FAZ 25.11.2025
14:58 Uhr

Alltag in Nordkorea: Zehn Geschichten aus einem Land, das so gut wie niemand kennt


Wie sieht der Alltag in Nord­korea aus? Mit welchen Problemen kämpfen die Menschen dort? Welche Hoffnungen und Träume haben sie? Ein Band mit nordkoreanischen Alltagserzählungen bietet einen überraschenden Blick hinter die Mauer des abgeschotteten Landes.

Alltag in Nordkorea: Zehn Geschichten aus einem Land, das so gut wie niemand kennt

Was liest man in Nord­korea? Diese Frage, die unscheinbar, fast naiv wirken mag, offenbart viel über das Land und das, was vom dortigen Alltag nach draußen dringt. Denn sie ist schwer zu beantworten. Während die Literatur anderer Länder der Region international fest etabliert ist – man denke nur an den Literaturnobelpreis für die südkoreanische Autorin Han Kang im vergangenen Jahr –, ist die nordkoreanische im Ausland weitgehend unbekannt. Das Regime schottet das Land derart ab, dass kaum mehr als Meldungen über neue Raketentests und die Unterstützung für Russlands Krieg gegen die Ukraine Verbreitung finden. Aber wie sieht der Alltag in Nord­korea aus? Mit welchen Problemen kämpfen die Menschen dort? Welche Hoffnungen und Träume haben sie? Wie blicken sie auf sich selbst, auf ihr Umfeld und auf ihr Land? Und: Könnte die Literatur Nordkoreas Antworten darauf liefern? Immanuel Kim und Benoit Berthelier haben zehn Kurzgeschichten einiger der bekanntesten Autoren des Landes ins Englische übersetzt. Ihr Band „Hidden Heroes“ versammelt eine Fabrikleiterin und die Frau eines alkoholabhängigen Kriminellen, einen erfolgreichen Architekten und einen in Japan lebenden Nordkoreaner, der sich als Werbeclown durchschlagen muss, neue Nachbarn, die ein gemeinsames Picknick planen, und ein Ehepaar, das durch Bestechung versucht, eine bessere Wohnung zu­gewiesen zu bekommen. Das sind Prot­agonisten, die erstaunlich gewöhnliche Leben führen in einem Land, das für Menschenrechtsverletzungen bekannt ist. Sie sind geplagt von alltäglichen Problemen, die auch westliche Leser kennen. So muss Kim Myŏngok in „A Day in the Life of a Female Manager“ jeden Morgen ihren Sohn triezen, damit er rechtzeitig zur Schule kommt. In anderen Geschichten werden besondere Nöte Nordkoreas deutlich, wenn etwa der Protagonist in „Hoping for Luck to Strike” auf Dienstreise gehen muss, um Material für seine Fabrik zu organisieren – das im sozialistischen Nordkorea eigentlich von der Zentralregierung hätte gestellt werden müssen. Wieder andere Geschichten drehen sich um Themen, von denen man glauben könnte, die staatliche Zensur würde jeglichen Diskurs darüber unterbinden. Mehrere Geschichten thematisieren Korruption in der Verwaltung und eine gar die große Hungersnot der Neunzigerjahre, die Schätzungen zufolge mehrere Hunderttausend Leben forderte. Der Protagonist ist selten der eigentliche Held Diese Bandbreite liegt am verbindenden Thema, nach dem Kim und Berthelier die Geschichten ausgesucht haben: Sie bedienen sich alle des Motivs eines versteckten Helden, das dem Buch auch seinen Titel gibt. Das ist ein beliebtes Motiv in der nordkoreanischen Literatur, weil es die außergewöhnliche Opferbereitschaft ganz normaler Menschen in den Mittelpunkt rückt. In den Geschichten des Sammelbands ist dabei in der Regel nicht der Protagonist der Held, sondern eine Nebenfigur, die im Geheimen gewissenhaft und mit teils großer Auf­opferung ihrer Pflicht nachgeht und für das Allgemeinwohl arbeitet. So ist der renommierte Dirigent Pak Suhyŏn in der Erzählung „Seventeen People’s Laugh­ter“ bereit, für siebzehn feiernde Arbeiter Akkordeon zu spielen, statt die seltene Gelegenheit zu nutzen, Zeit mit seiner Familie zu verbringen. „Wir sind zu dritt, und sie sind siebzehn. Ist es nicht besser, wenn siebzehn Menschen Spaß haben als nur drei?