FAZ 15.12.2025
15:49 Uhr

Als Opa in der NFL: Das irrwitzige Comeback des Philip Rivers


1800 Tage nach dem Karriereende kehrt Quarterback Philip Rivers zurück aufs Footballfeld. Wie es zum verrückten NFL-Comeback des zehnfachen Vaters und Großvaters kam – und warum der Plan der Colts mit ihm aufgehen könnte.

Als Opa in der NFL: Das irrwitzige Comeback des Philip Rivers

Die letzten Novemberwochen 2024 waren eine besondere Zeit für Philip Rivers. Es waren die Tage, in denen Rivers zum ersten Mal Großvater wurde. Die letzten Dezemberwochen 2025 werden ebenfalls eine besondere Zeit für Rivers. Es sind die Tage, in denen er, 44 Jahre alt, Vater von zehn Kindern und seit November 2024 Großvater eines Enkels, sein Comeback in der National Football League (NFL) gibt. Klingt verrückt. Ist es auch. „Ich hatte einen Riesenspaß“ Exakt 1800 Tage seit seinem eigentlich letzten NFL-Spiel, fast fünf Jahre nach seinem eigentlichen Karriereende, trug der Quarterback am Sonntag das Trikot der Indianapolis Colts beim wichtigen Spiel im Kampf um die Play-offs gegen die Seattle Seahawks. Eine Woche zuvor hatte er noch daheim auf der Couch gesessen, sich Gedanken über sein Highschool-Footballteam gemacht, das er seit mehreren Jahren trainiert, und sich auf die bevorstehenden Feiertage im Kreis seiner Familie gefreut. Dann kam der Anruf aus Indianapolis. Ob er sich nicht vorstellen könne, sehr kurzfristig zu einem Probetraining vorbeizukommen, wurde er sonntagnachts gefragt. Rivers, der seinen ersten Pass in der NFL vor 21 Jahren geworfen hatte, für die San Diego Chargers, die längst nicht mehr in San Diego beheimatet sind, konnte sich das vorstellen. Nur hatte er, das verriet er NFL-Insider Jay Glazer, keine Sportschuhe mehr in seinem Haus in Alabama. Also griff er sich ein altes Paar aus seinem Trophäenschrank, packte seine Tasche und stieg ins Flugzeug. Das Probetraining am Montag, seinem Geburtstag, verlief zufriedenstellend. Am Dienstag nahmen ihn die Colts in ihren „Practice Squad“ auf, eine Art Trainingsgruppe. Am Samstag wurde er in den aktiven Spieltagskader berufen. Und dann, am Tag vor dem Spiel gegen die Seahawks, gab Colts-Trainer Shane Steichen, der mit Rivers bereits bei den Chargers zusammengearbeitet hatte, bekannt, dass Rivers das Team tatsächlich als Quarterback auf das Feld führen werde. „Es war unglaublich. Ich hatte einen Riesenspaß“, sagte Rivers danach. Bei der Pressekonferenz wurde er gefragt, wie es sich denn angefühlt habe, nach so langer Zeit wieder von einem bulligen NFL-Verteidiger umgerammt und in den Boden gewuchtet zu werden. „Ehrlicherweise hat mir das nie etwas ausgemacht“, antwortete er. „Meine Frau sagt immer, ich sei verrückt, weil ich in den vergangenen drei oder vier Jahren manchmal zu ihr gesagt habe: ‚Mann, ich wünschte, ich könnte jetzt einfach einen Ball werfen und umgehauen werden, hart!‘“ Seine Frau Tiffany, eine Highschool-Liebe, die der strenggläubige Katholik Rivers 2001 heiratete, findet das, sagt ihr Mann, „nicht normal“. Rivers aber sagt, seine Leidenschaft für Football hätte nie nachgelassen. Und als sich die Colts bei ihm gemeldet hätten, in einer Verzweiflungstat, nachdem sich der eigentliche Quarterback Daniel Jones einen Achillessehnenriss zugezogen hatte, der Zeitraum für Spielerwechsel innerhalb der Liga zwischen den Teams aber bereits abgelaufen war, hätte er nicht nur an seine Leidenschaft für Football gedacht, sondern auch an seine Söhne. Denen, drei an der Zahl, wolle er eine Inspiration sein, genauso wie den Spielern seines Highschool-Teams. Eine Inspiration dafür, dass es sich nicht lohne wegzulaufen, wenn man vor Herausforderungen stehe. „Natürlich gibt es Situationen, in denen du zweifelst“, sagte er am Sonntag, verschwitzt, mit Tränen in den Augen. „Der sichere Weg ist immer, etwas nicht zu tun. Und der andere, sich einer Situation zu stellen.