Wenn er könnte, würde Sébastien Albert-Gondrand sofort als Logistiker aufhören. Er sagt: „Das raubt mir meine Energie und meine Laune.“ Zwischen Dienstag und Donnerstag ist der gebürtige Franzose in einer Speditionsfirma tätig. Er versendet Waren, koordiniert Lastwagen von A nach B und muss sich mit Behörden und Problemen der Fahrer herumschlagen. Dabei würde er sich viel lieber um seinen Spieleverlag kümmern. Vor einem Jahr hat er zusammen mit seiner Lebensgefährtin AllGo-Games im hessischen Hainburg gegründet. Zunächst als Onlinehandel, dann als echten Verlag mit eigenen Spielen. „Da kann ich bis in die Nacht arbeiten und früh aufstehen, und es macht einfach Spaß“, sagt der Sechsundvierzigjährige. Seit einem Jahr sind Albert-Gondrand und Claudia Schrapel in fast jeder freien Minute mit ihrem Kleinunternehmen beschäftigt. Während der Weihnachtstage habe sie eigentlich nur gepackt, sagt Schrapel, und verschickt. Vor Kurzem haben sie ein Ladengeschäft in Hainburg gefunden, das spätestens Anfang März öffnen soll. Sie sind auf Spieleveranstaltungen vertreten, wie „Darmstadt spielt“ oder „Spieligenstadt“, sowie auf Messen, wo sie ihre Spiele präsentieren und verkaufen. Vor Kurzem haben sie nebenbei das Design und die Übersetzung für zwei Spiele fertig gemacht. Die Spiele fünf und sechs für den jungen Verlag. Das erste, das erscheinen wird, heißt „Villa Panda“ und kommt aus Chile. „Ich habe einen sechsstelligen Betrag in den Verlag gesteckt“ „Es ist eigentlich zu viel“, gibt Albert-Gondrand zu. Es habe jedoch eine Frist vom Verlag gegeben, der die Lizenzrechte innehabe. Und im Moment sei sein Motto: „Pushen, pushen, pushen“. Er wolle mit seinem Verlag bekannter werden und am liebsten sofort einen Titel auf den Markt bringen, der einen Hype auslöse und irgendwann das finanzielle Engagement rechtfertige. „Ich habe einen sechsstelligen Betrag in den Verlag reingesteckt“, sagt Albert-Gondrand. Dabei hätten Familie, Freunde und Geschäftspartner in der Spedition davon abgeraten. Er sei jedoch ein risikofreudiger Mensch. Warum aber gründet man überhaupt seinen eigenen Verlag, obwohl es so viele Spiele schon auf dem Markt gibt? Allein zur SPIEL in Essen, der größten Publikumsmesse für Brettspiele, sind im vergangenen Oktober 1700 Neuheiten erschienen. „Wir haben im Ausland viele Spiele kennengelernt, die uns begeistert haben und die es verdient haben, auf Deutsch übersetzt zu werden“, sagt Albert-Gondrand. „Die haben einfach gefehlt.“ In seiner Heimatstadt Nimes sei er oft unterwegs gewesen und habe von Lebensgefährtin Claudia den Auftrag bekommen, Spiele zu besorgen, die es in Deutschland nicht gebe. „Sie kennt sich viel besser aus als ich“, gibt Albert-Gondrand zu. Zum Hobby Brettspiele ist Schrapel gekommen, weil sie Leute kennenlernen wollte. Aus unregelmäßigen Spieleabenden sind feste Treffs mit Gruppen geworden. Sébastien Albert-Gondrand hat die Fünfundvierzigjährige in der Spedition kennengelernt. Die Leidenschaft für das Hobby haben sie von Anfang an geteilt. „Ich habe es immer geliebt zu spielen, aber mir haben die Mitspieler gefehlt“, sagt der Franzose. Bei seinen Streifzügen durch den Spieleladen in Nimes habe er „einige Schätze“ entdeckt. Nach und nach sei die Idee gewachsen, diese Spiele auf Deutsch rauszubringen. Seit dem 22. April 2025 ist AllGo-Games ein Verlag So hat er begonnen, einzelne Spieleverlage in Frankreich zu kontaktieren. Ein Jahr lang hat er keine Antwort erhalten. „Wir haben zunächst versucht, als Händler Fuß zu fassen“, berichtet Schrapel, die zuvor ihren Job in der Spedition aufgegeben hat. Im Januar 2025 haben sie ihren Onlineshop für Spiele livegeschaltet, um den sich Schrapel hauptverantwortlich kümmert. Immer mit dem Ziel, einen Verlag zu gründen. Anfangs haben sie gar nicht gewusst, wo sie Brettspiele überhaupt bestellen müssen. Nach und nach sind sie tiefer in die Branche eingetaucht. Schrapel hat sich in die gängigen Bild- und Designsoftwareprogramme eingearbeitet und Tassen, T-Shirts und weitere Merchandising-Produkte mit dem AllGo-Games-Logo erstellt. Auf den Namen AllGo-Games ist Albert-Gondrand wegen der ersten Buchstaben seines Nachnamens gekommen und weil er zuvor im Allgäu gelebt hat. „Es war ein Wortspiel“, sagt er. Als Inhaber eines Onlineshops hat er es dann noch einmal mit einer Anfrage beim französischen Spieleverlag Gigamic versucht. Die Hartnäckigkeit hat sich ausgezahlt. Am 22. April vergangenen Jahres hat er den Zuschlag für das Spiel „Bango“ bekommen. Gigamic hätten ihm auch den Kontakt zu einem anderen französischen Verlag vermittelt, Blackrock Games. Dann kam Lumberjacks Studio dazu. So wurden „Niwashi“ und „Space Aztecs“ mit aufgenommen. Alle drei sind Familienspiele, also für den Massenmarkt und für Kinder spielbar. „Für den Anfang ist das gut“, sagt Albert-Gondrand. „Es bedeutet weniger Risiko.