FAZ 24.02.2026
18:55 Uhr

Akten zum 23.2.1981: Spanien lüftet das große Geheimnis um den Putschversuch


Die spanische Regierung macht alle geheimen Unterlagen zum Putschversuch von 1981 zugänglich. Bis heute ranken sich Verschwörungstheorien um den Tag, an dem die junge Demokratie zu scheitern drohte.

Akten zum 23.2.1981: Spanien lüftet das große Geheimnis um den Putschversuch

Es gibt wohl keinen Tag in der jüngeren spanischen Geschichte, über den so viel geschrieben und spekuliert wurde, wie den 23. Februar 1981. Vor 45 Jahren versuchten franquistische Offiziere der Guardia Civil, unterstützt von hohen Militärs, im Parlament in Madrid die Macht an sich zu reißen. Nach 18 Stunden scheiterte der Putsch, der die junge Demokratie bedrohte. Einen Tag nach dem 45. Jahrestag gab das spanische Kabinett jetzt bekannt, alle bisher bekannten Unterlagen, die in den staatlichen Archiven immer noch unter Verschluss sind, am Mittwoch freizugeben. „Erinnerungen dürfen nicht weggesperrt werden. Demokratien müssen ihre Vergangenheit kennen, um eine freiere Zukunft zu gestalten“, begründete Ministerpräsident Pedro Sánchez den Schritt, mit dem man jetzt eine „historische Schuld“ begleiche: Von diesem Mittwoch an werden mehr als 150 Konvolute auf einer Website der Regierung für alle Spanier zugänglich sein. „Alle Spanier haben eine Theorie über den Staatsstreich vom 23. Fe­bruar“, sagte der spanische Schriftsteller Javier Cercas auf einer Pressekonferenz in Barcelona. Der Autor hatte mit der „Anatomie eines Augenblicks“ ein viel beachtetes Buch über den Putsch geschrieben; er war einer der treibenden Kräfte hinter der Freigabe der Dokumente. Das traumatische Ereignis, das in Spanien nur kurz „23-F“ genannt wird, vergleicht Cercas mit dem Interesse an der Ermordung des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy. „23-F ist für viele ein Geschäft“, sagt er über die Lügen und Verschwörungstheorien, die über den Tag in Spanien verbreitet werden – und die nun durch die Öffnung der Archive auserzählt sein könnten. Die Fehler des Monarchen – und die der Kommunisten Der Schriftsteller erwartet keine Sensationen. Es werde nichts zutage kommen, was die Interpretation grundlegend ändern könnte. König Juan Carlos I. habe den Putsch gestoppt. Aber nicht nur der Monarch habe „Fehler gemacht, die den Staatsstreich begünstigt haben. Sowohl er als auch die gesamte politische Klasse, einschließlich der Kommunisten“, meint Cercas. Großes Interesse wird beim Durchforsten des neuen Materials dennoch wieder dem emeritierten Monarchen gelten. In seiner im vergangenen Dezember veröffentlichten Autobiographie hatte Juan Carlos Behauptungen zurückgewiesen, wonach er von den Plänen der Putschisten gewusst, sie zunächst nicht verhindert habe und sogar Sympathien für sie hatte. In der Nacht zum 24. Februar war er in Militäruniform vor eine Fernsehkamera getreten. Als Oberkommandierender befahl er damals der Armee, in die Kasernen zurückzukehren. Zugleich bekräftigte er die „Treue der Krone zur Verfassung“. Die Zeitung „El País“ nannte den Putsch am Dienstag ein „Scheitern mit einem Happy End“. Für Historiker gibt es noch eine Menge zu tun. So wird weiterhin gerätselt, ob Juan Carlos’ Vertrauter, General Alfonso Armada, der „weiße Elefant“ war, auf den die Putschisten gewartet hatten, um das Kommando zu übernehmen und möglicherweise eine Einheitsregierung zu bilden. „Es wird Dokumente und Audios geben, die etwas beitragen werden. Aber wir haben es nicht mit einer verborgenen Geschichte zu tun, wir wissen viel über 23-F“, betont der Historiker Julián Casanova gegenüber der Zeitung „La Vanguardia“. Die Regierung korrigierte am Dienstag nach den Worten ihrer Sprecherin eine „atypische Situation in modernen Demokratien“. Denn das Kabinett musste erst das Gesetz 9/1968 außer Kraft setzen, das noch aus der Franco-Diktatur stammt. Es sieht für „Staatsgeheimnisse“ gar keine Fristen vor. Verschlusssachen können demnach auf unbestimmte Zeit geheim bleiben, es sei denn, der Ministerrat entscheidet ausdrücklich anders. Nach dem Verfahren gegen die Putschisten hatte der Oberste Gerichtshof zunächst für alle Prozessakten eine Sperrfrist bis 2031 festgelegt. In diesem Fall hat die linke Minderheitsregierung eingegriffen. Doch in Spanien besteht noch mehr historischer Aufklärungsbedarf, zum Beispiel beim „schmutzigen Krieg“ gegen die baskische Terrororganisation ETA. Ein entsprechendes Gesetz hängt jedoch seit 2025 im Parlament fest, in dem die Regierung von Sánchez keine Mehrheit hat. Es sieht eine zeitlich abgestufte Freigabe von Verschlusssachen vor. Für „streng geheime“ Dokumente soll die Frist maximal 45 Jahre betragen. „23-F“ soll keine Ausnahme bleiben.