FAZ 11.02.2026
19:11 Uhr

AfD in Hessen: Eine Partei fast ohne Basis


In der östlichen Wetterau in Hessen hat die AfD bei zurückliegenden überregionalen Wahlen stets auffallend viele Stimmen geholt. Doch zur Kommunalwahl tritt sie nur in einem Ort an.

AfD in Hessen: Eine Partei fast ohne Basis

In früheren Zeiten war Hirzenhain eine Hochburg der SPD. Das waren jene Zeiten, in denen Buderus dort noch ein Werk unterhielt und die Arbeiter traditionell die Sozialdemokraten wählten. Mittlerweile dominiert in der Gemeinde bei Wahlen aber die Farbe Blau. Konnte die CDU die aufstrebende Konkurrenz bei der Landtagswahl im Herbst 2023 noch knapp in die Schranken weisen, so bekam zur Bundestagswahl die AfD anteilig die meisten Stimmen. 30,25 Prozent waren es am Ende des Wahltags. Zwischendrin schnitt sie auch bei den Europawahlen überdurchschnittlich gut ab. Was läge für die Partei näher, als diese Reihe bei den anstehenden Kommunalwahlen fortzuschreiben? Nur: Die AfD tritt in ihrer Hochburg gar nicht an. Und das ist keine Ausnahme, im Gegenteil. Und im Vergleich zur Wahl 2021 hat sie in der gesamten Wetterau keine weitere Liste aufgestellt. Die Liste der Kleinstädte und Gemeinden in der östlichen Wetterau ohne AfD-Wahlvorschlag für den örtlichen Urnengang ist lang. Ob Glauburg oder Gedern, Limeshain, Nidda oder Ortenberg – überall dort tritt die in Teilen rechtsextreme Partei nicht an. Gleiches gilt für das nur ein paar Kilometer von Hirzenhain entfernt gelegene Kefenrod, wo die AfD bei der letzten Wahl an die 30-Prozent-Marke herankam. Diese Liste ließe sich spielend verlängern. Es ist aber leichter, den Ort zu benennen, an dem die AfD in der östlichen Wetterau antritt. Und das ist Büdingen. Selbst in Licherts Heimatstadt tritt die AfD nicht an Auch in der sonstigen Wetterau macht die Partei sich rar bei den Wahlen zu Stadtverordnetenversammlungen und Gemeindevertretungen. In Altenstadt mit seiner Waldsiedlung und ihrem traditionell auffallend hohen Anteil von Rechtsaußenstimmen kandidiert statt der AfD die „Heimat“, besser bekannt unter ihrem früheren Namen NPD. In Wölfersheim, wo sie einmal stark war, reicht es dagegen auch für die Rechtsextremisten nicht mehr zu einer Liste. Die AfD steht dort ebenfalls nicht auf dem Stimmzettel, obwohl sie bei der Bundestagswahl gut ein Viertel der Stimmen holte. In Butzbach, Rosbach oder auch der Kreisstadt Friedberg das gleiche Bild. Nicht einmal in Bad Nauheim, dem Wohnort des Landesvorstandssprechers und Landtagsabgeordneten Andreas Lichert, steht die Partei zur Wahl. Kreis-Schatzmeister Christian Rohde bestätigt die Information, nach der seine Partei außer in Büdingen auch in Bad Vilbel und in Karben abschneidet. Beide Städte zahlen aber nicht zu ihren Hochburgen. Bei der Bundestagswahl schnitt sie jeweils klar unterdurchschnittlich ab, in der Kurstadt schlechter als in Karben. Dessen ungeachtet sitzen dort ihre beiden auf eine Kommune begrenzten Ortsverbände. Ansonsten gibt es in der Region nur den Ortsverband Wetterau-Ost. Wer sich auf der Internetseite der Wetterauer Parteigliederung umsieht, stößt gleichwohl auf E-Mail-Adressen für jede der 25 Kommunen in diesem Landkreis. Die AfD vermittelt mithin das Bild einer Partei, die in weiten Teilen der Wetterau über keine Basis verfügt. Zumindest versammelt