FAZ 18.12.2025
14:57 Uhr

Alcaraz trennt sich von Coach: „Hätte gerne weitergemacht“


Platinblonde Haare als Signal: Carlos Alcaraz trennt sich überraschend von seinem Erfolgstrainer Juan Carlos Ferrero. Über die Gründe rätselt seitdem die Tenniswelt. Waren Schüler und Lehrmeister zu verschieden?

Alcaraz trennt sich von Coach: „Hätte gerne weitergemacht“

Wenn zwei sich trennen, rätseln alle anderen über die Gründe. Umso mehr, wenn sich die Trennung für Außenstehende nicht angedeutet hat, wenn sie anscheinend von Knall auf Fall gekommen ist. Es folgt das übliche Getuschel und Geraune: War die Beziehung heimlich, still und leise erkaltet, waren die beiden einander überdrüssig geworden, oder, oha, hatte sich einer der beiden womöglich in einen dritten verguckt oder wurde gar auf Abwegen ertappt? Die am Mittwoch wie aus dem Nichts bekanntgegebene Trennung des Weltranglistenersten Carlos Alcaraz von seinem Tennistrainer und persönlichen Lehrmeister Juan Carlos Ferrero lädt ein, nach Unstimmigkeiten zu suchen. Zwar loben die beiden in ihren jeweiligen Schlussworten den anderen über den grünen Klee. Ferrero jedoch beendet seinen Beitrag mit dem vielsagenden Satz: „Ich hätte gerne weitergemacht.“ Beim genauen Hinschauen lassen sich einige Sollbruchstellen ausmachen in den sieben Jahren, seit sich Ferrero seinem Landsmann als 15 Jahre altes Tennisjuwel annahm, ihm einen Schliff verpasste und zu sechs Grand-Slam-Titeln in drei Jahren sowie an die Weltspitze führte. Da wären die verschiedenen Temperaremente. Ferrero ist ein introvertierter Typ, der sich in seiner abgeschieden gelegenen Tennisakademie am wohlsten fühlt und alles andere als versessen darauf ist, einen Trainerjob anzunehmen, nur damit er im Rampenlicht steht. Alcaraz ist extrovertiert, ein Showman, der erst auf den großen Tennisbühnen richtig in Fahrt kommt und die Zuschauer ständig animiert, seine Geniestreiche stürmisch zu feiern. „Auf keinen Fall“ Da wäre das Arbeitsethos. Ferrero ist einer, der großen Wert auf Disziplin legt. Das beginnt mit Pünktlichkeit und endet damit, dass es den Schülern in seiner Tennisakademie verboten ist, Smartphones außerhalb festgelegter Zeiten zu nutzen. Auch hat der Fünfundvierzigjährige den halb so alten Landsmann öffentlich ermahnt, dass er sich entscheiden müsse, ob er ein süßes Leben führen oder der beste Tennisspieler der Geschichte werden wolle. Alcaraz möchte alle Fünfe gerade sein lassen und auch mal Erfolge mitten in der Saison auf Ibiza feiern, weil er ohne Spaß nicht stark spielen könnte. Und dann ist da noch die Sache mit den Haaren, die vielleicht äußerlich am meisten darauf hingewiesen hat, dass Alcaraz und Ferrero auseinanderdriften. Vor geraumer Zeit hatte Alcaraz seinen Trainer gefragt, ob er sich die Haare so blond färben sollte wie Ferrero selbst als Jungprofi. „Auf keinen Fall“, sagte der Coach. Dann, nach seinem US-Open-Titel im vergangenen September, trug Alcaraz nicht nur raspelkurze Haare, sondern hatte sie tatsächlich platinblond gefärbt. Eine klares Zeichen, dass er seinen eigenen Kopf hat. Und ihn im Zweifel durchzusetzen gedenkt. Im Online-Tennismagazin „Clay“ wird eine Person aus dem engeren Umfeld zitiert, die erklärt, warum Alcaraz seinen Erfolgstrainer neun Tage vor Weihnachten und drei Wochen vor dem Start in die neue Saison gefeuert hat: „Es gab signifikante Meinungsverschiedenheiten zwischen Ferrero und Alcaraz’ Vater, wie die Karriere gesteuert werden sollte.“ Wie es aus einer anderen Quelle heißt, sei das Arbeitsverhältnis in die Brüche gegangen, als die beiden über einen neuen Vertrag verhandelten. Es wäre keine Überraschung, wenn Ferrero von dem Zweiundzwanzigjährigen größere Hingabe für den Beruf gefordert hätte. Er wisse, „dass wir uns alles gegeben haben“, schrieb Alcaraz zum Abschied. Der Chef ist der Spieler Aber was kommt jetzt? Und vor allem: wer? Samuel Lopez, der an Ferreros Akademie arbeitet und ihn als Coach schon gelegentlich auf der Tour vertrat, bleibt zunächst an Alcaraz’ Seite. Ob es einen neuen „Supercoach“ geben wird, hängt davon ab, welche Ansprache der spanische Tennisstar sucht. „Auch wenn ein neuer Trainer im Grunde dasselbe sagt wie der alte, verpackt er es in andere Worte – und das kommt dann beim Spieler an“, sagt Dominik Meffert, Sportwissenschaftler an der Deutschen Sporthochschule in Köln und einer von zwei Trainern des deutschen Spitzendoppels Kevin Krawietz/Tim Pütz. „Im Tennis hast du eine knifflige Situation“, erklärt Meffert gegenüber der F.A.Z.: „Einerseits musst du führen, auf der anderen Seite ist der Typ dein Arbeitgeber. Du musst unangenehm sein als Trainer, darfst es aber nicht übertreiben.“ Anders als im Fußball und anderen Teamsportarten gebe es im Tennis kaum Belege, dass Trainerwechsel kurzfristig wirkten. Frühestens nach einigen Monaten sieht es gelegentlich besser aus: Nachdem Novak Djokovic sich den einstigen Aufschlagkanonier Goran Ivanišević ins Trainerteam geholt hatte, um sein Service zu verbessern, wurde er binnen weniger Jahre zum Grand-Slam-Rekordchampion. Die Polin Iga Świątek gewann in diesem Jahr erstmals in Wimbledon, nachdem sie sich ein halbes Jahr zuvor von ihrem langjährigen Coach getrennt und Wim Fissette als guten Zuhörer und peniblen Lehrer verpflichtet hatte. Coco Gauff und Aryna Sabalenka holten sich einen Biomechaniker an ihre Seite, nachdem ihnen die vorherigen Trainer beim Aufschlag nicht weiter helfen konnten – und gewannen große Titel. Ferrero hat Alcaraz sehr viel beigebracht, im Leben wie im Spiel. In der zurückliegenden Saison arbeiteten sie stark am Aufschlag – mit durchschlagendem Erfolg. Wie gut Carlos Alcaraz ohne seinen Antipoden sein wird, ist die aufregendeste Frage des beginnenden Tennisjahres.