“ Mit den drei Verträgen in der Tasche ging die Arbeit dann erst richtig los. Wo kann das eigene Logo auf der Schachtel platziert werden? Können kleinere Änderungen am Design oder den Regeln vorgenommen werden? Und welche Übersetzung ist die beste für einzelne Wörter? „Wir haben das abends auf der Couch am Laptop gemacht“, erinnert sich Albert-Gondrand – wenngleich es auch schon mal Streit und Reibereien gab, vor allem dann, wenn er nach langen Tagen in der Spedition erst spätabends nach Hause kam. Trotzdem haben sie den Schritt in das Abenteuer nie bereut. „Wir haben beide unsere Stärken“, sagt er. Er sei derjenige, der gut mit Menschen aus verschiedenen Kulturen reden könne, der Verhandlungen führe und für alle Eventualitäten einen Plan in der Tasche habe. Claudia kümmere sich um die Übersetzungen, das Design und den Vertrieb. Auf der Messe SPIEL in Essen haben sie 500 Spiele verkauft Besonders prägend waren für beide die Erlebnisse auf der Messe SPIEL, für die sie gerade so noch einen Platz als Aussteller bekommen haben. „Was uns an dieser Branche gefällt, ist, dass die Menschen alle so herzlich sind“, sagt Albert-Gondrand. Von einem anderen Verlag hat jemand, den sie erst vor Ort kennengelernt haben, beim Aufbau geholfen. Andere Spieleverleger haben sich trotz eigenen Stresses Zeit für Gespräche genommen. Die anfänglichen Sorgen, nicht gut aufgenommen zu werden, waren verflogen. „Den Spieleerklärer habe ich nach einem Inserat über Kleinanzeigen gefunden“, sagt Schrapel. Der hätte ihr wiederum andere empfohlen und weitere Tipps gegeben. Sie hatten Termine an anderen Ständen von internationalen Verlagen und haben jede Menge Kontakte geknüpft. Von den 3000 Spielen, die sie dabeihatten, haben sie rund 500 verkauft. Seit der Messe bekommen sie täglich Dutzende Mails mit Anfragen. Ob von Autoren, Illustratoren oder Verlagen, die gerne ihre Spiele produziert haben oder Testexemplare schicken wollen. „Wir können gar nicht so viel testen und schon gar nicht so viel umsetzen, selbst wenn wir es wollten“, sagt Schrapel. Zunächst will sich AllGo-Games weiter auf Lokalisierungen konzentrieren. Das heißt: fertige Spiele, die schon durch Redaktionen und Qualitätskontrollen gegangen sind, für den deutschen Markt übersetzen und veröffentlichen. „Für eigene Autorenspiele sind wir noch zu klein“, sagt Schrapel. Ein entsprechendes Spiel müsse ihn schon sehr begeistern, ergänzt Albert-Gondrand. Und selbst dann wären die Verantwortung und das finanzielle Risiko sehr groß. Das Spiel müsste designt, redaktionell bearbeitet, produziert und in den Handel gebracht werden. Dabei sind sie noch mitten im Lernprozess. Ein Beispiel: Die Farben beim Kartenablegespiel „Niwashi“ sind nicht geeignet für Menschen mit Rot-Grün-Schwäche. „Ich habe eine Idee, ohne das Design kaputtzumachen, und werde es dem Autor schicken“, sagt Albert-Gondrand. Es sei eine Vielzahl an kleinen Herausforderungen, die täglich aufpoppen und gelöst werden müssten. Das größte Problem ist im Moment das Budget. Bei internationalen Spielen, die schon einen gewissen Bekanntheitsgrad haben, hat Albert-Gondrand gegen die großen Verlage keine Chance. Wenn er zunächst 1000 Stück für den deutschen Markt anbieten kann, sagen größere Verlage 10.000 Exemplare zu. „Das kann ich mir aktuell nicht leisten“, sagt er. Dafür vernetzt er sich Schritt für Schritt in der Branche. Für einige französische Spiele wie „Salami“, „Mystria“ oder „Boussanga“ hat er als einziger Händler in Deutschland die Vertriebsrechte. Alles Schritte, um sich in der wachsenden Branche irgendwann einen festen Platz zu sichern. Eines steht für Albert-Gondrand in jedem Fall fest: „Wenn ich aus der Logistik raus bin, schmeiße ich eine riesige Party.“
