Es war der 3. Oktober 2025, als die Taliban kamen. Doch Said Mustafa Hashimi, ein Mann mit dichtem, schwarzem Bart und Turban, tauchte nicht in einem abgelegenen afghanischen Dorf auf, um den Willen der Machthaber in Kabul durchzusetzen. Sein Gefolge trug die Koffer des Islamisten in einen Klinkerbau in Bonn-Ückesdorf, den Sitz des afghanischen Generalkonsulats. Dass der Vertreter einer Terrormiliz nach Deutschland reisen durfte, um die Geschäfte in einer der wichtigsten afghanischen Auslandsvertretungen in Europa zu führen, hat eine lange Vorgeschichte. Es gibt viele Punkte, von denen man beginnen kann, sie zu erzählen. Einer davon ist Doha im Jahr 2020. Im Februar jenen Jahres leitete der amerikanische Präsident Donald Trump dort den Rückzug westlicher Truppen aus Afghanistan ein. Unter seinem Nachfolger Joe Biden zogen die Soldaten im April 2021 ab – und die Kämpfer der Taliban stießen in rasanter Geschwindigkeit nach Kabul vor. Am 15. August fiel die Hauptstadt der Islamischen Republik. Nur einen Tag später riefen die Taliban ihr Emirat aus. Außer Russland hat bis heute kein Land auf der Welt den Talibanstaat anerkannt. Und so blieben überall Botschaften und Konsulate der alten afghanischen Republik geöffnet, deren Diplomaten sich dem neuen Regime nicht beugten – auch in Bonn, München und Berlin. Die Taliban akzeptierten die dort ausgestellten Dokumente. Dieser paradoxe Zustand schien für alle Beteiligten Vorteile zu haben: Die deutsche Regierung musste sich nicht mit der Frage einer Anerkennung des Terrorregimes beschäftigen, die Afghanen in Deutschland waren mit gültigen Papieren versorgt, und das afghanische Dokumentenwesen blieb, auch im Sinne der Taliban, im Ausland funktionsfähig. Doch so konnte es nicht ewig bleiben. Der Mord an Polizist Rouven L. Im Mai 2024 wurde in Mannheim der Polizist Rouven L. von einem Afghanen erstochen. Der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz kündigte in einer Regierungserklärung an, schwere Straftäter und terroristische Gefährder nach Afghanistan abzuschieben. Dafür sei man bereits mit Nachbarländern Afghanistans im Gespräch. Im August schob Deutschland dann 28 Straftäter nach Afghanistan ab. Parallel dazu vollzog sich eine andere Entwicklung. Im Juli 2024 erklärten die Taliban, im Generalkonsulat in Bonn und in der Botschaft in Berlin ausgestellte Dokumente nicht mehr anzuerkennen. Nur Papiere aus dem Generalkonsulat in München galten noch. Die süddeutsche Vertretung der alten Republik hatten die Islamisten zu diesem Zeitpunkt bereits auf Linie gebracht. Im November beriefen sie dann den Botschafter in Berlin und den Generalkonsul in Bonn ab. Der Verdacht stand im Raum, Berlin habe einen Teil dazu beigetragen, die republiktreuen Diplomaten aus dem Amt zu drängen. Auf eine Anfrage der Linkspartei bestritt die Bundesregierung jedoch, eine „Gegenleistung für die Ermöglichung der Abschiebungsmaßnahme“ erbracht zu haben. Sie berief sich auf internationales Recht, wonach die Abberufung der Diplomaten durch die Taliban „bindend“ gewesen sei. Die Posten des Botschafters und des Generalkonsuls blieben danach vakant. In Berlin übernahm Abdul Baqi Popal als Chargé d’Affaires den laufenden Betrieb, während in Bonn ein junger Diplomat namens Hamid Nagialay Kabiri die konsularischen