Betritt man eine beliebige Universität dieses Landes, so fällt einem sofort auf: In maroden Gebäuden bewegen sich sehr stil- oder modebewusste Studenten. Ist der Wille zum Stil, den viele Studenten verkörpern, der Wille zum Widerstand gegen die politisch verantwortete Verwahrlosung der Universitätsgebäude? Haben wir es mit einem gallischen Dorf voller stilbewusster Studenten zu tun, die ein Statement gegen die allumfassende Hässlichkeit setzen? Oder ist es reine Dekadenz: Egal, wie es um mich herum stinkt, verfällt und rattert: Hauptsache, die Basecap sitzt und das Designerkleid aus dem Vintage-Laden trägt nicht auf. Das Stilbewusstsein der Studenten, das die Kompetenz zum öffentlichen Auftritt in der Institution dokumentiert, unterscheidet die Bologna-Universität von ihren Vorgängern. Während sich das Studium in den damaligen Magisterstudiengängen durch mangelnde Form und Struktur auszeichnete, war der öffentliche Auftritt unter den Lehrenden streng geregelt: Im Hauptstudium der Magisterstudiengänge trugen die männlichen Dozenten Anzug und Krawatte (auch jenseits der Prüfung), die weiblichen Dozentinnen eine Bluse, einen Hosenanzug edelster Marke oder ein tailliertes Kleid, das nach Rom, Mailand oder Paris aussah. Das studentische Milieu ähnelte stilistisch dem Bohèmemilieu. Überhaupt sind die verlotterten Gestalten, die Bummelanten und Langzeitstudenten aus der klinisch reinen, aber äußerlich heruntergekommenen Bologna-Universität verschwunden. Die Lage ist heute eine völlig andere. Während bei der studentischen Klientel das Stilbewusstsein wächst, weil es die einzige Möglichkeit zu sein scheint, Individualität in der überregulierten Universität auszudrücken, ist es unter der lehrenden Generation zum Verfall des öffentlichen Auftritts gekommen. Verwaltungschefs betreten das Universitätsgebäude mit einem Fahrradhelm und Hosenspannern. Man sieht professorale Gestalten und Leiter von zentralen Einrichtungen auf den Fluren, die Tee in Mehrwegtassen vor sich hin schlürfen, sich permanent in die Arme fallen und alle immer duzen. Viel wird über den Niedergang der sprachlichen Ausdrucksfähigkeiten unter Studenten geklagt. Neuerdings lässt sich ein „KI-Stil“ in den schriftlichen Arbeiten feststellen. Sein Kennzeichen ist die statistische Wiederholung von Plattitüden und Allgemeinplätzen. Der KI-Stil ist inhaltistisch, formvergessen, redundant und trostlos. Maschinen können eben nicht über sich selbst und ihren Sprachgebrauch reflektieren. Ausdruck von Stil wäre heutzutage die Selbstreflektion auf das Material der Sprache in Wort und Schrift.
