Der Mittelstand leidet unter der Wirtschaftskrise, weil die Kosten steigen und die Umsätze sinken. Viele Unternehmen halten das nicht länger durch. „Der Mittelstand gibt auf“, sagt Robert Mayr, Vorstandsvorsitzender des Softwareanbieters und IT-Dienstleisters Datev. Er sieht keine Schockwelle, aber einen schleichenden Rückzug, da Firmen nicht nur Insolvenz anmelden, sondern auch ihren Betrieb schließen oder ins Ausland abwandern. Mayr macht seine Einschätzungen unter anderem an einer Datev -Umfrage unter mehr als 400 Steuerkanzleien fest. Demnach haben 2,4 Prozent der Mandanten der befragten Steuerberater in den vergangenen zwölf Monaten ihren Betrieb aufgegeben oder ins Ausland verlagert. Die Zahlen beziehen sich auf den Zeitraum von Oktober 2024 bis September 2025. Im Vorjahr betrug der Anteil der Betriebsaufgaben und Verlagerungen 1,6 Prozent. Verglichen damit ist er nun also um die Hälfte gestiegen. Datev erfasst mit einem von der F.A.Z. veröffentlichten Branchenbarometer regelmäßig die Lage und Stimmung im Mittelstand. Die Software und Dienstleistungen des Unternehmens aus Nürnberg werden vorwiegend von Steuerberatern und Buchhaltern genutzt, die mittelständische Mandanten beraten. Daher dürften die Ergebnisse nah am Puls des Mittelstands liegen. In ihrer aktuellen Umfrage, die für etwa 100.000 Mittelständler repräsentativ ist, hat Datev die Steuerberatungen gezielt zu Betriebsaufgaben und Verlagerungen ihrer Mandanten befragt. Was ist der Unterschied zwischen Insolvenz und Betriebsschließung? Während die Quote geplanter Betriebsaufgaben um knapp 56 Prozent auf 1,5 Prozent gestiegen ist, nahm der Anteil der ungeplanten Betriebsaufgaben um 35 Prozent auf 0,7 Prozent zu. Die Quote der Betriebsaufgaben ist damit höher als die Insolvenzquote. Firmeninsolvenzen müssen anders als die Schließung nicht in jedem Fall das Ende des betroffenen Unternehmens bedeuten. Der Anteil der Verlagerungen ins Ausland stieg um die Hälfte auf 0,18 Prozent. Auch wenn die Quoten niedrig scheinen, alarmiert ihr starker Anstieg. Nach Einschätzung von Datev leiden mittelständische Unternehmen unter einer schwachen Nachfrage nach ihren Produkten und Dienstleistungen, während ihre Kosten etwa für Material, Energie oder Personal steigen. Daher sei es umso wichtiger, Unternehmen von Bürokratie zu entlasten. Die beiden häufigsten Gründe für geplante Betriebsaufgaben haben nicht mit der schwachen Konjunktur zu tun. Denn mit 55 Prozent der Antworten werden dafür meist persönliche Gründe der Unternehmer genannt, etwa Krankheit, Familie oder eine berufliche Neuorientierung. Aktuell zweithäufigster Grund ist mit 51 Prozent der Antworten die fehlende Nachfolge für die wegen hohen Alters oder Rente ausscheidenden Unternehmer. Erst danach folgen als Gründe für die Aufgabe die wegen sinkender Umsätze und steigender Kosten schwindende Rentabilität, der Mangel an Fachkräften und Personal sowie die Entwertung des Geschäftsmodells durch Marktveränderungen. Neben den geplanten hat Datev auch nach ungeplanten Betriebsaufgaben gefragt. Es fällt auf, dass sich die Gründe für unerwartete Schließungen im Vergleich zu 2024 stark verändert haben. Mit 68 Prozent der Antworten an erster Stelle steht ein plötzlicher Liquiditätsengpass, deutlich öfter als im Vorjahr mit 52 Prozent. An zweiter Stelle steht der Mangel an Rentabilität, also der Gewinnschwund wegen Umsatzeinbruch oder Kostenanstieg mit 54 Prozent statt 43 Prozent im Vorjahr. Auf 53 Prozent verdoppelt haben sich persönliche Gründe als Anlass für plötzliche Betriebsaufgaben. Da Alter, Krankheit oder Familie von Unternehmern nichts mit der schwachen Konjunktur zu tun haben, lässt sich nur vermuten, dass die persönlichen Gründe angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Situation an Bedeutung gewonnen haben könnten. Hier zeigt sich offenbar, dass Wirtschaft viel mit Psychologie zu tun hat. Besonders stark gestiegen ist der Anteil der Befragten, die unerwartete Betriebsaufgaben auf den Verlust wichtiger Lieferantenbeziehungen und den Eintritt neuer Konkurrenten in den Markt zurückführen (siehe Grafik). Das zeigt, dass eine steigende Nachfrage allein nicht reichen dürfte, um die betroffenen Unternehmen zu retten. Sie müssen wohl auch verlässlichere Lieferketten aufbauen und innovativer werden.