Geschäfte führte. Hamid Nagialay Kabiri will sich den Taliban nicht beugen November 2025: Hamid Nagialay Kabiri, 33 Jahre alt, sitzt im Außenbereich eines türkischen Restaurants in der Bonner Innenstadt. Hierhin hat der frühere Leiter des afghanischen Generalkonsulats eingeladen, um seine Version der Geschichte zu erzählen. Er ist sich sicher, dass die Taliban nach seinem Leben trachten. Denn während die Verantwortlichen in München und Berlin sich Kabul offenbar unterordneten, leistete Kabiri bis zuletzt Widerstand. Ein ehemaliger Diplomat nannte ihn einmal den „last man standing“ in Deutschland. Kabiri, der 2019 als diplomatischer Mitarbeiter nach Bonn kam, erzählt mit sanfter Stimme, was sich aus seiner Sicht zugetragen hat. Doch immer wieder mischen sich Empörung und Fassungslosigkeit in seine Schilderung. Am 28. Februar 2025 hat Kabiri demnach an einem Treffen im Auswärtigen Amt teilgenommen. Die Beamten der scheidenden Scholz-Regierung sollen ihm versichert haben, Deutschland werde eine rote Linie nicht übertreten: keine Taliban in den Konsulaten und in der Botschaft. Kurz darauf kursierte in den sozialen Medien das Gerücht, deutsche Behörden würden Passverlängerungen aus Bonn nicht mehr anerkennen. Am 10. April erhielt Kabiri ein Schreiben der Ausländerbehörde, das dies bestätigte. Er wandte sich an das Auswärtige Amt. Die Antwort: Weil er nicht mit den Taliban kooperiere, seien die von seinem Generalkonsulat ausgestellten Verlängerungen ungültig. Am 26. Mai bekam Kabiri Besuch eines Wachleiters der Bonner Polizei. Der Polizist teilte ihm mit, dass auf Tiktok ein Video veröffentlicht worden war, in dem ein Unbekannter behauptet, „eine Pistole und ein Messer zu besitzen und in eine afghanische Vertretung gehen zu wollen, um dort Menschen zu erschießen, Menschen zu enthaupten“. Kabiri denkt, die Taliban wollten ihn damit einschüchtern. Dann kam der 18. Juli. Bei einem europäischen Migrationsgipfel auf der Zugspitze sagte Alexander Dobrindt, der Innenminister der neuen schwarz-roten Koalition: „Deutschland sitzt bei Migrationsthemen nicht mehr im Bremserhäuschen, sondern in der Lokomotive.“ Symbolträchtig hatte der CSU-Mann am Morgen desselben Tages 81 afghanische Straftäter von Leipzig nach Kabul ausfliegen lassen. Als Kabiri die Meldung in den sozialen Medien sah, war er schockiert. „Da wusste ich, es gab einen Deal.“ Hat Berlin Diplomatenpässe gegen die Erleichterung von Abschiebungen getauscht? Von einem „Deal“ ist im Auswärtigen Amt wohl nicht die Rede. Unstrittig ist jedoch, dass dem Abschiebeflug Verhandlungen im Emirat Qatar vorausgegangen waren. Und auch, dass Dobrindt sowie sein Parteivorsitzender Markus Söder zuvor gefordert hatten, direkte Gespräche mit den Taliban möglich zu machen, anstatt den Umweg über das Verbindungsbüro in Doha zu gehen. Wieder stand ein Verdacht im Raum: Hatte Berlin den Machthabern in Kabul für erleichterte Abschiebungen Zugeständnisse gemacht? Ende Juli trafen jedenfalls zwei Konsularbeamte der Taliban in Berlin ein. Einer sollte als „Erster Sekretär“ in der Botschaft arbeiten, der andere als „Konsul“ in Bonn. Als Kabiri davon hörte, wandte er sich abermals an das Auswärtige Amt. Ja, es stimme, die Taliban seien da, habe man ihm erklärt. Said Mustafa Hashimi, ein Funktionär der