Zumindest als Publikationsgegenstand ist der Liberalismus höchst lebendig – Samuel Moyns Studie über den „Cold War Liberalism“ und die jüngsten Bücher von Alan Kahan, Cass Sunstein oder Adrian Wooldridge gehören alle in dasselbe Feld. Die meisten dieser Werke verfolgen die Absicht, mit den Verfehlungen liberaler Politik abzurechnen, oder, im Gegenteil, sie gegen ihre Verächter zu verteidigen. Seltener und doch interessanter sind jene Studien, die die Erforschung seiner Geschichte wirklich als Mittel der Erkenntnis gebrauchen. Eigentlich nur bei ihnen kann man etwas lernen, das über die eigenen normativen Überzeugungen hinausführt. Albrecht Koschorkes Studie zu den „kulturellen Anfängen des Liberalismus“ gehört zu diesem Genre. Der in Konstanz lehrende Literaturwissenschaftler richtet seinen Blick vor allem auf das neunzehnte Jahrhundert, das er als eine „Moderne im Experimentierstadium“ betrachtet. Insbesondere könne man dort beobachten, inwiefern der Liberalismus auf gesellschaftlichen, ökonomischen und kulturellen Voraussetzungen beruhe, deren Wegfall erkläre, warum ihm mittlerweile die „Evidenz seiner ursprünglichen Vision abhandengekommen“ ist. Als der Liberalismus noch utopisch war Das Buch erinnert daran, dass der frühe Liberalismus ein entschieden utopisches Programm vertreten hat: Der komplexen ständischen Welt, in der Privilegien, Körperschaften, Rechtsgewohnheiten und monarchische Prärogative ausbalanciert und ineinander verwoben waren, stellte die liberale Bewegung Ende des achtzehnten Jahrhunderts das einfache Bild einer herrschaftsfreien Gesellschaft gegenüber, in der Bürger mit Bürgern, Privateigentümer mit Privateigentümern in völliger Freiheit verkehren. Was die Wortführer dieses Modells vertraten, war indes höchstens in Ansätzen real – es handelte sich überwiegend um eine Sammlung von Erwartungs-, nicht von Erfahrungssätzen. Die Widersprüche, die dem Liberalismus heute angekreidet werden – die Exklusion der Nichteigentümer, der Frauen, der Ungebildeten, der Sklaven und Kolonisierten –, stehen dieser utopischen Tendenz nicht entgegen. Um Widersprüche handelt es sich nur deshalb, weil es ein Ideal gab, an dem die Praxis scheitern konnte. Die Neigung des Liberalismus, mehr zu versprechen, als er hält, betrachtet Koschorke deshalb nicht als Hindernis, sondern als Bedingung seines politischen Erfolgs: Der utopische Überschuss machte ihn als soziale Bewegung innovativ und breitenwirksam, solange das Zukunftsversprechen nur hoch genug griff und den Mobilisierten plausibel genug erschien. So wurde der „Fortschritt“ zur „Inklusionsformel der liberalen Moderne schlechthin“. Ökonomisch etwa profitierten von den konstitutionellen Forderungen des Liberalismus in erster Linie jene, die sich schon in den Status des Privateigentümers „emporgearbeitet“ hatten. Doch die Abschaffung der Privilegien sollte Schritt für Schritt alle Hindernisse beseitigen, die einer breiteren Streuung des Eigentums im Wege standen. Wird man, so die frühliberale Vorstellung, dem freien Spiel der Kräfte nur genügend Raum und vor allem Zeit lassen, wird sich auch die Verteilung des gesellschaftlichen Vermögens egalisieren. Ähnliches galt, worauf Koschorkes Kulturgeschichte naturgemäß mehr Augenmerk legt, für die kognitiven Privilegien. Die liberale Bewegung, der überproportional viele Beamte und Gelehrte angehörten, milderte den Widerspruch zwischen Ideal und Wirklichkeit auch hier mit dem Versprechen auf eine in der Zukunft einzurichtende allgemeine Volksbildung. Erfolgsmodell parlamentarischer Repräsentation Sogar die Frage nach politischer Partizipation wurde in ähnlicher Weise verzeitlicht. Die Aktivbürger, die politisch entscheiden durften, waren einstweilen in der Minderheit, wofür das von Liberalen vertretene Zensuswahlrecht bürgte. Doch die Tür zur Stimmabgabe, heißt es etwa bei Sieyès, steht langfristig auch allen anderen offen – sobald nämlich Bildung und Besitz die Massen erreicht haben werden. Erfindungsreich war der Liberalismus für Koschorke aber nicht nur darin, ideologisch „mit der Zukunft im Bunde“ zu stehen, sondern auch mit der institutionellen Verankerung seiner fortschrittsbezogenen Programmatik. Die Erwartung einer freien und gebildeten „bürgerlichen Gesellschaft mittlerer Existenzen“ (Lothar Gall) erhielt ihren festen Ort im Parlament, das im neunzehnten Jahrhundert zur Schlüsselinstitution des Liberalismus wurde. Dort sollten die noch wahlunfähigen, ungebildeten, armen Bevölkerungsteile schon jetzt ideell in die Gesetzgebung der aufgeklärten Elite eingebunden, das heißt repräsentiert werden. Dieser „Vorgriff des Rechts vor der Wirklichkeit“ trug die liberale Bewegung über ein halbes Jahrhundert lang. Er bewirkte, dass die französischen Journalisten und Abgeordneten, die 1830 die Bourbonen an ihre konstitutionellen Pflichten erinnern wollten, nicht allein dastanden, sondern mit einer mobilisierbaren Masse aus Kleinbürgern und Arbeitern rechnen konnten. „Solange der Liberalismus von einer aus der Aufklärung ererbten Zukunftsfreudigkeit von letztlich welthistorischen Dimensionen getragen wurde“, heißt es im Buch, „blieb er zumindest seiner Rhetorik nach inklusiv.