sie in den meisten Kommunen offensichtlich niemanden oder keine ausreichende Zahl von Männern und Frauen hinter sich, die am jeweiligen Ort aktiv Politik mitgestalten und viele Stunden ihrer Freizeit in Arbeitsgruppen, Ausschüssen und Sitzungen der Gemeindevertreter oder Stadtverordneten opfern wollen. Weshalb aber ist das so? Timo Tichai meint nüchtern, „dass sich niemand findet, der sich der Öffentlichkeit als AfD-Anhänger outet und sich kommunalpolitisch einbringen möchte“. Gemünzt sind diese Worte auf Hirzenhain, wo Tichai parteiloser Bürgermeister ist. Allerdings äußert sich sein Amtskollege Thorsten Eberhard (CDU) aus Nidda ähnlich. Zudem meint Eberhard: „Ein Kreuz bei der Wahl ist das eine, aber selbst aktiv zu werden, das andere. Es ist viel leichter nur zu meckern, als sich selber zu engagieren in Abendsitzungen und zahlreichen Terminen, und das Ganze ehrenamtlich.“ „Die AfD ist insgesamt eine mitgliederschwache Partei“ Vor dem Hintergrund der jüngsten Wahlerfolge der AfD einerseits und der jüngst veröffentlichten Umfragewerte andererseits sei der Rückhalt für die AfD in Hessen groß, sagt die Politikwissenschaftlerin Dorothée de Nève von der Justus-Liebig-Universität Gießen. Die Partei liege hinter der CDU seit geraumer Zeit stabil auf Platz zwei. Aber: „Die AfD ist insgesamt eine mitgliederschwache Partei“, sagt de Nève. Die Partei habe in Hessen etwa 4600 Mitglieder. „In der Forschung gehen wir davon aus, dass rund fünf bis zehn Prozent der Parteimitglieder tatsächlich aktiv sind. Die Personaldecke der AfD ist in Hessen also sehr dünn“, erläutert sie. Zur Landtagswahl 2023 sei die AfD mit einer Liste von 40 Kandidaten angetreten, und „davon stammten nur zwei aus der Wetterau“. Die AfD gewann im Wahlkreis Wetterau II aber gut ein Viertel der Wählerstimmen. Es gebe also keinen direkten Zusammenhang zwischen dem Rückhalt für die AfD bei den Wählern und der Stärke der Parteiorganisation an der Basis, sagt de Nève. Mithin sei es für die AfD äußerst herausfordernd, in der Fläche politisch Präsenz zu zeigen und ausreichend Kandidaten für die Aufstellung eigener Listen zu finden. AfD will in der Wetterau 2031 an mehr Orten antreten Der Erfolg der AfD bei Wahlen lässt sich aus ihrer Sicht nicht zwingend mit der Strukturschwäche von Regionen erklären. Vielmehr könne die AfD dort gute Stimmergebnisse erzielen, wo sie auch an frühere Erfolge rechtsextremer Parteien anknüpfen könne, wie etwa jene der Republikaner vor gut 35 Jahren. Das reiche aber als Erklärung nicht aus. Zweitens sei die Unterstützung für die AfD in Hessen in Gegenden mit niedrig gebildeten Bevölkerungsgruppen und einer geringen Akademikerquote besonders groß. Kreis-Schatzmeister Rohde äußerte sich zunächst nicht nach den Gründen. Auf Nachfrage teilt er mit: Aufgrund der in den vergangenen Jahren Jahren stark gestiegenen Mitgliederzahlen des Kreisverbands habe seine Partei in vielen weiteren Städten und Gemeinden des Wetteraukreises „grundsätzlich genügend interessierte Mitglieder, die kandidieren könnten“. Diese müssen allerdings auch hinreichend kommunalpolitisch geschult sein, um sich adäquat in den Kommunalparlamenten einbringen zu können. „Vor diesem Hintergrund nehmen wir den Antritt in vielen weiteren Wetterauer Kommunen für die Kommunalwahl 2031 in den Fokus.„