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29.11.2025
08:12 Uhr
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An der Adenauerbrücke versuchen Demonstranten, auf die von der Polizei gesperrte Fahrbahn zu gelangen. Als Clowns verkleidet, klettern sie die Böschung heraus. Unten auf der Wiese feuern sie einige Hundert Demonstranten an. „Clowns rein, Nazis raus“, rufen sie, und: „Deutsche Polizisten schützen die Faschisten.“Von unten wird ein Feuerwerkskörper in die Gruppe der Polizisten geworfen. Die lassen den Rauch verziehen und fordern die Clowns auf, sich zurückzuziehen. Die „Personen, die wie Clowns verkleidet sind“, wie die Polizei sie anredet, jonglieren mit Luftballons.
Rund um Gießen gebe es Personengruppen, die an Autobahnen, Bundes- und Landesstraßen „massiv“ die Straßen blockierten, sagte ein Polizeisprecher. An einem Verkehrskreisel in der Stadt blockierte laut Polizei ein Bus mit daran angeketteten Aktivisten den Weg. Etwa zehn Personen sollen sich demnach bei Gießen über der Bundesstraße 429 abseilen. Eine größere Gruppe habe versucht, eine Polizeiabsperrung an einem Umspannwerk vor Gießen zu durchbrechen. Einsatzkräfte hätten das weitere Vordringen verhindert, dabei sei ein Beamter leicht verletzt worden. Teils seien Polizisten mit Steinen beworfen worden. Eine Sprecherin sprach von einer „aktiven Lage mit vielen verschiedenen Schauplätzen“ in der Stadt.
Auch das gehört zum Protest gegen die AfD-Jugend dazu: eine Küche am Lahnufer. Es gibt Pellkartoffeln, Quark und Kimchi, die Stimmung ist ausgelassen. „Schmeckt richtig lecker“, sagt eine Demonstrantin mit „Omas gegen Rechts“-Weste. Ein paar Meter weiter steht ein Kleinlaster, auf dem Plakat daran steht: „Ganz Gießen hasst die AfD.“ Es läuft Techno-Musik. An der DGB-Bühne wurde gerade gejubelt, als es hieß, dass die Bands Juli und Kraftklub heute noch auftreten werden.
Polizei droht Wasserwerfer-Einsatz an - FlaschenwürfeAngesichts der Forderungen von Demonstranten, die gesperrte Adenauerbrücke über die Lahn für den Protestzug zu räumen, mahnt ein Polizeisprecher: Sollte es einen Durchbruchsversuch geben, werde im Zweifel ein Wasserwerfer als Gegenmittel eingesetzt. Auf „X“ berichtet die Polizei von Flaschenwürfen gegen Beamte. Sie dokumentiere alles konsequent. Ein Sprecher fordert die Demonstranten dazu auf, das Versammlungsrecht zu achten.Der Hessische Verwaltungsgerichtshof hat das städtische Verbot von Kundgebungen westlich der Lahn am Freitagabend spät bestätigt. Vor der Adenauerbrücke haben sich östlich der Lahn rund 2000 Teilnehmer fast jeden Alters versammelt. Eine Rednerin verweist auf das seit Jahrzehnten multinationale Gießen, in der Stadt habe etwa jeder Dritte ausländische Wurzeln. Genau deshalb habe die AfD-Jugend die Hessenhallen als Tagungsort ausgesucht. „Das ist eine Provokation.“
Das \"Widersetzen\"-Bündnis, das das Gründungstreffen der neuen AfD durch Straßenblockaden verhindern will, meldet, dass mittlerweile elf Blockaden rund um die Gießener Innenstadt Position bezogen hätten. So würde eine Aktionsgruppe den Autobahnkreisel Wettenberg, südlich von Gießen, \"dicht machen\". Auch mehrere Landstraßen seien aktuell blockiert. Laut \"Widersetzen\" soll die Polizei an einer Blockade Pfefferspray gegen die Demonstranten eingesetzt haben.
Direkt gegenüber den Hessenhallen, wo heute eine neue Jugendorganisation der AfD gegründet werden soll, parkt auf dem Gelände einer Boulderhalle der sogenannte Adenauer-Bus der Berliner Aktivistengruppe „Zentrum für politische Schönheit“. Dort läuft der „Badenweiler-Marsch“ von Georg Fürst: Bekannt wurde das 1914 komponierte Stück als Auftrittsmarsch von Adolf Hitler. Auf einer Leinwand laufen Videos, man sieht die Holocaustüberlebende Margot Friedländer, dann den Slogan: „Geschichte wiederholt sich!“. Die Aktion des „Zentrums für politische Schönheit“ ist der einzige Gegenprotest zum Gründungstreffen der AfD-Jugend, der heute in der Weststadt läuft – die Stadt Gießen hat alle Demonstrationen westlich der Lahn verboten. Der Verwaltungsgerichtshof in Kassel hat die Verbote, gegen die geklagt wurde, bestätigt. „Das ist ein Skandal“, sagt Arne, einer der Aktivisten der Gruppe. „Friedlicher Protest wird unterdrückt.“ Seinen Nachnamen will er nicht nennen: „Damit habe ich schlechte Erfahrungen gemacht.“ Dass die Stadt die Proteste in der Weststadt verboten hat, empfindet er als ein Einknicken gegenüber der AfD. Es sei gezielt „Angst vor Gewalt geschürt worden“. Dabei sei das eigentliche Problem aus dem Blick geraten: dass sich „eine rechtsextreme Jugendorganisation“ neu formiere. „Die Stadt hat sich entschieden, der AfD den Weg freizumachen. Das ist enttäuschend.“ Arne hält ein Verbot der gesamten AfD für dringend notwendig. Stattdessen aber werde die in großen Teilen rechtsextreme Partei „weiter normalisiert“. Arne wünscht sich deshalb mehr Protest: „Die Leute müssen runter vom Sofa.“