Als Joshua Nkrumah im Juli 2024 ein Flugzeug nach Moskau bestieg, dachte seine Familie, er habe das große Los gezogen. Der Ghanaer hatte von einem Job in der Sicherheitsbranche erzählt, mit einem für ghanaische Verhältnisse fürstlichen Gehalt. Kurz danach war er telefonisch nicht mehr zu erreichen, Zweifel und Sorgen kamen auf. Viele Monate des Bangens folgten, bis die Familie dank der Recherchen eines Journalisten zwei Nachrichten erhielt. Eine gute: Ihr Sohn lebt. Und eine schlechte: Ihr Sohn sitzt in einem Gefängnis in der Ukraine – als Gefangener in einem Krieg, von dem er vorher nur am Rande etwas gehört hatte und in dem er nie selbst kämpfen wollte. Albert Nkrumah, Joshuas Vater, versteht bis heute nicht, was seinen Sohn abgesehen von dem Gehalt zu diesem Schritt bewogen hatte. Er habe keine schlechte Arbeit am Flughafen in Dubai gehabt und seine in Kenia lebende Ehefrau sei schwanger gewesen, berichtet der Vater der F.A.Z. am Telefon. Nach seinem Wissen habe der Sohn über eine Ausbildung in Deutschland nachgedacht, dann kam offenkundig das verlockend klingende Angebot dazwischen. Statt als ziviler Arbeitnehmer in Russland landete der Ghanaer als Söldner für Russland in der Ukraine, wo er als Einziger aus seiner Truppe im September 2024 einen Drohnenbeschuss überlebte und von ukrainischen Soldaten festgenommen wurde. Sein Sohn habe keine militärische Ausbildung, er habe nie ein Interesse daran gezeigt, weder in seinem Heimatland noch im Ausland, sagt der verzweifelte Vater. Für ihn steht fest, dass Joshua Nkrumah mit falschen Versprechungen nach Russland gelockt worden war, um als Kanonenfutter zu dienen. Nicht an der Waffe ausgebildet Nach einer Schätzung des ukrainischen Außenministeriums sind mehr als 1400 Afrikaner aus 36 Ländern für Russland im Einsatz. Berichte häufen sich, die nahelegen, dass viele wie Joshua Nkrumah in eine Falle tappten und unfreiwillig auf einem fremden Kontinent kämpfen. Etliche unterschrieben wohl Verträge auf Russisch, die sie gar nicht verstanden, gaben gutgläubig ihre Pässe ab und vertrauten dubiosen Rekrutierungsagenturen. Bisher bemühten sich afrikanische Regierungen allenfalls mit stiller Diplomatie, ihre Staatsbürger aus der Hölle des Krieges herauszuholen. Kenia gehört zu den ersten Ländern, die jetzt öffentlich den Druck erhöhen. Der kenianische Außenminister sagte in der vergangenen Woche der BBC, die Behörden hätten mehr als 600 Rekrutierungsbüros geschlossen und forderten die Unterzeichnung eines Abkommens mit Russland, das den Einsatz von Kenianern für das russische Militär verbietet. Die derzeitigen Praktiken seien „unakzeptabel und undurchsichtig“. Wenige Tage zuvor hatten Menschenrechtsorganisationen in Kenia für die betroffenen Familien eine Pressekonferenz organisiert, um ihre Sorgen und ihre Frustration über die schleppenden Fortschritte deutlich zu machen. Das kenianische Außenministerium schätzt, dass 200 Kenianer für Russland im Ukrainekrieg kämpfen, ob als Soldaten für das russische Militär oder als Söldner. Verletzungen und Traumata Der Tageszeitung „Daily Nation“ berichteten einige am Telefon, sie seien für die Herausforderungen in einem Krieg mit modernen Waffen überhaupt nicht ausgebildet worden. Das Schlimmste seien die Drohnen, sagte einer. „Wenn dich eine entdeckt hat, muss man die Sekunden zählen. Man hört ein pfeifendes Geräusch, und dann ist alles still. Viele können nicht mehr wegrennen.“ Andere berichteten über Verletzungen und schweres psychisches Trauma. Ein Krieg sei nicht so, wie er es sich vorgestellt habe, sagte ein anderer Interviewpartner. „Es ist eine Jagd, und wir sind die Gejagten.“ Die Zeitung sprach aber auch mit einem kenianischen Berufssoldaten, der offenkundig zufrieden war. Es sei ein gut bezahlter Job, und es gebe klare Anweisungen. Er hoffe auf eine Verlängerung seines Einsatzes. In den sozialen Medien findet sich eine Fülle von Angeboten für Jobs, Ausbildungen bis hin zu Studienplätzen mit Stipendien in Russland, die sich gezielt an junge Afrikaner richten. Viele klingen zu gut, um wahr zu sein. Professionell arbeitende Rekrutierungsagenturen seien in diesem Bereich aktiv, sagt Fredrick Ojiro, ein Menschenrechtsaktivist in Nairobi. Vermittler an Ort und Stelle nähmen dann Kontakt mit den Interessenten auf, organisierten die Reise und erledigten alle Formalitäten. Jung und arbeitslos In Kenia soll ein russischer Staatsbürger die treibende Kraft gewesen sein, der nach Angaben der kenianischen Behörden im September wegen krimineller Aktivitäten des Landes verwiesen worden war. Bei vielen jungen Kenianern, die frustriert sind über ihre wirtschaftliche Lage und fehlende Perspektiven im eigenen Land, komme das an, sagt Ojiro. „Es sind die gleichen Gründe, die Kenianerinnen dazu bringen, dubiose Jobangebote als Putzkräfte im Nahen Osten anzunehmen, oder Kenianer, sich gegen Bezahlung Terrorgruppen anzuschließen.