FAZ 29.11.2025
13:40 Uhr

Alexander Gerst: „Wir müssen den Mond erforschen“


Alexander Gerst könnte bald als erster Deutscher auf dem Mond landen. Im Interview erklärt er, wie er sich auf die Mission vorbereitet und warum seine Stimme schon längst auf dem Mond war.

Alexander Gerst: „Wir müssen den Mond erforschen“

Herr Gerst, was würde es Ihnen bedeuten tatsächlich zum Mond fliegen zu können? Es wäre faszinierend. Ich war schon immer von meiner Umgebung fasziniert. Als ich ungefähr sechs Jahre alt war, hat mein Großvater einmal meine Stimme zum Mond geschickt. Das war ziemlich beeindruckend. Er war Amateurfunker, hat seine Antenne auf den Mond ausgerichtet und ließ meine Stimme an der Mond-Oberfläche reflektieren. 2,5 Sekunden später habe ich dann meine eigene verzerrte Stimme im Empfänger gehört und realisiert, meine Stimme war jetzt auf dem Mond. Ihr Großvater konnte also ihre Stimme schon vor vielen Jahren zum Mond schicken. Jetzt sind Sie tatsächlich als Astronaut im Rennen für die Artemis-3-Mission der NASA, die 2028 starten könnte. Wie wird dieses Team ausgewählt? Es geht weniger um eine einzelne Mission. Artemis ist eine Serie von Missionen. Artemis-I startete 2022 unbemannt; das eingesetzte Orion-Raumschiff wurde zur Hälfte in Bremen gebaut und ist Beweis deutscher Ingenieurskunst. Im Frühling 2026 folgt Artemis-II, diesmal ein Test mit Astronauten: meinen vier guten Freunden Reid Wiseman, Victor Glover, Christina Koch aus den USA und Jeremy Hansen aus Kanada. Wenn diese Mission erfolgreich ist, entscheidet sich, was als Nächstes kommt. Ziel ist ein dauerhafter Zugang zum Mond und der Aufbau von nachhaltigen Forschungsstationen. Da Europa wichtige Bauteile für die Artemis-Missionen stellt, haben wir uns die Flugrechte quasi erarbeitet. Wir dürfen drei europäische Astronautinnen und Astronauten auf die nächsten Missionen mitschicken. ESA-Chef Josef Aschbacher hat in dieser Woche bestätigt, dass einer dieser Plätze nach Deutschland geht. Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein, tatsächlich dabei zu sein? Das ist schwierig zu sagen. Sie stehen nicht schlecht, würde ich sagen. Die Anforderungen an solche Missionen sind komplex. Wenn man jetzt zum Mond fliegt, dann hat man nicht viel Adaptionszeit in der Schwerelosigkeit. Es geht erst mal in den Erdorbit und von dort aus in kürzester Zeit weiter Richtung Mond. Da kann man sich nicht leisten Leute hochzuschicken, von denen man noch nicht genau weiß, ob sie überhaupt in der Schwerelosigkeit zurechtkommen und arbeiten können. Wir müssen jetzt erstmal abwarten, wie die Artemis-2-Mission funktioniert. Aber wie gesagt, die Chancen für mich sind nicht schlecht, aber meine Kolleginnen und Kollegen würden natürlich auch gerne mitfliegen. Sie haben gerade erst ein Training für eine Mondlandung abgeschlossen. Wie läuft das ab? Wir haben unterschiedliche Elemente, die wir trainieren. Wir haben nach wie vor Training im Raumanzug, wir haben eine Mondtrainingshalle in Köln, die wir erst letztes Jahr eingeweiht haben mit 900 Tonnen künstlichem Mondstaub. Und beim neuesten Training ging es darum, zu lernen, wie man vertikale Landeprofile fliegt, denn alle Mondlandefähren müssen vertikal auf der Oberfläche landen. Wie schon bei den Apollo-Missionen geht es darum, dass man in wenigen Sekunden Entscheidungen treffen muss, etwa ob die Landestelle geeignet ist, ob sie vielleicht zu schräg ist oder ob da große Felsen liegen und der Lander umkippen könnte. Wenn man keinen