist. Auf dem vollständig vergoldeten Mariengewand sind in Pastiglia-Technik mit Gips Fassungen für Edelsteinimitate aus Glasfluss aufgetupft, von denen nur die kleineren erhalten sind. Der Marienmantel ist mit mimetisch augentäuschendem Hermelin verbrämt, das schmale Kissen, auf dem sie als Himmelskönigin – ihrer ursprünglich vorhandenen Krone in den Zeitläuften verlustig gegangen – auf der ebenfalls vergoldeten, punzierten und auf der Rückseite mit fingiertem imperialen Porphyr bedeckten Thronbank sitzt, ist mit filigranem Stickornament bemalt. Selbst die unter der Stofffülle des Gewandes herausspitzenden Schuhe sind mit Schwarzlotmalerei wie zeitgenössische Glasfenster modisch dekoriert – und werden auf den Seitenflügeln zitiert. Alles an dem Altarretabel bezieht sich auf die Madonna im Zentrum Dass das Ganze schon Anfang des 14. Jahrhunderts als Gesamtkunstwerk angelegt wurde – die bildhauerische Himmelskönigin umgeben von den Goldschmiede-Reliquienschätzen des Klosters vor allem der Heiligen Elisabeth und gerahmt von gemalten Seitenflügeln –, erweist sich an Details der Bilderzählung: Auf dem linken Flügel ist unten links die Christgeburt in der Weihnacht zu sehen, die Heiligen Drei Könige der Anbetung sind aber nicht dieser Szene zugewandt, vielmehr dem geschnitzten Kind auf dem Schoß der Madonna im Zentrum des Altars. Auch das Hermelinfutter ihres Mantels kehrt auf dem rechten Seitenflügel in der Kleiderspende Elisabeths von Thüringen wieder, der Schutzpatronin des Prämonstratenserinnenklosters Altenberg an der Lahn bei Wetzlar, aus dem das Altarretabel stammt – um die selbstlose Wohltat und vielleicht auch den Argwohn ihres Gatten, des Landgrafen zu erklären, sind die von der Heiligen an die frierenden Armen verteilten Mäntel als hermelingefütterte mittelalterliche Heuken zu identifizieren, die direkt aus der Garderobe ihres Gatten stammen. Aber auch das Gold ihres Mantels ist keinesfalls nur aus hohler Prunksucht eingesetzt: Ihr goldenes Gewand und ihr ebenso glänzendes Blondhaar sollte die Madonna wie eine mit feiner Goldfolie überzogene Reliquienfigur an die Reihe weiterer, ebenfalls goldener Reliquiengefäße im Altar wie das Armreliquiar der heiligen Elisabeth von 1270 angleichen. Für Kritiker, denen die Qualität des Bildwerks keinen höheren einstelligen Millionenbetrag wert scheint, sei kurz die kulturgeschichtliche Bedeutung dieses Altarretabels ausgeführt, das zu den frühesten überhaupt gehört. Standen zuvor vollplastische Madonnenstatuen direkt auf dem steinernen Altarblock, rückten sie ab 1300 ins Zentrum von wie im Altenberger Fall – der, aus einer Kölner Werkstatt stammend, sogar noch das gemeißelte Maßwerk des südlichen Domquerhauses zitiert – aufwendig mit Maßwerkschleiern aus Holz geschmückten Schreinen. Neben den ebenso frühen Retabeln von Doberan, Cismar oder Oberwesel besitzt das Städel nun einen der frühesten, mit hohem Schauwert klappbaren Altarschrein mit zugehöriger Madonna mit Kind. Für die nächsten fast dreihundert Jahre dominierten diese bildgeschmückten Retabelarchitekturen en miniature die Altäre der Kirchen Europas und bildeten für Maler und Bildhauer eine der wesentlichen Motivationen ihrer künstlerischen Innovationen. Der Altenberger Altar als Hochaltarretabel der Prämonstratenserinnen war aber auch technisch staunenswert, da er als doppelt „wandelbares“ Retabel mit seinem Klappmechanismus den unterschiedlichen liturgischen Anforderungen an Werk-, Sonn- und Feiertagen gerecht wurde und damit eines der frühesten erhalten gebliebenen Beispiele dieser Entwicklung ist. Altenbergs Äbtissin war praktischerweise die Tochter der Heiligen Elisabeth So zeigte etwa die partielle Sonntagsöffnung des Retabels die Madonna flankiert von Bildern aus dem Marienleben. Erst bei der vollständigen Öffnung des Schreins wurde dann die Heilige Elisabeth von Thüringen als „Nachfolgerin Mariens“ unter anderem bei der Mantelspende sichtbar. Wenig verwunderlich: Das Kloster war als eine Art Hauskloster denkbar eng mit der hessisch-thüringischen Landgrafenfamilie verbunden. Elisabeth von Thüringen, die 1207 geboren wurde und mit nur 24 Jahren als „Lady Diana des Mittelalters“ – wie ein Historiker-Kolloquium in Berlin sie einmal ehrte – starb, gab nach dem ebenfalls frühen Tod ihres auf dem Kreuzzug an Fieber verstorbenen Mannes Ludwig von Thüringen ihre jüngste Tochter Gertrud in die Obhut des Klosters Altenberg. Gertrud wurde bald schon Äbtissin des Klosters, wodurch die neben Marburgs Elisabethkirche wichtigsten Elisabeth-Reliquien aus erster Hand in den Altar nach Altenberg gelangten und das Kloster ein zentraler Ort der Verehrung der Heiligen wurde. So ist der spektakuläre Ankauf von Privat als konzertierte Aktion der Ernst von Siemens Stiftung, des Städel-Vereins und der Kulturstiftung der Länder nicht weniger als eine glückliche Familienzusammenführung nach hundert Jahren. Ein exemplarisch früher Wandelaltar hat sein goldenes Herz wieder.