“ Dass Rivers, der sichtlich zu viel Kampfgewicht mitbrachte zu seinem ersten Auftritt zurück auf der größtmöglichen Footballbühne, Sekunden vor dem Schlusspfiff einen spielentscheidenden Fehler machte, als sein Pass von Seahawks-Verteidiger Coby Bryant abgefangen wurde und damit die knappe 16:18-Niederlage besiegelte, war nur eine Facette dieser nahezu irrwitzigen Comebackgeschichte. Rivers zeigte dabei auch, dass er noch immer mithalten kann in der Liga der Besten, insbesondere im Passspiel und Game Management, wenngleich er nicht immer eine allzu elegante Figur abgab. „Philip hat diese Offensive erfunden“ Für die Colts war das ein gutes Zeichen. Ein Zeichen, dass ihr Wagnis vielleicht doch den gewünschten Effekt entfalten könnte. Quarterback Jones hatte das Team zuvor überraschend auf Play-off-Kurs gebracht, was ihm vor der Saison nur von wenigen Experten zugetraut worden war. Weil Jones aber für ein halbes Jahr ausfallen wird, Ersatz Anthony Richardson seit Wochen verletzt fehlt und auch der dritte Quarterback Riley Leonard, der zwei Monate jünger ist als Rivers’ älteste Tochter, von Knieproblemen geplagt wird, liegt die Verantwortung in den letzten drei Saisonspielen wohl ganz bei Rückkehrer Rivers. Nach drei Niederlagen in Serie stehen die Colts gehörig unter Druck. Dass sie in Indianapolis überhaupt an Rivers dachten, als sie sich darüber Gedanken machten, wer Jones auf der Spielmacherposition ersetzen könnte, hat mit einer gemeinsamen Vergangenheit zu tun. Rivers spielte zwar die längste Zeit seiner ersten NFL-Karriere für die Chargers, zwischen 2004 und 2019 führte er das Team sechsmal in die Play-offs und einmal bis ins Halbfinale, in dem er trotz Kreuzband- und Meniskusriss auf dem Feld stand und den New England Patriots mit Tom Brady unterlag. 2020 aber trug er für eine Saison, seine vorerst letzte in der NFL, schon mal das Colts-Trikot. Damals etablierten er und seine Trainer in Indianapolis einen Spielstil für die Offensive, der noch heute von Headcoach Steichen praktiziert wird: viel Bewegung auf den Positionen, eine intensive Einbindung der Runningbacks, ausbalancierte Würfe angepasst an das Verhalten der gegnerischen Defensive. Rivers kennt dieses System, das er auch von seiner Highschool-Mannschaft spielen lässt, Anpassungsschwierigkeiten gab es in dieser Hinsicht also kaum. „Zuerst fand ich es irgendwie lustig“, sagte Receiver Michael Pittman Jr. über Rivers’ Verpflichtung. „Aber dann habe ich darüber nachgedacht und mir gesagt: ‚Weißt du was, Philip hat diese Offensive erfunden. Das ist die Offensive, die er gespielt hat.‘“ Wenn das Team also einen Spieler suche, der den Play-off-Traum der Colts noch wahr werden lassen könne, „dann ist es er.“ Rivers blieb nach seinem Auftritt gegen die Seahawks zurückhaltend. Er werde weiter gemeinsam mit dem Team daran arbeiten, besser zu werden. Eines aber ist jetzt schon sicher: Rivers hätte eigentlich im kommenden Jahr in die Hall of Fame der NFL aufgenommen werden können. Nach seinem Comeback, so sind die Regeln der Liga, müsste er nun wieder fünf Jahre warten. Mindestens. Fünf Jahre nämlich nach einem Karriereende.