FAZ 06.01.2026
21:39 Uhr

Als Erdgaslieferant: Warum Algier sich Berlin annähert


Algerien sieht sich international isoliert und sucht nach Partnern. Dabei erinnert man sich in Algier an Deutschland. Es geht um Rohstoffe – und einen beträchtlichen Markt.

Als Erdgaslieferant: Warum Algier sich Berlin annähert

Das Flugzeug aus Algier landete in Berlin. Fast ein Jahr lang war der algerisch-französische Schriftsteller Boualem Sansal in algerischer Haft. Seine Freilassung im November verdankte er der Vermittlung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Alle Appelle des französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron und anderer europäischer Politiker hatten nichts gebracht – die Beziehungen Algeriens zur früheren Kolonialmacht hatten schon zuvor einen Tiefpunkt erreicht. Das algerische Parlament verabschiedete jetzt ein Gesetz, das den französischen Kolonialismus als „Staatsverbrechen“ bezeichnet und Reparationen verlangt. Historische Bindungen Algerien sieht sich zunehmend international isoliert und sucht nach Partnern. Dabei erinnert man sich in Algier an Deutschland. Die Bundesrepublik gehörte zu den ersten Staaten, die das unabhängige Algerien 1962 anerkannten. Und in Algerien hat man nicht vergessen, dass Deutschland auch in den dunkelsten Jahren des islamistischen Terrors in Algier diplomatisch präsent blieb. „Die Freilassung des Schriftstellers Boualem Sansal auf Bitten von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist ein deutliches Signal“, sagt der in Marburg lehrende Algerien-Kenner Rachid Ouaissa. Das gelte auch für Delegationsbesuche wie den des neuen Chefs des staatlichen Energiekonzerns Sonatrach. Kaum war Noureddine Daoudi im Herbst 2025 CEO geworden, reiste er nach Berlin. Sonatrach zählt zu den wichtigsten Erdgaslieferanten Europas. Zwei Drittel des algerischen Erdgases gehen nach Italien, rund ein Drittel nach Spanien. Das Land verfügt über riesige Vorkommen. Zudem will es die Produktion von „grünem“ Wasserstoff ausbauen, der in Deutschland benötigt wird. „Es besteht ein gemeinsames Interesse an der Diversifizierung der Wirtschaft. Beide Länder brauchen neue Handelspartner. Deutschland kann von Algeriens Industrialisierung profitieren“, sagt Robin Frisch, der das Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung in Algier leitet. Algerien sei nicht nur ein Erdgaslieferant, sein Produktionspotential für erneuerbare Energien sei riesig, zudem verfüge es auch über Uran und Lithium. Zuletzt war Habeck in Algerien Aus Berlin reiste noch kein ranghoher Besucher der Regierung von Bundeskanzler Merz nach Algerien. Zuletzt war der damalige Vizekanzler und Wirtschaftsminister Robert Habeck in Algier. Beide Seiten verständigten sich 2024 darauf, die Wasserstoffkooperation auszubauen; schon seit 2015 besteht eine Energiepartnerschaft. Algerien und Deutschland soll der Südkorridor für „grünen“ Wasserstoff verbinden. Unternehmen wie Liebherr und Siemens sind seit Jahrzehnten in Algerien aktiv; die deutsche Wirtschaft genieße dort einen hervorragenden Ruf, beobachtet Robin Frisch. Das Potential des algerischen Marktes mit fast 47 Millionen Einwohnern ist groß. Zum Beispiel bei der Nachfrage nach Autos. Aber bislang produziert in dem nordafrikanischen Land nur der Stellantis-Konzern zwei Fiat-Modelle – kein Vergleich zur rasch wachsenden Automobilindustrie im Nachbarland Marokko. Bei der Wiederannäherung an Deutschland spielt auch die Geschichte eine Rolle. In Algier hat man besonders unter den einflussreichen Militärs und den Mitgliedern der Befreiungsfront FLN die deutsche Unterstützung nicht vergessen, die in die Zeit des Kampfes gegen die Kolonialmacht Frankreich zurückreicht. Hans-Jürgen Wischnewski, genannt „Ben Wisch“ Der SPD-Politiker Hans-Jürgen Wischnewski verwaltete in Köln zeitweise die Kriegskasse der FLN. Die Bundesrepu­blik nahm sofort nach der Unabhängigkeit diplomatische Beziehungen auf. Algerien brach sie jedoch ab und setzte sie jahrelang aus, als die Bundesregierung Israel anerkannte. Inzwischen dominiert jedoch der Westsahara-Konflikt, in dem sich Berlin zurückhaltender positioniert als etwa Paris und Madrid. Algier ist die Schutzmacht der Polisario-Front, die für die Unabhängigkeit der früheren spanischen Kolonie Westsahara kämpft, verliert aber diplomatisch gegenüber dem regionalen Rivalen Marokko immer stärker an Boden. „Algerien beginnt zu erkennen, dass China und Russland keine zuverlässigen Partner sind. Die Enthaltung beider Staaten bei der Abstimmung im UN-Sicherheitsrat über die Westsahara-Resolution war ein Schlag ins Gesicht“, sagt der Marburger Professor Rachid Ouaissa. Marokko und die Westsahara Der Sicherheitsrat hatte Anfang November zum ersten Mal ohne ein Veto zu Verhandlungen über eine Autonomie der Westsahara unter marokkanischer Souveränität aufgerufen. Die Resolution hatten die USA eingebracht, die die marokkanischen Ansprüche auf die frühere spanische Kolonie anerkennen und den Druck auf Algerien erhöht haben, sich endlich mit Marokko auszusöhnen. Frankreich, Großbritannien und Spanien unterstützen den marokkanischen Autonomieplan. Auch von anderen Partnern ist man in Algier enttäuscht. So war dem Land 2024 die Aufnahme in den Kreis der BRICS-Staaten verwehrt geblieben, zu denen China, Russland, Indien, Brasilien und Südafrika zählen. Argwöhnisch beobachtet man das zunehmende chinesische Engagement in Marokko, wo ein chinesischer Konzern das größte Batteriezellenwerk für E-Autos in Afrika errichtet. In Europa könnte nun Deutschland wichtiger werden. Nach der Freilassung des Schriftstellers Sansal wird der algerische Staatspräsident Abdelmadjid Tebboune bald zu einem Staatsbesuch erwartet. Er war schon mehrmals in Deutschland. Als neu gewählter Präsident führte Tebbounes erste Auslandsreise 2020 nach Berlin, wo er sich auch wegen einer hartnäckigen Corona-Erkrankung behandeln ließ.