FAZ 29.11.2025
13:35 Uhr

AfD-Jugend in GIeßen: Dobrindt verurteilt Gewalt in Gießen


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AfD-Jugend in GIeßen: Dobrindt verurteilt Gewalt in Gießen

Gerade hat eine Gruppe aus mehreren hundert Demonstranten versucht, an die Hessenhallen durchzubrechen, wo der AfD-Jugend-Kongress tagt. Vom westlichen Lahnufer sind sie auf ein Firmengelände gerannt. Einige Aktivisten überkletterten einen Zaun in Nähe der Halle. Die Polizei setzte dort einen Wasserwerfer ein und drängte die Demonstranten zurück. Nun sammeln sich die Protestierer wieder am Lahnufer.Ein Polizeisprecher forderte daraufhin zum wiederholten Male die Gegendemonstranten an der Adenauerbrücke auf, die Brücke nicht zu stürmen. Andernfalls werde die Polizei die Wasserwerfer einsetzen und körperliche Gewalt anwenden.

An der wohl größten einzelnen Demo gegen die Gründung einer neuen AfD-Jugendorganisation in Gießen haben laut dem Veranstalter mehr als 20.000 Menschen teilgenommen. Das teilte der Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) mit. Der Bezirksvorsitzende des DGB Hessen-Thüringen, Michael Rudolph, sprach von einem „beeindruckenden, sichtbaren und zutiefst demokratischen Zeichen gegen Menschenfeindlichkeit und Spaltung“. Der DGB hatte seine Kundgebung im mittelhessischen Gießen laut Polizei sogar mit rund 30.000 erwarteten Teilnehmern angemeldet. Die Polizei machte zunächst keine genauen Angaben zu den Teilnehmerzahlen der DGB-Demo. Insgesamt bewege sich die Zahl der Teilnehmer aller Proteste im „unteren fünfstelligen Bereich“, sagte ein Polizeisprecher.Rudolph ergänzte, mit einer demokratischen Wahl in ein Parlament werde die AfD nicht zu einer demokratischen Partei. Sie mache demokratische Werte und Institutionen verächtlich. Der DGB-Bezirksvorsitzende forderte den hessischen Innenminister Roman Poseck (CDU) auf, mit seinen Länderkollegen über den Bundesrat ein mögliches Verbotsverfahren gegen die AfD vorzubereiten und einzuleiten. Der Gründungskongress der neuen AfD-Jugendorganisation in Gießen begann mit mehr als zwei Stunden Verspätung. Wegen Straßenblockaden und Protesten waren viele der rund 1.000 geplanten Teilnehmer zunächst nicht zum Veranstaltungsort durchgekommen. 

An der Lahnstraße ist es zu einer Auseinandersetzung von augenscheinlichen Anhängern der AfD und linken Gegendemonstranten gekommen. Laut Augenzeugenbericht zeigten die AfD-Anhänger den anderen den Mittelfinger. Sie seien demnach eingekesselt worden. Polizisten seien dazwischen gegangen. Die Polizei habe daraufhin dort ihre Präsenz verstärkt.

 Der AfD-Jugend-Kongress hat, mit gut zwei Stunden Verspätung, begonnen. AfD-Bundessprecher Tino Chrupalla begrüßt die Gründungsmitglieder. Er sagt, dass es am Morgen rund um Gießen zu „bürgerkriegsähnlichen Zuständen“ gekommen sei – und kritisiert Gewerkschafter, die sich an den Protesten beteiligt haben. Chrupalla wünscht sich eine gute Zusammenarbeit zwischen AfD-Vorstand und Jugendorganisation. „Wir müssen zusammen bissig sein“, sagt er. Eine Jugendorganisation dürfe natürlich „wilder“ und „forscher“ sein, gemeinsam aber müsse man für eine Regierungsbeteiligung der AfD kämpfen. „Regieren statt tolerieren, das muss unser Ziel sein.“ AfD-Chefin Alice Weidel berichtet kurz darauf auf der Bühne, dass es am Morgen zu Gewalt gegen AfD-Mitglieder gekommen sei. So sei etwa der AfD-Bundestagsabgeordnete Julian Schmidt von Antifa-Aktivisten geschlagen und verletzt worden. 

Auch das geschieht während der Proteste: Vor der Adenauerbrücke, wo es am Morgen teils konfrontativ zuging und Demonstranten gegen die Straßensperre vorgingen, tauschten Teilnehmer der Proteste gegen Mittag Bonbons mit Polizisten.