“ In der Verantwortung sieht er die eigene Regierung. Sie müsse bessere Bedingungen und Arbeitsplätze schaffen. Es ist noch nicht lange her, da zogen Tausende junge und unzufriedene Menschen in den Protesten der „Generation Z“ in Kenia auf die Straßen, wobei die Demonstrationen mit Gewalt von den Sicherheitskräften niedergeschlagen wurden. Auch Südafrika, die stärkste Wirtschaftsnation auf dem Kontinent, haben die Rekrutierer offenkundig im Auge. Teils gehen sie mit ausgeklügelten Maschen auf die Jagd. Nach Informationen der Nachrichtenagentur Bloomberg gerieten einige südafrikanische „Gamer“, die ein Video-Kriegsspiel gespielt hatten, vor zwei Jahren in ihre Fänge. Binnen weniger Wochen hätten die Südafrikaner die Verträge unterschrieben, angeblich wurden ihnen auch die russische Staatsbürgerschaft und eine weitere Ausbildung in Aussicht gestellt. Mindestens ein „Gamer“ kam Medienberichten zufolge in dem echten Krieg mittlerweile ums Leben. Für mehr Aufsehen mit politischen Folgen sorgte Ende vergangenen Jahres ein Hilferuf von 17 Südafrikanern an die eigene Regierung in Pretoria. Angeblich hatten die Südafrikaner und zwei Männer aus Botswana Duduzile Zuma-Sambudla, der Tochter des früheren südafrikanischen Staatspräsidenten Jacob Zuma, vertraut und waren für eine Ausbildung zu Bodyguards nach Russland geflogen. Joshuas Vater bangt Kaum angekommen, stellten sie nach eigener Aussage fest, dass sie für private Militärunternehmen in der Ukraine kämpfen sollten. Die Untersuchungen in Südafrika über die Hintergründe laufen. Duduzile Zuma-Sambudla sagte, sie habe nicht gelogen, sondern sei selbst getäuscht worden. Trotzdem trat sie als Abgeordnete der neuen Partei ihres Vaters, uMkhonto weSizwe (MK), zurück. Abgesehen von dem Skandal um einen mutmaßlichen Betrug verbietet ein Gesetz südafrikanischen Staatsbürgern seit 1998 Söldneraktivitäten oder Einsätze für ein ausländisches Militär. Verteidigungsfachleute hegen jedoch Zweifel an der Darstellung der Männer, von denen mindestens acht angeblich zur Familie des ehemaligen Staatspräsidenten gehören. „Je mehr Details auftauchen, desto unwahrscheinlicher erscheint die Behauptung, sie haben wirklich an eine Ausbildung als Bodyguards geglaubt“, sagt Darren Olivier von der Denkfabrik African Defence Review. Anzunehmen sei aber, dass sie sich nicht des Ausmaßes der Gefahren und der Behandlung in Russland und der Ukraine bewusst gewesen seien. Möglicherweise hätten sie aus einer Mischung aus Unkenntnis und einer Affinität zu Russland entschieden, das Angebot anzunehmen, verführt von den angeblichen Verdienstmöglichkeiten. Die MK-Partei, benannt nach dem einstigen militärischen Flügel des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) in Widerstandszeiten, versäumt keine Gelegenheit, die russische Regierung zu preisen, und erinnert an die historischen Verbindungen mit der Sowjetunion. Viele Anti-Apartheid-Kämpfer wurden zu der Zeit dort ausgebildet und sitzen noch heute in hohen Positionen in den südafrikanischen Streitkräften. Auch der ANC pflegt demonstrativ freundliche Beziehungen mit Russland. Erst kürzlich war Südafrika wieder der Gastgeber einer gemeinsamen Marineübung mit Russland, China und anderen Staaten. Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa sagte Ende vergangenen Jahres, Südafrika nutze die diplomatischen Kanäle, um die Männer „sicher zurückzuholen“. Er selbst und seine Regierung verurteilten die „Ausbeutung junger vulnerabler Gruppen“ auf das Schärfste. Doch erkennbar passierte wenig seit dem Hilferuf. Nach Angaben der Democratic Alliance (DA), des Koalitionspartners des ANC, „herrscht absolute Funkstille“. Für den ANC sei es vermutlich peinlich einzugestehen, bei den russischen Behörden kein Gehör zu finden, sagt der auf Verteidigungsthemen spezialisierte DA-Politiker Chris Hattingh. Auch in den Kreisen der Familien sei es ruhiger geworden. Vermutlich hätten sie Angst, die Lage ihrer Angehörigen in der Ferne noch zu verschlimmern. Unbeantwortet ist zudem die für die südafrikanische Innenpolitik interessante Frage, warum die Zuma-Tochter und die oppositionelle MK-Partei so viele Männer im Ausland zu Bodyguards ausbilden lassen wollten, sollte dies tatsächlich der Plan gewesen sein. Im Falle von Joshua Nkrumah, dem Kriegsgefangenen in der Ukraine, hat der ghanaische Außenminister angekündigt, noch in diesem Monat nach einer Einladung seines ukrainischen Amtskollegen in die Ukraine zu reisen. Die Beziehungen sind gut. Ghana gehörte zu den afrikanischen Ländern, die mehrere Resolutionen der Vereinten Nationen gegen die russische Invasion in die Ukraine unterstützten. Vater Albert Nkrumah setzt nun alle Hoffnungen auf die Ministerreise. Zunächst hatte er gehört, sein Sohn könne im Zuge eines Gefangenenaustauschs mit Russland aus dem Gefängnis entlassen werden. Doch kurz danach kam die Nachricht, ausländische Staatsbürger seien von dem Austausch ausgeschlossen.
