Es ist eine schöne Vorstellung: All die Gierschlunde dieser Welt würden ihr verdammungswürdiges Tun auf der Stelle sein lassen und fortan auch an andere denken, allein wegen eines Lächelns. Im Märchen und erst recht im Film ist so etwas möglich, vor allem, wenn Julia Roberts dieses Lächeln aufsetzt. Mit der romantischen Komödie „Pretty Woman“ ist es unvergesslich geworden und trägt gewiss zu einem guten Teil zur bis heute ungebrochenen Popularität des 1990 in die Kinos gekommenen Films von Regisseur Garry Marshall bei. Nicht wenige Zuschauer werden dabei die Geschichte vom steinreichen Geschäftsmann, der sich in eine schöne, aber arme Frau, die auch noch eine (how shocking!) Prostituierte ist, als moderne Aschenputtel-Geschichte deuten, wobei es aber eigentlich nicht die „pretty woman“ Vivian Ward, sondern der Finanzjongleur Edward Lewis sei, der da wachgeküsst werde, die Liebe also über Geld und Status triumphiere. Das meint der schwedische Schauspieler und Sänger Mathias Edenborn, der nun in der Musical-Version von „Pretty Woman“ den Edward Lewis verkörpert und dabei nicht nur gegen den riesigen Schatten des Hollywood-Films anspielen muss, sondern auch gegen die oberflächliche Sichtweise auf eine Figur, die sich einfach kauft, was ihr gefällt. „Im Film spielt Richard Gere den Edward ja sehr ruhig, aber eben stets fasziniert von der Figur der Vivian“, nennt Edenborn eine entscheidende Inspiration „aus meinem Lieblingsfilm“ für seine Darstellung. Shanna Slaap will Julia Roberts nicht kopieren Seine Partnerin auf der Bühne, die Niederländerin Shanna Slaap in der Rolle der Vivian Ward, die nicht nur Edwards Herz mit einem Lächeln zum Schmelzen bringen, sondern auch das Publikum entzücken will, hat die Filmkomödie hingegen erst ein einziges Mal gesehen und wollte in ihrer Vorbereitung auf die Rolle keine Wiederholung. „Ich fürchtete, dass ich sonst anfangen würde zu kopieren. Und mir gefällt ja gerade Julia Roberts’ Unbefangenheit. Die möchte ich auf der Bühne auch ausstrahlen.“ Der Strahlkraft des Films ist sich auch Carline Brouwer bewusst, die die aktuelle deutschsprachige Version von „Pretty Woman – Das Musical“ inszeniert hat, die nach der Premiere Ende Oktober in Oberhausen nun auf großer Tournee durch Deutschland, Österreich und die Schweiz ist. „Wir umarmen den Film, machen aber unsere eigene Version“, sagt Brouwer, die in Zusammenarbeit mit Choreographin Eline Vroon vor allem in den Tanzszenen auf eine humorvolle Note setzt, ohne aber maßlos zu übertreiben. „Man muss schon loyal zu den ikonischen Szenen bleiben“, sagt Vroon, die in ihren Choreographien sowohl Figuren aus dem klassischen Ballett als auch zahlreiche Moves aus Modern Dance, Breakdance und Hip-Hop verwendet. „Wir haben uns an den Tänzen orientiert, die in den späten Achtziger- und frühen Neunzigerjahren auf den Straßen von Los Angeles getanzt worden sein könnten“, sagt Vroon, wobei die Musik eher den Poprock jener Zeit spiegelt, haben die Songs zum 2018 in Chicago uraufgeführten Musical doch der kanadische Rockstar Bryan Adams und dessen langjähriger Songwriting-Partner Jim Vallance geschrieben. Adams und Vallance haben dafür aber nicht einfach nur in die Hit-Schatulle gegriffen, sondern zwei Dutzend neue Stücke komponiert, von denen 21 im Musical zu hören sind, in der aktuellen Inszenierung mit deutschen Texten, die Nina Schneider und Frank Ramond aus dem englischen Original übertragen haben. „Summer of ’69“- oder „(Everything I Do) I Do It for You“-Flair ist dabei aber ebenso fern wie die Notwendigkeit angeschmirgelter Stimmbänder beim Vortrag der Songs. Mathias Edenborn erinnert sich an die Proben zur Hamburger Inszenierung von „Pretty Woman – Das Musical“, als er zwei Tage lang mit Bryan Adams arbeiten konnte: „Der wollte nicht, dass ich in irgendeiner Weise die Songs röhre oder auch nur versuche, sie mit rauer Stimme zu interpretieren. Ich sollte singen, wie es für mich am besten ist, und das war ihm recht.“ So ist ironischerweise kein Bryan-Adams-Lied der Ohrwurm, mit dem die Besucher die Theater verlassen, sondern der zum Schlussvorhang ertönende Roy-Orbison-Klassiker „Oh, Pretty Woman“, dem Film und Musical ja den Titel verdanken. Der Bühnenfassung schadet das nicht, will die doch kein Jukebox-Musical sein, sondern wie die Leinwandvorlage die Geschichte von der Magie der Liebe erzählen, für die es nur vordergründig eines knallroten Kleids oder schwarzer Lackstiefel bedarf. Viel wichtiger ist ein großes Herz am rechten Fleck. Wobei ein bezauberndes Lächeln gewiss nicht schadet, vor allem, wenn es nicht nur Herzen schmelzen lässt, sondern im metaphorischen Sinn auch Raffzähne auf die Knie zwingt.
