Schriftsteller, Schauspieler, Comedian oder Immobilienhändler und Showmaster: Es ist nicht immer ein Berufspolitiker, der die Geschicke eines Landes lenkt, wie Beispiele aus der Tschechoslowakei, der Ukraine und den USA zeigen. Ein Philosoph als Regierungschef existiert zwar nur in Platons Schrift „Der Staat“, die Republik Albanien aber wird seit 2013 von einem bildenden Künstler regiert, dem Zeichner und Bildhauer Edi Rama. Basketballer, Politiker, Künstler Der hatte es in jungen Jahren als Basketballspieler zu Anerkennung und bis in die Nationalmannschaft gebracht. 1964 in der Hauptstadt Tirana geboren, studierte Rama an der Universität der Künste Malerei und lehrte dort später selbst als Professor, bevor er als Kulturminister in die Politik ging und Bürgermeister von Tirana wurde. In dieser Funktion tat er sich damit hervor, die Fassaden der Stadt mit Farbe aufzupeppen, ästhetisch wirksam und dabei erschwinglich. Schließlich stieg er zum Ministerpräsidenten auf und wurde voriges Jahr zum vierten Mal im Amt bestätigt – mit absoluter Mehrheit seiner Sozialistischen Partei. Dabei polarisiert Rama: Kritiker werfen ihm autoritäre Tendenzen vor; Anhänger sehen ihn als ambitionierten Kosmopoliten, der Albanien in die Europäische Union führen will. Seine Zeichnungen waren zuerst nicht für den Verkauf gedacht. Die vielen langen Sitzungen als Politiker habe er anfangs nervlich nicht ausgehalten, erzählt Rama. Er habe sich „gekidnappt von den ganzen Meetings“ gefühlt. So wie andere beim Telefonieren kritzeln, begann Rama bei den Konferenzen vor sich hin zu doodeln. Jene Tätigkeit, so hat eine wissenschaftliche Studie mal festgestellt, erhöht die Aufmerksamkeit. Man könne diese Praxis in gewisser Weise, wie es die Surrealisten taten, „Écriture automatique“ nennen, sagt Rama; auch bei unserem Gespräch per Zoom richtet sich sein Blick auf den Schreibtisch, während er aus schwarzen Binnenlinien einen Vogel entstehen lässt. Bis heute sei sein Amtszimmer sein Atelier. Als Ende der Neunzigerjahre ein Kabinettskollege auf ihn zukam und ihm seine Kunstsammlung präsentierte, war Rama irritiert. Der Erziehungsminister hatte seine Gelegenheitsblätter aus den Unterredungen gehortet, „er hatte mich abgezockt, meine Zeichnungen einfach mitgehen lassen“. So hatte es auch eine Mitarbeiterin in seinem Büro getan. Was den Urheber wissen ließ: Seine Skizzen waren begehrt. Sein Leben sei wie ein Film verlaufen. Dessen Drehbuch, so muss man ihn verstehen, war ihm vorab nie bekannt; auch nicht das Kapitel Eintritt in den Kunstmarkt. Als er aus den Zeichnungen seine Malerei entwickelte, kam Fürsprache von einem ehemaligen Studenten der Akademie in Tirana, dem international bekannten Künstler Anri Sala: Er motivierte Rama, seine Sachen in Büchern zu veröffentlichen. Eines sei in die Hände des Berliner Galeristen Michael Schultz gelangt, womit sich die Tür zum Handel öffnete. Ein Künstlerfreund sei damals auf die Idee gekommen, eines seiner Blätter als Vorlage für eine Keramik zu nehmen, die er brannte und Ramas Mutter schenkte. Das Resultat überzeugte Rama so nachdrücklich, dass er fortan jedes Wochenende genutzt habe, im Atelier des Freundes selbst Plastiken zu fertigen, für ihn „doodling in 3D“. Die abstrakten, glasierten Arbeiten wirken flüssig, wogend, durchgeknetet, sind koloristisch lebendig, expressiv, führen den Blick, so der Kritiker Martin Herbert, „um Kurven herum in Hohlräume hinein und wieder hinaus, über vielfältige Oberflächen“. War das ernst gemeint? Als Rama 2016 die Galeristin Marian Goodman eine E-Mail mit der Anfrage schickte, ihn in ihr Programm aufzunehmen, habe er an einen Scherz gedacht und wandte sich an Sala, der damals schon von der renommierten New Yorker Galerie vertreten wurde: Kann das Angebot ernst gemeint sein? Jawohl, lautete die Antwort. Goodmans Interesse war ernst gemeint. Trotzdem sei er skeptisch gewesen, ob die Offerte nicht vor allem seinem Leben als Politiker geschuldet sei. Natürlich sei die Kombination von Politik und Kunst speziell, habe Goodman eingeräumt, allerdings: George W. Bush male auch, ihn aber würde sie nicht fragen. Nun hat mit Société aus Berlin eine weitere international aufgestellte Galerie bei dem Künstler angeklopft, um ihn zu vertreten. Inhaber Daniel Wichelhaus schätzt Ramas legeren Duktus des Zeichnens, „wie er da so herumskribbelt“, zugleich verhandele er in seinen farbigen Zeichnungen immer auch dezidiert malerische Fragen. Als Preise für Zeichnungen nennt er um 3800 Euro, für Skulpturen etwa 35.000 Euro und für installative Settings mit Wandtapeten bis 50.000 Euro. Verbinden sich in Ramas Denken Kunst und Politik? Die Frage habe er sich oft gestellt, aber: nein. Politik sei „Kampf, Krieg, man hat mit ruchlosen Menschen zu tun, da muss man überleben“. Kunst dagegen sei für ihn „Gebet, die Gelegenheit, abzukühlen“. Ohne die Politik hätte er wiederum nicht so viel gezeichnet, denn als Künstler allein in der Abgeschiedenheit des Studios sehe er sich nicht. Wann hat er zum letzten Mal eine Kunstmesse besucht? 1994, die damalige FIAC in Paris. Verdammt lang her für einen Künstler, der bei der Biennale von Venedig dabei war und im New Museum in New York ausgestellt hat, im Centre Pompidou in Paris, dem Haus der Kunst in München und auch der Kunsthalle Rostock. Und der auch noch von anderen Galerien vertreten wird, von Alfonso Artiaco in Neapel und Nuno Centeno in Porto, vormals von der Berliner Galerie Carlier Gebauer. Beim Gallery Weekend im Mai 2026 widmet ihm Société eine Soloschau mit Skulpturen. Für deren Eröffnung sagt der Künstler sein Erscheinen zu.