Bei den massiven Protesten gegen die Gründung der neuen AfD-Jugendorganisation in Gießen haben bislang rund zehn Leichtverletzte das Uniklinikum in der mittelhessischen Stadt aufgesucht. Sie seien eigenständig zu Fuß gekommen, „unfallchirurgisch versorgt worden“ und wieder gegangen, teilte ein Kliniksprecher der Deutschen Presse-Agentur mit. Es seien etwa Verletzungen an Händen und Beinen gewesen. Weitere Details könne er nicht nennen. Die Polizei sprach mittags zudem von bisher „mehreren leicht verletzten“ Einsatzkräften in ihren Reihen. Der Kliniksprecher sagte: „Es sind auch zwei Schulen zur Erstversorgung eingerichtet worden.“ Laut dem hierfür zuständigen Landkreis Gießen kamen hier bis zum Mittag noch keine Verletzten. Im Uniklinikum läuft laut dem Sprecher der normale Betrieb auch mit Notfallbehandlungen etwa bei Herzinfarkten und Schlaganfällen weiter, Rettungswege würden von der Polizei freigehalten. Derweil haben einzelne aus einer Gruppe von 1500 Personen Leuchtstoffmunition gegen Polizeikräfte an einer Absperrung an der Schlachthofstraße abgefeuert. (ddo/dpa)

Das Museum für Gießen am leeren Brandplatz, auf dem sonst der Wochenmarkt abgehalten wird, hat geöffnet. Dort können sich Teilnehmer der Proteste aufwärmen und Protestplakate basteln. Das Team des Museums hält Material dafür für ein „Schutzschild für Demokratie“. Das MfG will mit dieser Aktion seine Haltung verdeutlichen, für eine vielfältige Gesellschaft einzutreten und gegen Ausgrenzung.

Das Bündnis „Widersetzen“ begründet seine Blockaden von Zufahrtswegen zur Gründungsversammlung der neuen AfD-Jugendorganisation in Gießen mit einer „realen Bedrohung für uns alle“. Bündnissprecher Suraj Mailitafi betonte: „Wir lassen nicht zu, dass sich in den Hessenhallen die nächste Generation gewaltbereiter Faschisten organisiert. In diesen Minuten stellen sich ihnen Zehntausende Menschen aus Gießen und ganz Deutschland in den Weg.“ Die neue AfD-Jugendorganisation dürfe nicht gegründet werden, hieß es.Laut dem Bündnis reisten Demonstranten in mehr als 200 Bussen aus ganz Deutschland an: Gewerkschafter, Studierende, Auszubildende, „migrantische Gruppen“ sowie lokale Gruppierungen bis hin zu „Omas gegen rechts“.

Die Gründung der AfD-Jugend in der Halle verzögert sich wegen der Demonstrationen, dürfte aber im Lauf des Tages vonstatten gehen. In unserem Liveblog zur Bundespolitik berichten wir ab sofort über das, was in der Halle passiert:

In der Innenstadt von Gießen ist von den Protesten gegen die geplante Gründungsversammlung der AfD-Jugend so gut wie nichts zu merken. Nur wenige Demonstranten wie etwa von der Katholischen Hochschulgemeinde mit Regenbogenfahne. Jedes zweite Geschäft hat geschlossen. Der Weihnachtsmarkt läuft wie gewohnt.

Das „Widersetzen“-Bündnis meldet, dass „die allermeisten Blockaden“ noch stehen und die Messehallen deshalb leer bleiben würden. Eine größere Straßenblockade (der „goldene Finger“) sei jedoch durch die Polizei geräumt worden. Mehrere Aktivisten würden sich nun in die Innenstadt bewegen, um die Proteste dort zu unterstützen.

Die Gießener Weststadt, wo die AfD heute ihre neue Jugendorganisation gründet, wirkt menschenleer. Zu sehen sind dort vor allem Polizeifahrzeuge. Und auch in der Halle, in der das AfD-Jugend-Treffen stattfindet, sind bislang nur wenige Besucher angekommen. Eigentlich hätte die Versammlung bereits um 10 Uhr beginnen sollen. Nur ein kleiner Teil der Stühle vor der Bühne ist derzeit überhaupt erst belegt — die Blockaden des Aktionsbündnisses „Widersetzen“ scheinen dafür zu sorgen, dass die Anreisen sich verzögern.  Im Foyer der Halle haben Verlage und Medien wie der der AfD nahestehende „Deutschland-Kurier“ Stände aufgebaut. Angeboten werden etwa auch „Björn Höcke“-Shirts. An einem der Stände steht der rechtsextreme Verleger Götz Kubitschek und verkauft Bücher seines Antaios-Verlags. Ein junger Mann im Anzug geht auf ihn zu und sagt: „Sie haben mich unheimlich inspiriert, es ist sehr gut, dass Sie hier vertreten sind.“

Der Gründungskongress der neuen AfD-Jugendorganisation in Gießen verzögert sich infolge der laufenden Proteste und Blockaden. Zur eigentlich als Beginn vorgesehenen Zeit der Veranstaltung um 10 Uhr war der für rund 1.000 Gäste vorgesehene Saal in der Messe nur zu gut einem Viertel gefüllt.Teilnehmer, die mit dem Auto anreisen wollten, kamen rund um Gießen oder bereits in weiterer Entfernung nicht weiter, so auch der designierte Vorsitzende der neuen Jugendorganisation Jean-Pascal Hohm, wie er dpa bestätigte. Auch die AfD-Chefs Tino Chrupalla und Alice Weidel, die bei der Veranstaltung Reden halten wollen und mit Begleitschutz anreisen, steckten nach AfD-Angaben zumindest zeitweise fest. Wann die Veranstaltung beginnen kann, ist derzeit nicht abzusehen. (dpa)