Wenn Wissenschaftler nicht bald aufhören, Wörter in Songtexten zu zählen und daraus gesellschaftliche Phänomene abzuleiten, sollte man ihre Studien demnächst auf gleiche Weise durchleuchten. Jüngstes Beispiel: Forscher der Universität Wien schreiben in den „Scientific Reports“, dass die Liedtexte der US-Charts in den letzten 50 Jahren negativer geworden sind und häufiger von Stress handeln. Das passe zu steigenden Zahlen von Depressionen und Stress in der Gesellschaft. Ereignisse wie die Covid-Pandemie kehrten den Trend jedoch um. Positive Lieder wurden beliebter. „Eskapismus“, urteilen die Forscher. Gut möglich, dass das alles stimmt. Nur könnte es auch ganz anders sein. Die Forscher sagen selbst, dass sie nur die „textliche Komponente“ der Musik betrachten. Das ist bei Musik bereits wenig und zudem eine Übertreibung. Es ging nicht um Texte, es ging um Wörter. Zum Einsatz kam das Computerprogramm „Vader“. Es war ursprünglich für die Analyse sozialer Medien gedacht. Grob gesagt, vergibt es Stimmungspunkte für einzelne Begriffe wie „exzellent“ (positiv) oder „traurig“ (negativ) und addiert sie zur Gesamtstimmung. Als würde man ein Gemälde alleine anhand der Farbpalette bewerten Das mag bei Beiträgen auf Twitter hinhauen. Aber bei Lyrik? Da zählt auch jedes Wort, das zwischen den Zeilen steht. Nur die sieht „Vader“ nicht. Ironie? Sarkasmus? Metaphern? Keine Chance. Die Stimmung eines Songs auf diese Weise zu beurteilen, ist, als würde man ein Gemälde alleine anhand der Farbpalette bewerten. Ja, sie ist ein Teil des Bildes, aber für sich genommen verrät sie nichts. Das hält Forscher nicht davon ab, es dennoch zu versuchen. Songtexte sind laut ähnlichen Studien sexistischer, vulgärer, simpler und egozentrischer geworden – mit passenden gesellschaftlichen Schlussfolgerungen. Dabei folgt aus den Studien vor allem eines: Heutige Technologie erlaubt es, Hunderttausende Lieder zu analysieren, ohne nur eines hören zu müssen. Was kommt als nächstes? Eine Auswertung von Steuererklärungen, die Rückschlüsse auf grassierenden Egoismus erlaubt? Eine Analyse von Einkaufszetteln, die Biomarktkunden ein Überlegenheitsgefühl attestiert? Vielleicht sollte man die Wortzähler-Studien selbst studieren. Hypothese: Die technische Möglichkeit, etwas zu messen, verleitet zur Annahme, es verstanden zu haben.