“, erklärt er seiner unglück­lichen Tochter die Entscheidung. Am Ende der Geschichten erkennen die Protagonisten dann die Leistungen des versteckten Helden und sind berührt von dessen Arbeitsethos. Sie reflektieren ihre eigenen Denkweisen und Einstellungen, werden dadurch selbst zu besseren Menschen und vermitteln auch dem Leser, wie er leben sollte. Der Protagonist in „Seventeen People’s Laughter“ etwa ist einer der feiernden Arbeiter und hatte Pak zum Spielen überredet. Als er von Paks Tochter erfährt, dass sie wegen dessen Arbeit seit zehn Jahren keinen Feiertag gemeinsam mit ihrem Vater verbringen konnten, fühlt er sich schuldig, die Pläne der Familie durchkreuzt zu haben. Aber nach dem Gespräch von Vater und Tochter ist das weggeblasen. „Er hat recht. Das ist die richtige Denkweise. Diese Art zu denken ist das Juwel unserer Gesellschaft und hat unser Leben glücklicher und schöner gemacht“, reflektiert er Paks Sichtweise. Frauen kommen durch Ehe in die Stadt, Männer nicht Dieser moralisierende Ton ist kein Zufall. Das Motiv der versteckten Helden wurde in den Achtzigerjahren durch eine Kampagne der nordkoreanischen Regierung ins Leben gerufen und vermittelt die Werte, nach denen sich die Bevölkerung richten soll – nämlich persönliche Aufopferung für das Land und festen Glauben ans Regime der Kim-Dynastie. Der Staat hat neben solchen inhaltlichen Eingriffen auch durch das Setzen von Produktionszielen und die Steuerung der Autorenvereinigungen tiefgreifenden Einfluss auf die literarische Landschaft Nordkoreas. Einen authentischen Blick in die Köpfe der Menschen kann man sich von ihr also nicht erhoffen. Kim und Berthelier unterstützen ihre westlichen Leser bei der Einordnung der Erzählungen durch eine Einführung in die nordkoreanische Literatur, kurze Vorstellungen der Autoren und Kontextualisierungen der thematisierten Probleme. Sie ermöglichen ein umfassenderes Verständnis der Gesellschaft, wenn sie etwa darauf hinweisen, dass der Protagonist und seine Frau in „Hoping for Luck to Strike“ deren Schwester nicht nur mit einem Mann aus ihrer Stadt verkuppeln wollen, damit sie sich leichter sehen können. Die Ehe mit einem Städter ist für Frauen vom Land vielmehr die praktisch einzige Möglichkeit, sozialen aufzusteigen in einem System, das die Bevölkerung trotz der sozialistischer Ideologie in starre Klassen unterteilt. Einem Mann vom Land wäre auch dieser Weg versperrt – denn eine Frau aus der Stadt müsste nach der Hochzeit zu ihm ziehen. Die Herausgeber betonen damit, wie viel diese Erzählungen über scheinbar triviale Aspekte vom Leben in Nord­korea offenbaren. Im Sammelband findet sich eine Vielfalt an Figuren und Blick­winkeln, die den monolithischen, auf das ­Regime fokussierte Blick des Auslands herausfordert. Einen realistischen Eindruck des Alltags in Nordkorea wird man durch die Geschichten zwar nicht be­kommen. Einen menschlichen Blick auf das Leben schon. „Hidden Heroes“. Anthology of North Korean Fiction.  Hrsg. und aus dem Koreanischen ins Englische übersetzt von Immanuel Kim und Benoit Berthelier. First Hill Books, London 2025. 202 S., geb. 80,– Pfund, br. 15,– Pfund.