FAZ 06.03.2026
06:53 Uhr

Album von Harry Styles: Erlösung für alle, die heute nett waren


Nach knapp vier Jahren ist Harry Styles zurück mit einem neuen Album: „Kiss All the Time. Disco, Occasionally“  wärmt und tröstet – so wie der erste Sonnenstrahl nach einer durchtanzten Nacht.

Album von Harry Styles: Erlösung für alle, die heute nett waren

Als Anfang der Woche die halbe Welt die Brit Awards ansah, um der Rückkehr von Harry Styles beizuwohnen, waren ein paar der jüngeren Fans, Stichwort Generation Corona, rechtschaffen verwirrt. Sie sahen da eine Gruppe von Tänzern, die mit ihren schwarzen Sonnenbrillen und schwarzen, engen Shirts offensichtlich einem Technoclub entsprungen schien, aber wieso schnellten da Arme durch die Gegend, zuckten Köpfe, waberten wirbellos Oberkörper? Womöglich erklären sich die Codes der Technokultur doch nicht mehr so universell und selbstverständlich, wie das noch vor wenigen Jahren der Fall war. Sie ist ja auch vielfältiger, komplexer und referenzreicher, als es solche, die nie etwas mit ihr anfangen konnten, glauben mochten. Unabhängig davon sorgte der Anblick von Harry Styles und seiner tanzenden Clique für echte Euphorie, was wahrscheinlich auch mit dem ungeregelten Wesen echter Clubkultur zu tun hat, wo tanztechnisch alles erlaubt und nichts peinlich ist, im Gefühl, unbeobachtet, ganz bei sich zu sein. Keine Bestätigung nötig Harry Styles jedenfalls ist im vergangenen Sommer ständig irgendwo in Berlin gesichtet worden, beim Tanzen im Berghain und beim Matchatrinken auf der Straße, beim Musikhören, so oft, dass irgendwann von einer wundersamen Vervielfältigung ausgegangen werden musste, die es erlaubte, dass Dutzende Harrys in verschiedenen Clubs tanzten und sich von ebenjener Clubkultur und ihrer komplizierten Geschichte inspirieren ließen. Zur Erinnerung für die wenigen, die in den vier Jahren seit „Harrys House“, seit der endgültigen Verwandlung des früheren Boygroupstars in einen anspruchsvollen Künstler, auf Abwege geraten sind: Die typische Harry Styles-hafte Leichtigkeit war schon 2019 in „Fine Line“ angeklungen, da hatte Styles noch nach Crosby, Stills und Nash und seinen britischen großen Brüdern geklungen und die sexuelle Befreiung der Sechziger geatmet. Das „Harry’s House“-Album war nicht mehr Stadionrock, sondern genuin modern, eine Welt aus eigenwillig quäkenden Sounds war entstanden, die keine äußere Bestätigung mehr brauchte, im Gegenteil. Harry hatte seine eigene „loveable family“ gegründet und sich 2023 damit den Grammy fürs „Album of the year“ verdient. Die Pandemie war gerade vorbei. Man musste kein besonders junger Mensch sein, auch wenn es die Reaktion verstärkte, um die Gefühle von schwebender Liebenswürdigkeit und Überschwang, die Styles transportierte, diese Jungenhaftigkeit (im Sinn von jung, nicht männlich) mit der in Ballerinas dargebotenen Traumtänzerei als Riesenerleichterung zu empfinden. Nun also „Kiss All The Time. Disco, Occasionally“, was schon vorab Gelegenheit zu Eskapismuskritik bot. Dabei mussten auch die, die für sie sorgten, zugeben, dass es schlechtere Empfehlungen als „kiss all the time“ gibt. Es handelt sich um ein wunderbar durchkomponiertes Album, nach dem man nie wieder Singles hören will. Schon „Aperture“ war ja am Montag ein Feuerwerk: Was für ein in alle Poren, bis in die dunkelsten Ecken gepeinigter Hinterköpfe und sterbender Innenstädte dringender Sound. Mal abgesehen davon, dass die gefällige Botschaft „we belong together“ immerhin zu einem angemessenen Zeitpunkt in der Weltgeschichte kommt. „Kiss All The Time“: Funk, Chöre, Phoenix und Daft Punk in einem Harry Styles erfindet mit „Kiss All The Time“ und den Produzenten Fred Again und Kid