Horizont hat, kann man Skalen nicht abschätzen und man weiß nicht, ob man gerade 100 Meter von der Oberfläche entfernt ist oder zwei Kilometer. Deswegen haben wir von der Bundeswehr in Kooperation mit der ESA eine dreiwöchige sehr intensive Helikopterausbildung bekommen, bei der wir am Schluss in den Alpen auf verschneiten Gipfeln gelandet sind. Das simuliert den aufwirbelnden Staub, den auch Mondlandefähren unter sich haben. Man kann sich deshalb nicht gut orientieren kurz über der Oberfläche und daran muss man sich gewöhnen. Nach drei Wochen konnten wir bis auf wenige Zentimeter genau in einem verschneiten Alpengrad landen. Das hat mich selbst erstaunt. Die USA und China liefern sich gerade wieder ein Wettrennen zum Mond. Beide Nationen wollen zuerst wieder Menschen auf den Mond bringen nach über 50 Jahren. Und auch andere Nationen haben ambitionierte Ziele. Warum ist das Interesse am Mond plötzlich wieder so groß? Aus wissenschaftlicher Sicht war es nie weg. Aber ich glaube, man kann sich das ganz gut erklären, wenn man sich die Entdeckungsgeschichte der Antarktis anschaut. Da ging es auch erst mal darum, dass es einen Wettkampf gab, Flaggen wurden aufgestellt und dann war erst mal Ruhe. Aber die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Polar-Forschungsinstitute haben die ganze Zeit gesagt, da müssen wir hin, das ist wichtig, da ist viel für uns zu holen, da ist vielleicht sogar Klimageschichte als Archiv im Eis eingefroren. Und irgendwann in den 1950er, 1960er Jahren hat die Politik wieder zugehört und gesagt, okay, dann gehen wir da jetzt hin, um dort eine Forschungsstation aufzubauen. Und das hat funktioniert. So ähnlich ist das mit dem Mond jetzt auch, dass wir jetzt den Wissenschaftlern ein bisschen mehr zuhören und dadurch verstehen, wie wichtig er für uns ist. Jetzt kommt noch dazu, dass es wieder diesen Wettkampf gibt zwischen China und den USA. Das belebt das Geschäft in dem Fall tatsächlich. Er beschleunigt die Sache. Aber selbst wenn man diesen Wettkampf komplett weglässt, es ist klar, dass wir den Mond erforschen müssen. Er ist drei Tage Reisezeit entfernt. Das ist so viel wie vor ein paar Jahrhunderten noch die Kutschfahrt von Berlin nach München dauerte. Aber mal unabhängig vom wissenschaftlichen Interesse, in welchem Bereich sehen Supermächte wie die USA und China die größte Bedeutung? Wirtschaftlich? Geostrategisch? Ich glaube, das ist eine Kombination aus allen. Wenn man einen neuen Kontinent erforscht, dann weiß man nie, was man findet. Es könnte auch sehr wertvoll sein. Sie bezeichnen den Mond als 8. Kontinent. Warum? Ich finde, dass das eine sehr passende Analogie ist. Und jetzt überlegt man sich mal, dass man einen Kontinent hat, der drei Tage Reisezeit entfernt ist und man hat ihn noch nie erforscht. Das widerspricht komplett unserer Natur als Menschen. In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass es gut ist, wenn man bei den ersten dabei ist, um sich eine Einflussspähre zu sichern. Zum Beispiel am Mond-Südpol gibt es Ressourcen wie Wasser, was relativ selten ist auf dem Mond. Wenn man an den richtigen Stellen eine Basis errichtet, hat man ein gutes Sprungbrett für die weitere Erforschung des Weltraums und zum Mars. Es wird auch ein Wirtschaftsraum sein. Man sieht jetzt schon viele Firmen, die privatwirtschaftlich dahin reisen wollen, um Dienste aufzubauen im Bereich der Kommunikation und Navigation. Einige Firmen sind dabei, die sich Rohstoffe erhoffen, die man schürfen