Islamisten, sei nach Bonn entsandt worden, um – zumindest auf dem Papier – unter Kabiris Leitung zu arbeiten. Mit einem Taliban zusammenzuarbeiten, einem Mann, der Frauen grundlegende Menschenrechte abspricht – das konnte sich Kabiri nicht vorstellen. Und wenn es um Abschiebungen gehe, reiche es aus, den Taliban München und Berlin zu überlassen, habe er erwidert. „Herr Kabiri, das ist eine Regierungsentscheidung“, habe man ihm geantwortet. Am 15. September holte das Auswärtige Amt Kabiri in eine Konferenzschaltung. Seinen Schilderungen zufolge ging es wieder darum, ihn von einer Zusammenarbeit mit den Taliban zu überzeugen. Die deutsche Seite machte ihm demnach klar, dass sie andernfalls dem Gesuch der Taliban nachgeben müsste, ihn aus Bonn abzuziehen. Am 20. September erhielt Kabiri einen Brief aus der afghanischen Botschaft. Darin stand, dass seine Zeit als Diplomat am 29. September ende. Auswärtiges Amt will zu „internen Abläufen“ keine Auskunft geben Daraufhin teilte Kabiri dem Auswärtigen Amt mit, dass er die Schlüssel zum Konsulat nicht an die Taliban übergeben werde und sie den Deutschen überlassen wolle. Doch dort habe man ihm gesagt, dass das eine afghanische Angelegenheit sei, die er mit seiner Botschaft besprechen solle. Danach entschied Kabiri zusammen mit seinen Kollegen, die Medien zu informieren und das Generalkonsulat vor laufenden Kameras zu verlassen. In den sozialen Medien gibt es ein Video davon: Kabiri legt den Schlüssel zum Konsulat in einen Umschlag, den er an das Auswärtige Amt schickte. Vier Tage später kamen die Taliban. Kabiris Schilderungen lassen sich nicht restlos überprüfen. Die F.A.S. hat das Auswärtige Amt deshalb um Stellungnahme gebeten. Aus dem Ministerium hieß es, zu „internen Abläufen“ der afghanischen Vertretungen könne es keine Auskunft geben. Man betonte zudem, Botschaft und Konsulate würden weiterhin von Gesandten der alten Republik geführt und Bonn unterstehe der Botschaft in Berlin. Formal mag das stimmen; faktisch aber dürften die Taliban inzwischen in allen deutschen Vertretungen das Sagen haben – ein bislang einmaliger Vorgang in der EU. Für den Rechtswissenschaftler Thilo Marauhn ist das zwar völkerrechtlich zulässig, politisch aber unschlüssig. Der Professor für Völkerrecht an der Justus-Liebig-Universität Gießen sieht die Bundesregierung in einem Dilemma: Zum einen wolle man die Taliban nicht als legitime Regierung anerkennen, zum anderen aber Straftäter nach Afghanistan abschieben. Die Akkreditierung zweier Taliban sei offenbar der Preis, den sie dafür zu zahlen bereit ist. Zwar lasse sich diese durch die Wahrnehmung konsularischer Aufgaben begründen. Diese Aufgaben seien aber keinesfalls rein „technisch“. Marauhn sieht einen möglichen „Türöffner“ für eine spätere Anerkennung der Taliban. Zudem könnten die Einnahmen aus konsularischer Tätigkeit der Finanzierung des Regimes dienen. Und nicht zuletzt ist die Ankunft der Taliban ein Problem für die afghanische Exilgemeinde. Afghanen fürchten um die Sicherheit ihrer Familien Hamid Nagialay Kabiri teilt Marauhns Einschätzung. Denn Bonn ist ein besonderes Generalkonsulat. Man könnte es als digitales Nervenzentrum aller afghanischen Auslandsvertretungen in Europa, Kanada und Australien bezeichnen. Hier lagern die Adressen und