“ So konnte er, recht siegessicher, das Ziel einer „verallgemeinerten Staatsbürgerlichkeit“ anstreben. Sozialdemokratie und Konservativismus waren legitime Erben Doch Erwartung und Erfahrung sind zwei Kategorien, die nicht dauerhaft in Deckung zu bringen sind. Als die liberale Bewegung mit den ersten Folgen der Industrialisierung konfrontiert wurde, war zumindest das ökonomische Integrationsmodell bis auf Weiteres passé. Statt einer Gesellschaft aus Eigentümern kündigte sich Lohnarbeit als Massenphänomen an. Mit dem Akutwerden der sozialen Frage in den Revolutionen von 1848, so Koschorke, „wechselte das Bürgertum die Seiten“ und wandelte sich „von einer emanzipatorischen zu einer die etablierte Ordnung verteidigenden Kraft“. Dieser Bruch im liberalen Selbst- und Weltverständnis war außerordentlich folgenreich – er machte aus einer optimistischen, die Zukunft und damit die Masse des Volkes auf seiner Seite wissenden politischen Bewegung das Programm einer Minorität. Nichtsdestotrotz überdauert die von liberalen Politikern geschaffene Ordnung diese Verdüsterung des eigenen Horizonts – dank der Mittel, die das Prinzip der Repräsentation bereitstellte. Der sich entwickelnde Widerspruch von Kapital und Arbeit, der nicht mehr mit dem liberalen Modell allgemeiner Eigentümerschaft verzeitlicht werden konnte, eroberte sich einen eigenständigen Platz im Parlament. Was der Liberalismus geschichtlich nicht mehr integrieren konnte, lagerte er gewissermaßen an sozialdemokratische Parteien aus, die innerhalb der von ihm geschaffenen politischen Repräsentationsordnung eine Seite des Konflikts vertraten – mit eigenen Visionen und Zukunftsentwürfen. Etwas Ähnliches kann man auch für den Konservativismus sagen. Wie Koschorke betont, teilten die frühen Liberalen durchaus einige Bedenken, die man heute dem rechten politischen Spektrum zuschieben würde. Die Einführung der Gewerbefreiheit etwa war auch im Liberalismus anfänglich umstritten, weil damit nicht nur Marktbarrieren, sondern auch Lebens- und Vergemeinschaftungsformen abgeschafft wurden. Koschorke spricht zutreffend von einem „romantischen Antikapitalismus“ der Frühliberalen, die über die „Kostenseite individualisierter Lebensführung“ nicht schweigen wollten. Der Horror vor der atomisierten, entwurzelten Gesellschaft war vor 1848 bürgerliches Gemeingut. Später übernahmen andere Parteien diese Funktion und eroberten ihren festen Platz im politischen Repräsentationsgefüge. „Postliberale“ Zukunft? Koschorke erblickt in dem Verlust von Zukunft, den der Liberalismus seit seinen Anfängen erlitten hat, einen wesentlichen Grund für seine aktuelle Krise. Das kann nur bedingt überzeugen. Schon deshalb, weil, wie man dem Buch selbst entnehmen kann, dieser Verlust mindestens ins späte neunzehnte Jahrhundert datiert. Gleichwohl bleibt der Gedanke wertvoll, sobald man die anderen beiden großen Weltanschauungen miteinbezieht. Sozialdemokratie und Konservativismus konnten, wo der Liberalismus längst zum Minderheitenprogramm geworden war, die nicht mehr zu verzeitlichenden liberalen Widersprüche auffangen und mit eigenen Programmatiken verbinden. Der Traum von der Überwindung des Kapitalismus und der Wunsch nach Bewahrung des Hergebrachten trugen so indirekt zur Stabilisierung der parlamentarischen Demokratie liberalen Typs bei – zumindest dort, wo es gelang, sie institutionell einzubinden. Doch auch das utopische und retrotopische Reservoir dieser beiden Weltanschauungen scheint inzwischen erschöpft, das der Sozialdemokraten vielleicht noch mehr als das der Konservativen. Koschorkes Schlussempfehlung, an den Forderungen des klassischen Liberalismus festzuhalten, auch nach dem „Ende der euphorischen Phase der Moderne“, wirkt hilflos, nimmt man diese Thesen des Buches ernst genug. Wenn die Voraussetzungen liberaler Verzeitlichung entfallen sind, wäre es doch viel naheliegender, darüber nachzudenken, was gutes Regieren heißt, wenn der „geschichtsphilosophische Rückenwind“ der liberalen Moderne verschwunden ist. Man muss einen solchen Zustand nicht „postliberal“ nennen. Aber der Erkenntnis sollte man sich stellen, dass es sich um ein Problem handelt, das über Beliebtheitswerte und BIP-Nachkommastellen weit hinausgeht. Albrecht Koschorke: „Souveränität der Vernunft“. Die kulturellen Anfänge des Liberalismus. Suhrkamp Verlag, Berlin 2026. 168 S., br., 20,– €.