Harpoon nichts mehr neu, er besinnt sich eher zurück auf alles, was schon da war, ein Universum aus elektronischen Klängen, Referenzen, die sehr unterschiedliche Menschen ja wirklich mal vereint haben, jedenfalls für den Moment eines Konzerts, einer Nacht im Club. Der zweite Song heißt dann auch gleich „Pop“, und Styles ist, scheinbar arglos virtuos, damit irgendwie auch wieder bei seinen Wurzeln angekommen. Man hört Phoenix, hört Daft Punk, hört Robbie Williams – wobei, Stichwort Robbie, hier jemand vormacht, wie im Zeitalter des perfekten Scheins, der überambitionierten Musikproduktion auch perfekt arrangierte Songs noch echt klingen können. Da ist jede Menge Funk, da sind Chöre, überhaupt: Es braucht wieder mehr Chöre. Es klingt nach Paul McCartney („Painted by numbers“) und Simon and Garfunkel („Carla’s Song“), und weil das alles so aufgeht, ist man sogar bereit, einen Moment selbstvergessenen rhythmischen Klatschens zu verzeihen. Nach der ersten großen Euphorie hatten Kritiker des Zeitgeists bei Harry Styles die durchaus simple Botschaft der Liebe, diese ja auch bei Taylor Swift ausgeprägte Teflonhaftigkeit in Auftritt und öffentlichem Ausdruck kritisiert. Bloß nicht zu konkret werden, Projektionsfläche bleiben, keine Risiken in einer polarisierten Medienwelt. Für jemanden, der seine Magie nicht gefährden will, war das ein Tanz auf dem Drahtseil. In der Gegenwart des Jahres 2026 wiederum erscheint einem Styles' Mantra der Kindness aus den ersten Jahren, seine weltumarmende sanfte Männlichkeit geradezu prophetisch. „We don't really like what's on the news, but it's on all the time”, sang Styles in „Love of my life“. Und: „I remember back at Jonny's place, it's not the same anymore“. Das kann man wohl so sagen. Und irgendwie ist es auch schön, mal wieder positive Vibes in der elektronischen Tanzmusik zu spüren, auch wenn Harry Styles, was für Empörung sorgte, mit seinem neuen Album vorerst nicht nach Berlin kommt. Zur Kompensation öffnet heute ein Pop-Up-Store in Berlin, naja. Nach all den Auseinandersetzungen in der Szene, der die Qualität der Musik beeinträchtigenden Kommerzialisierung der Orte der Clubkultur, nach dem Reigen von Clubschließungen vor und während der Pandemie, dem deprimierend sprachlosen Umgang mit dem Erbe des Nova Festivals, bei dem 411 Fans der Techno- und Musikfestivalkultur von Terroristen getötet wurden, Frauen vergewaltigt, Dutzende verschleppt wurden, nach den zersetzenden Debatten über den Krieg in Gaza, der auch die Szene tief erschüttert und gespalten hat. Songs wie „Seasons 2 Weight“ klingen auf Harry Styles‘ neuer Platte noch am ehesten wie gegenwärtige Tanzmusik im Stil der europäischen Hauptstadt des Techno. Was Bands wie Ätna in den letzten Jahren gemacht haben, war ja auch die Veredelung elektronischer Tanzmusik zu einer neuen Art von Weltmusik. Und der spanische Weltstar Rosalía hatte auf seinem Album „Lux“ mit Sogwirkung Referenzen auf Berlin verteilt, auf Deutsch gesungen. Vielleicht vollzieht sich also gerade der Beginn einer Wiederauferstehung der Clubkultur. Ab Sonntag zeigt Netflix einen Konzertfilm. „One Night in Manchester“ ist ein Mitschnitt von Harry Styles‘ erstem Konzert in Manchester am Tag der Veröffentlichung des neuen Albums. Mitte Mai beginnt die Tour. Achtmal Amsterdam, achtmal London, 30 Mal New York. Das klingt wieder sehr nach den Zwängen der Gegenwart. „Together, together“ hätten sich viele Konzertgänger anders vorgestellt. Die haben schon vor Wochen wieder Stunde um Stunde in den Warteschleifen eines Ticketanbieters verbracht, in der Hoffnung auf zwei, drei Stunden Erlösung von der Gegenwart. Für alle, die keine Tickets bekommen haben, gibt es jetzt immerhin das neue Album.