kann. Man sieht, dass es ganz viele Gedanken gibt, wie der Mond nützlich sein könnte und da ist es eben wichtig, dass man von Anfang an dabei ist, also auch für uns Europäerinnen und Europäer. Was muss dafür passieren? Das Problem in den vergangenen Jahrzehnten war, dass Europa immer ganz gut damit gefahren ist, Junior-Partner der NASA zu sein und dass wir uns darauf verlassen konnten. Um über unser eigenes Schicksal im Weltraum mitbestimm zu können, brauchen wir Schlüsseltechnologien. Einmal um Dinge zur Not selbst machen zu können, aber auch um attraktiver Partner zu sein. Bei dem Transport von Menschen in den Weltraum und zurück und bei dem Transport von Fracht haben wir es salopp gesagt schleifen lassen. Das holt uns jetzt ein. Das müssen wir schnell korrigieren, wenn wir weiterhin eine Rolle spielen wollen. Und darum ging es bei der Ministerratskonferenz der ESA in dieser Woche in Bremen. Dass wir ambitionierte Entscheidungen treffen, um Europa auf einen Pfad zu bringen, auf dem wir eigene Entscheidungen treffen können und dann aber auch nach wie vor international zusammenarbeiten. Das wollen wir nicht abschalten, im Gegenteil, wir wollen uns attraktiv platzieren am Tisch der Weltraumnationen, damit man dann nicht plötzlich auf dem Menü steht. Was meinen Sie damit konkret? Wir schlagen gerade ein System vor, das man zunächst verwenden kann, um Fracht in den Weltraum und wieder zurückzubringen. Das haben wir noch nie geschafft in Europa. Und später wollen wir natürlich auch Menschen in den Weltraum bringen und zurück. Gleich auf, müssen wir für die Mondprogramme noch ein bisschen mehr tun. Wir haben in dieser Woche den Argonauten verabschiedet, eine Landefähre, die 1,5 Tonnen an Fracht auf den Mond bringen kann, etwa wissenschaftliche Experimente, Rover oder auch Ausrüstung in Zusammenarbeit mit astronautischen Missionen wie Artemis. Da müssen wir dranbleiben und noch mehr Beiträge leisten. Wenn wir sagen, wir wollen irgendwann eine europäische Forschungsstation auf dem Mond haben, dann müssen wir da natürlich ein paar Dinge dafür tun. Sie sind Geophysiker und Vulkanologe. Welches Mondgeheimnis würden Sie gerne lüften? Forscherinnen und Forscher gehen davon aus, dass auf dem Mond Gesteinsbrocken liegen, die von der Erde kommen, die durch einen Asteroideneinschlag aus der Erde rauskatapultiert wurden und dann im Weltraum verteilt wurden. Ein paar von denen sind dann auf dem Mond niedergeregnet und liegen da seit potenziell Jahrmilliarden unverändert. Und es könnte sein, die Chance ist anscheinend relativ hoch, dass wir darin Spuren von frühem irdischem Leben finden. Und das würde ein wirklich faszinierendes Fenster in die Vergangenheit öffnen, weil wir hier auf der Erde davon wenig finden und entdecken können. Das ist ausgelöscht und umgearbeitet worden. Und diese Bruchstücke auf dem Mond könnten vielleicht ein kleines Stückchen Wissen einbringen, um diese Lücke zu schließen. Die großen Fragen der Menschheit könnten also auf dem Mond beantwortet werden. Und vielleicht, Herr Gerst, werden auch Sie dort einen Fuß auf den Boden setzen. Haben Sie sich für diesen Moment schon einen Spruch zurechtgelegt? Neil Armstrong hat ja bewiesen, dass solche Sätze in die Geschichte eingehen. Eine Eigenschaft von Astronauten ist, dass wir uns oft um die Dinge dann kümmern, wenn es notwendig wird. Und ich glaube das würde ich mir dann überlegen auf dem Weg zum Mond. Da hat man ja ein paar Tage Zeit, wenn man zwischen Erde und Mond ist.