FAZ 06.02.2026
15:02 Uhr

AfD in Sachsen-Anhalt: Es bleibt in der Familie


Hat die erste Garde der AfD in Sachsen-Anhalt ein System der Vetternwirtschaft aufgebaut? Die Vorwürfe richten sich auch gegen Spitzenkandidat Ulrich Siegmund.

AfD in Sachsen-Anhalt: Es bleibt in der Familie

Zu den beliebtesten Veranstaltungsformaten der sachsen-anhaltischen AfD gehören die sogenannten Familienfeste. Die Partei präsentiert sich dort landauf, landab mit Hüpfburgen und Schminkstationen als volkstümliche und bodenständige Kraft, die für die Interessen der arbeitenden Bevölkerung im Land eintritt. Auch der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund pflegt das Image eines bürgernahen Kümmerers und möchte damit nach der anstehenden Landtagswahl am 6. September der erste Ministerpräsident in der Geschichte der AfD werden. Nun allerdings sorgen Berichte für Unruhe in der Partei, die ebenfalls mit dem Thema „Familie“ zusammenhängen – allerdings den eigenen Familien mehrerer AfD-Politiker. Es geht um den Vorwurf, dass Mitarbeiterjobs unter AfD-Abgeordneten systematisch und über Kreuz Verwandten zugeschanzt wurden. Ein besonders eindrückliches Beispiel für dieses Vorgehen ist die Familie des AfD-Landtagsabgeordneten Tobias Rausch. Der 35 Jahre alte AfD-Politiker ist im Jahr 2016 gemeinsam mit seinem Vater Daniel Rausch in den Magdeburger Landtag eingezogen und zählt somit zu den Urgesteinen des sachsen-anhaltischen AfD-Landesverbands. Über Kreuz verflochten Die Verflechtungen beginnen mit der Partnerin von Tobias Rausch, die für die AfD-Landtagsfraktion arbeitet. Sie ist die Tochter des früheren AfD-Landtagsabgeordneten Mario Lehmann sowie die ehemalige Lebensgefährtin des früheren AfD-Landesvorsitzenden André Poggenburg. Neben der Partnerin arbeiten auch noch drei Geschwister von Tobias Rausch für die AfD. Sie sind bei der Magdeburger Bundestagsabgeordneten Claudia Weiss angestellt, deren Tochter wiederum in der Magdeburger Landtagsfraktion tätig ist. Auch ein Schwager von Rausch arbeitet hauptberuflich bei einem AfD-Bundestagsabgeordneten und ist zudem, ebenso wie ein Bruder von Rausch, parallel in der Staßfurter Immobilienverwaltungsfirma von Tobias Rausch tätig. Diese Firma vermarktet wiederum die Räumlichkeiten, in denen die Wahlkreisbüros von Tobias Rausch und seinem Vater Daniel sowie die Geschäftsstelle der AfD-Kreistagsfraktion liegen. Veröffentlichung als Racheakt? An die Öffentlichkeit gelangen diese familiären Verflechtungen im Zusammenhang mit der schwelenden Affäre rund um den AfD-Bundestagsabgeordneten Jan Wenzel Schmidt. Auch Schmidt zählt zu den Urgesteinen von 2016 und galt jahrelang als der Mann, der die innerparteilichen Geschicke des extrem weit rechts stehenden Landesverbands lenkt und als Mitglied der einflussreichen „Pokerrunde“ deren Willen mit harten Bandagen durchsetzt. Rund um den Jahreswechsel 2024/2025 muss es jedoch zu einem folgenreichen Zerwürfnis in der „Pokerrunde“ gekommen sein. Einige Wochen später, im Februar 2025, räumte Schmidt unter Druck seinen Posten als Generalsekretär. Mittlerweile läuft sogar ein Parteiausschlussverfahren gegen ihn. Die AfD wirft Schmidt darin unter anderem vor, sich mit Hilfe eines Beschäftigungskarussells zwischen seinem Bundestagsbüro und seiner E-Zigaretten-Firma bereichert zu haben. Als Bevollmächtigter der Partei in dem Ausschlussverfahren gegen Schmidt tritt Tobias Rausch auf, der inzwischen die Nachfolge seines langjährigen Weggefährten als innerparteilicher Strippenzieher angetreten und auch dessen ehemalige Aufgaben als Generalsekretär übernommen hat. Schmidt scheint sich dafür nun an Rausch und