Den Winzern und Brauern in Deutschland geht es schlecht: Der Klimawandel setzt Weinreben und Hopfen zu – und die Menschen im Land trinken viel weniger Bier und weniger Wein. Im vergangenen Herbst gaben knapp 50 Prozent der Deutschen an, weniger Alkohol zu konsumieren als im Vorjahr. Nur 16,8 Prozent tranken mehr. Statistisch äußert sich das darin, dass pro Kopf im vergangenen Jahr nur noch 8,5 Liter reinen Alkohols genossen wurden. 1980 waren es noch gut 15 Liter. Der Alkohol hat offensichtlich ein Problem. Liegt das daran, dass Organisationen wie die Weltgesundheitsorganisation, Wissenschaftler, Ärzte oder gar die Politiker uns vorschreiben, was wir trinken dürfen? Wohl kaum. In Deutschland gelten sehr liberale Regelungen: Vierzehnjährige können im Beisein von Erwachsenen Alkohol trinken, Sechzehnjährige Bier und Sekt kaufen und trinken. Und von 18 Jahren an ist eh alles erlaubt. Niemand muss – wie in anderen Ländern – seine Bierflasche im Park in einer Papptüte verstecken, ein guter Wein ist ein perfektes Gastgeschenk, und nach einer zu feuchtfröhlichen Firmenfeier muss sich niemand für ein paar Gläser zu viel schämen. Deutschlands Liebe zum Alkohol ist in unserer Kultur tief verwurzelt, Landschaften wurden dem Genuss zuliebe erschaffen. Aber die Trinkkultur scheint in Gefahr. Gesundheitsministerin Nina Warken forderte im vergangenen Jahr bereits, das „begleitete Trinken“ zu verbieten, der Drogenbeauftragte Hendrik Streeck spricht sich für ein Verbot von Alkohol in der sogenannten Quengelgasse vor der Supermarktkasse aus und schlägt vor, den Verkauf an Tankstellen einzuschränken. Die Wein-, Sekt- und Bierbranche reagierte teilweise entgegenkommend, das Trinken in Begleitung von 14 Jahren an könne ruhig abgeschafft werden, man möge aber bitte die anderen, liberalen, Regeln beibehalten. Klug genug, um zu verzichten Doch unabhängig davon, wie sich Politik und Alkohollobby verhalten – die Rechnung wird nicht ohne die Bevölkerung gemacht. Den Menschen hierzulande ist nicht entgangen, dass seit Jahrzehnten die wissenschaftliche Evidenz wächst, wonach auch kleine Mengen Alkohol gesundheitlich schädlich sind, vor allem für Jugendliche. Wer versucht, alkoholhaltige Getränke mithilfe seriöser wissenschaftlicher Studien als harmlos darzustellen, wird scheitern. Eine viel diskutierte Analyse der Fachzeitschrift „Lancet“ aus dem Jahr 2018 zeigt, dass das Risiko für Erkrankungen bei Menschen, die einen Drink am Tag zu sich nehmen, steigt – wenn auch nicht so viel, wie manche fürchten. Diese Analyse ist aber nur eine von vielen – und auch nicht die letzte. Sie alle kommen zum Schluss: Auch geringer Alkoholkonsum erhöht das Risiko für Herz- und Gefäßschäden, für Krebs, Fettleber und Übergewicht und Schäden im Gehirn. Vom Suchtpotential einmal ganz abgesehen, denn meist bleibt es ja nicht bei dem einen Glas. Je nach genetischer und physiologischer Konstitution und sonstigem Lebensstil ist ein Glas Wein oder Bier riskanter oder weniger riskant. Den Einzelnen kann es im schlimmsten Fall zehn oder mehr Lebensjahre kosten, wenn er regelmäßig Alkohol trinkt. Wissenschaftliche Erkenntnisse bleiben in einer aufgeklärten, auf Fitness, Schönheit und Longevity bedachten Welt wie der unseren nicht unbemerkt. Und wer weder die Zeit noch die Lust dazu hat, sich durch die zahlreichen naturwissenschaftlichen Studien zu wühlen, die tagein, tagaus erscheinen, der kann sich auf die Expertise von Ernährungswissenschaftlern verlassen. In unabhängigen Gremien wie beispielsweise der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsforschung sammeln sie neue Studienergebnisse und bewerten laufend neu, welche Lebensmittel in welcher Dosis der Gesundheit zuträglich sind. Beim Thema Alkohol kamen unterschiedliche Gesellschaften aus unterschiedlichen Ländern und die WHO sogar auf unterschiedlichen Bewertungswegen zum gleichen Schluss: Weniger Alkohol ist gut, kein Alkohol ist besser. Wenn Menschen nun weniger Alkohol trinken oder abstinent leben, weil sie sich auf der Grundlage verlässlicher Informationen die Freiheit nehmen, Gesundheit als ein sehr hohes Gut zu begreifen, dann ist das zu begrüßen. Das Gesundheitssystem in Deutschland ist finanziell so am Limit, dass mittlerweile sogar die Übernahme von Zahnarztkosten infrage gestellt wird. Wenn es in Deutschland leise Anzeichen für einen Kulturwandel gibt, wenn sich mehr Menschen um ihre Gesundheit sorgen, dann ist das gut. Niemand wird hierzulande zu einem gesunden Leben gezwungen. Um es mit Kanzler Merz zu sagen, es braucht mehr Mut zu „mehr Eigenverantwortung“.
