Eric Chelle hat eine Mission. Der 48 Jahre alte Trainer möchte mit Nigeria den Titel des Afrikameisters gewinnen. Aber nicht nur das. Nach dem Willen des Maliers, der das Amt des nigerianischen Cheftrainers im Januar 2025 übernommen hat, soll das auf eine möglichst spektakuläre Art gelingen. „Ich mag Spielkontrolle und Offensivfußball. Nur auf den Gegner zu reagieren – das ist nicht mein Ziel“, sagte er. Es ist den „Super Eagles“, wie Nigerias Spieler genannt werden, bisher ganz gut gelungen. Sie haben im Laufe des Turniers in fünf Spielen schon 14 Treffer erzielt – und sind damit die mit Abstand torgefährlichste aller Mannschaften. Es mag ein ungewöhnliches Konzept eines Trainers sein, der zu seiner aktiven Spielerzeit als eisenharter Abwehrmann gefürchtet war. Die Afrikaner haben sich gegen die Europäer durchgesetzt Aber Chelle mag sein Erfolgsrezept für Nigeria ohnehin nicht auf Abwehr- oder Angriffsleistung reduziert sehen: „Wir wachsen hier in Marokko als Gruppe immer besser zusammen. Die Teamleistung ist entscheidend. Der Zusammenhalt ist es“, sagte er nach dem beeindruckenden 2:0-Sieg im Viertelfinale gegen das erfahrene Team Algeriens. Nigeria steht mit Chelle im Halbfinale, am Mittwoch (21.00 Uhr bei Sportdigital Fußball) geht es gegen den Gastgeber: Marokko. Dort sitzt mit Walid Regragui, der zwar in Frankreich geboren und ausgebildet wurde, aber für Marokkos Nationalmannschaft spielte, ein weiterer einheimischer Trainer auf der Bank. Wie auch bei den beiden anderen Halbfinalisten, die am Mittwoch um 18.00 Uhr aufeiandertreffen: Pape Thiaw betreut Senegal, bei Ägypten hat mit Hossam Hassan der ehemalige Rekord-Nationalspieler des Landes das Sagen. Die afrikanischen Trainer haben sich in Marokko vor allem gegen die europäische Konkurrenz durchgesetzt. Zwölf von 24 Teams des Cups wurden von Einheimischen angeleitet. Vier von ihnen werden den Sieger unter sich ausmachen. Schon Stephen Keshi, einst legendärer Abwehrchef in Nigerias Nationalmannschaft und später Trainer verschiedener afrikanischer Auswahlmannschaften, befand am Rande des 2013 in Südafrika ausgetragenen Afrika-Cups: „Kommt mir nicht mit irgendeinem mittelmäßigen Trainer aus Europa und sagt mir, dass er besser ist als ich!“ Keshi, der 2016 verstarb, gewann mit Nigeria die Afrikameisterschaft – und schaffte mithin das Kunststück, den Afrika-Cup als Spieler (1994) und als Trainer (2013) zu gewinnen. Aliou Cissé, einst Herz und Hirn Senegals Nicht zuletzt Keshi ist vieles zu verdanken, was das Selbstverständnis afrikanischer Fußballlehrer fortan prägte. Nun lautete die Devise: Kopf hoch und Brust raus. Die sich in den nächsten Jahren allen voran Aliou Cissé, Nationaltrainer Senegals, zu eigen machte. Wie Keshi, der rund 20 Jahre seines aktiven Fußballerlebens in Europa verbrachte, hatte auch Cissé seine Fußball-Ausbildung nicht auf dem heimischen Kontinent genossen. Als Spieler in Frankreich beschäftigt, war er 2002 Herz und Hirn Senegals, der bei der WM im Eröffnungsspiel Titelträger Frankreich mit 1:0 bezwang. Seinem Team – zweifelsohne ungeheuer talentiert – blieb damals dennoch ein großer Titel verwehrt. Was Cissé, ein wegen seiner Härte und Disziplin gefürchteter Defensivmann, unglaublich fuchste. Und ihn dazu brachte, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen – und zwar als Trainer. 2013 übernahm er die Olympiamannschaft Senegals, 2015 trat er nach einem verkorksten Afrika-Cup die Nachfolge des Franzosen Alain Giresse als senegalesischer Nationaltrainer an. „Wir wissen, wie unsere Landsleute ticken“ „Ich weiß doch am besten, was Senegal benötigt, um Erfolg zu haben“, sagte er bei Antritt seines Jobs und holte erst einmal ein paar Verbündete in sein Team: Mit Torwarttrainer Tony Silva, Ko-Trainer Omar Daf und Team-Koordinator Lamine Diatta stellten sich gleich eine Hand voll alter Teamkollegen von 2002 an seine Seite. Es war so etwas wie die „neue afrikanische Trainergeneration“ geboren. Dieser Generation ist durchaus auch Eric Chelle zuzurechnen. Er hat den Trainerjob in Frankreich von Grund auf gelernt. Chelle machte dort seine Trainerscheine, betreute nach seiner aktiven Karriere zunächst sieben Jahre lang unterklassige Amateurvereine, bevor er 2021 in Boulogne in der zweiten Liga als Profitrainer einstieg. 2022 wurde er Cheftrainer seines Heimatlandes Mali, erreichte mit dem Nationalteam beim Afrika-Cup 2024 in der Elfenbeinküste das Viertelfinale, wo man gegen den Gastgeber unglücklich in der letzten Minute der Verlängerung den entscheidenden Gegentreffer kassierte und ausschied. Im Sommer 2024 wurde er – nach schwachen Leistungen seines Teams in der WM-Qualifikation – in Mali entlassen. Einen Namen als Trainer mit Perspektive hat er sich dennoch gemacht. Qatar 2022 als Wendepunkt „Wir wissen am besten, wie unsere Landsleute ticken“, meinte Senegals Cissé, als er damals mit Senegal durchstartete. Was er meinte: diszipliniert sein, wenn es darauf ankommt, aber zwischendurch auch mal die lange Leine. Ob bei Albernheiten im Hotel-Swimmingpool oder beim stundenlangen Fußballtennis im Sand hinter der Herberge – Cissé war schon bei seinem ersten Afrika-Cup als Trainer 2017 selbst immer dabei. „Die Jungs sollen locker bleiben“, argumentierte er. Auf der anderen Seite forderte er absoluten Fokus von seinen Spielern ein: „Ich verlange, dass sich jeder Spieler optimal vorbereitet und seine Gegner 90 Minuten bearbeitet und unter Druck setzt. Dann sind wir eigentlich nicht zu schlagen.“ 2017 verlor sein Team noch im Viertelfinale gegen Kamerun, und 2019 unterlag man im Finale Algerien. Doch Cissé blieb dran – und gewann mit seinem Team 2022 die Afrikameisterschaft nach einem Sieg im Endspiel gegen Ägypten. Die WM in Qatar 2022 markierte daraufhin einen Wendepunkt in der afrikanischen Trainergeschichte. Zum ersten Mal wurden alle Teilnehmer des Kontinents von Trainern ins Turnier geführt, deren familiäre Wurzeln in dem Land liegen, dessen Verbandsemblem sie während der Wochen in Qatar auf der Brust trugen. Die Tunesier spielten unter ihrem Landsmann Jalel Kadri, die Marokkaner unter Walid Regragui, Senegal wurde von Cissé trainiert, und Ghana sowie Kamerun stiegen unter Otto Addo sowie Rigobert Song ins sportliche Geschehen ein. Der Trend setzt sich anscheinend fort: Der Sieger des Afrika-Cups 2025 wird einen einheimischen Trainer haben. Das steht bereits fest.