weiteren ehemaligen Verbündeten zu rächen, indem er, wie schon vor mehreren Wochen angekündigt, über deren familiär-finanzielle Verflechtungen auspackt. Besonders heikel für die AfD ist, dass eine solche Verflechtung offenbar auch bei ihrem Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund existiert: Wie das ZDF unter Berufung auf vertrauliche Unterlagen berichtet, soll Siegmunds Vater im Büro des AfD-Bundestagsabgeordneten Thomas Korell tätig sein und dort 7725 Euro monatlich verdienen. Das wäre ein sehr üppiges Gehalt für eine solche Mitarbeiterstelle. Ebenfalls angestellt bei Korell, allerdings für ein weit geringeres Gehalt, sollen die Eltern des Stendaler AfD-Landtagsabgeordneten Matthias Büttner sein, der wiederum der ehemalige Büroleiter von Siegmund ist. Laut der Magdeburger Tageszeitung „Volksstimme“ war auch die Ehefrau des Landtagsabgeordneten Hans-Thomas Tillschneider zumindest für einige Monate beim Bundestagsabgeordneten Jan Wenzel Schmidt tätig, mit dem Tillschneider lange Zeit eng verbunden war. Tillschneider gilt als Chefideologe des Landesverbands und hat für Siegmunds Wahlkampf das Programm entworfen. Rechtswidrig ist das nicht – Vetternwirtschaft jedoch schon In der Zusammenschau ergibt sich das Bild, dass die Urgesteine der sachsen-anhaltischen AfD, zu denen Rausch, Siegmund, Büttner, Tillschneider und Schmidt allesamt gehören, über Kreuz Familienmitglieder bei verbündeten AfD-Politikern untergebracht haben. Rechtswidrig ist all das nicht. Dies wäre es nur, wenn die Abgeordneten ihre Verwandtschaft direkt bei sich selbst beschäftigt hätten. Die Vorgänge zeigen jedoch, dass man auch unter Einhaltung dieser Vorschrift umfänglichen Nepotismus betreiben kann. Zu ihrer Verteidigung kann die AfD allerdings darauf verweisen, dass es nach ihrem erstmaligen Einzug in den Landtag im Jahr 2016 tatsächlich schwer gewesen sein dürfte, als junger Landesverband viele Mitarbeiterstellen auf die Schnelle zu besetzen, zumal ein längerfristiger Erfolg der Partei damals noch keineswegs sicher erschien und eine Tätigkeit damals auch erhebliche negative Konsequenzen für das spätere berufliche Fortkommen hätte haben können. Diese Argumente sind im Laufe der Jahre jedoch mehr und mehr entfallen. Denn die Partei kann bei der Rekrutierung von Mitarbeitern mittlerweile aus ihrer stark gewachsenen Schar von Mitgliedern und treuen Anhängern schöpfen. Auch sind solche Tätigkeiten gerade in den ländlichen Gebieten Sachsen-Anhalts kaum noch mit einem schweren Makel behaftet; die AfD gilt dort längst als Volkspartei. Eben deshalb könnte der Vorwurf der Vetternwirtschaft die AfD in ihren ländlichen und kleinstädtischen Hochburgen mit deren niedrigem Gehaltsniveau weit empfindlicher treffen als jede Enthüllung rechtsextremer Umtriebe in der Vergangenheit, die dort häufig entweder achselzuckend hingenommen oder sogar ausdrücklich für gut befunden wurden. Um seine Anhängerschaft zu beruhigen, hat AfD-Spitzenkandidat Siegmund am Donnerstagabend bereits das zweite Video auf den sozialen Plattformen veröffentlicht. Siegmund spricht von „blödsinnigen fake news“, auch bezüglich der veröffentlichten „Zahlen, Daten und Fakten“. Er sagt seinen mehreren Hunderttausend Followern aber an keiner Stelle, welche Behauptungen konkret nicht zutreffen. Auch auf einen Fragenkatalog der F.A.Z. geht die AfD-Fraktion nicht ein, sondern antwortet am Freitagmittag bloß allgemein, dass sie zu Anstellungsverhältnissen und Vergütungen aus Gründen des Datenschutzes keine Angaben machen könne. In seinem ersten Kurzvideo zu der Affäre hatte Siegmund eine ZDF-Anfrage einfach zerknüllt und weggeworfen.