biometrischen Daten Hunderttausender Auslandsafghanen – und damit sensible Informationen von unzähligen Feinden der Taliban. Dass diese jetzt in die Hände der Islamisten gefallen sind, macht vielen Afghanen in Deutschland Angst. „Die Taliban können ihre Familien in Afghanistan nun problemlos ausfindig machen“, sagt Kabiri. Er habe das Auswärtige Amt davor gewarnt. Auch Najib S. sorgt sich um seine Familie. Der junge Afghane heißt eigentlich anders, aber möchte unerkannt bleiben. Die F.A.S. trifft ihn, nachdem er das Generalkonsulat besucht hat. Er habe lange überlegt, ob er überhaupt nach Bonn fahren sollte. Aber letztlich blieb ihm keine Wahl: Die Ausländerbehörde drohte, seine Arbeitserlaubnis zu entziehen, sollte er keine gültigen Papiere vorlegen. Najibs Familie stammt aus Baglan im Nordosten des Landes. Er gehört der Volksgruppe der Tadschiken an. Sein Vater kämpfte als Offizier in der afghanischen Armee zusammen mit Bundeswehrsoldaten gegen die Taliban. Als sein Vater getötet wurde, floh Najib 2015 nach Deutschland. Doch viele seiner Verwandten leben unter falscher Identität in Baglan. „Ich habe große Angst, dass die Taliban sie jetzt finden können“, sagt Najib. Er habe sensible Familiendaten preisgeben müssen, um die Dokumente zu erhalten. Mit konsularischen Leistungen lässt sich gutes Geld verdienen Unwohl ist Najib nicht nur, weil er sich von den Taliban, vor denen er geflohen ist, jetzt die Papiere ausstellen lassen muss. Im Konsulat hat er auch beobachtet, wie Paschtunen, also die Volksgruppe, der viele Taliban angehören, besser behandelt wurden. Früher sei das im Generalkonsulat nicht so gewesen. Und dann war da noch die Sache mit dem Bargeld. Najib zufolge haben die Taliban die Preise für die Dokumentenbearbeitung erhöht. Bei der Ausstellung hätten sie sogar noch mehr verlangt, als auf der Website angegeben. Obwohl EC-Kartenlesegeräte an den Schaltern standen, konnte nur in bar bezahlt werden. Das kann auf ein technischen Defekt zurückgehen. Oder aber die Taliban sammeln Bargeld, um die Finanzsanktionen gegen das Emirat zu umgehen. Dass Letzteres zutreffen könnte, legte eine Recherche des ARD-Studios in Neu Delhi nahe. Der Studioleiter Peter Hornung hatte ein vertrauliches Dokument ausgewertet, demzufolge die Einnahmen der afghanischen Vertretungen in Deutschland in bar eingenommen werden sollen, um sie dann nach Kabul zu überweisen. Ob das tatsächlich passiert, ist aber unklar. Fest steht: Mit konsularischen Leistungen lässt sich gutes Geld verdienen. Doch auf die Konten, die von deutschen Banken verwaltet werden, haben die Taliban offenbar nur eingeschränkt Zugriff, etwa, um laufende Kosten zu decken, aber nicht für größere Überweisungen. Hamid Nagialay Kabiri sagt, allein am Bonner Generalkonsulat hätten sich seit der Machtübernahme der Taliban in Kabul rund vier Millionen Euro angehäuft. Geld, das nun der Taliban Hashimi verwalten dürfte. Kabiri hat mittlerweile Asyl beantragt. Sollte er in Bonn, seiner „zweiten Heimat“, bleiben können, will er sich als Aktivist gegen die Taliban engagieren. Für seine Landsleute, aber auch für die mehr als dreißig in Afghanistan getöteten Bundeswehrsoldaten. Die Mitverantwortlichen für ihren Tod residieren jetzt in Bonn und Berlin, ausgestattet mit deutschen Protokollkarten.
