FAZ 03.03.2026
15:54 Uhr

AfD-Bürgerdialog: „Das machen die anderen doch genauso“


In Staßfurt trieb die Vetternwirtschaft in der AfD besonders bunte Blüten. Wie reagieren die Besucher eines Bürgerdialogs der Partei darauf?

AfD-Bürgerdialog: „Das machen die anderen doch genauso“

Man könnte das kleine Städtchen Staßfurt als das Epizentrum der AfD-Vetternwirtschaft bezeichnen. Denn von hier kommt der sachsen-anhaltische Landtagsabgeordnete Tobias Rausch, dessen Familie sich rund um die AfD ein einträgliches, auf rund 500.000 Euro im Jahr geschätztes Geschäftsmodell aufgebaut hat: Die Ehefrau arbeitet in der Landtagsfraktion, der Vater ist ebenfalls Landtagsabgeordneter, drei Geschwister und ein Schwager arbeiten für sachsen-anhaltische AfD-Bundestagsabgeordnete, und die Immobilienfirma der Familie Rausch verwaltet mehrere Abgeordneten- und Parteibüros. Tobias Rausch hat sogar mehrere Spieler des örtlichen Fußballvereins SV 09 Staßfurt mit Posten versorgt. Der AfD-Politiker ist selbst Präsident des Landesligisten. Am Montagabend hat die AfD zum Bürgerdialog mit Tobias Rausch und ihrem Spitzenkandidaten für die Landtagswahl im September, Ulrich Siegmund, geladen. „Schön, dass du da bist“, flötet eine Dame Siegmund entgegen, als dieser das Gebäude betritt. Schnell bildet sich eine Schlange von Besuchern, die ein Selfie mit dem 35 Jahre alten Politiker haben möchten, der auf Tiktok mehr als 600.000 Follower hat. Drinnen im Saal werden derweil zusätzliche Stühle aufgestellt. Wegen des erwarteten Andrangs, am Ende werden es mehr als 400 Besucher sein, hatte die Partei die Versammlung vor wenigen Tagen ins „Bernstein Tagungszentrum“ verlegt. Das sei der größte Saal im gesamten Salzlandkreis, ordnet der örtliche Reporter der „Volksstimme“ das Geschehen ein. Der Andrang sei auch drei- bis viermal größer als beim Besuch des Ministerpräsidenten Sven Schulze in der vergangenen Woche. „Ich meine, wir sind alles Menschen“ Bei der anstehenden Landtagswahl am 6. September möchte Ulrich Siegmund den CDU-Politiker ablösen und Deutschlands erster Ministerpräsident der AfD werden. Den großen Zulauf in Staßfurt wertet Siegmund als „Rückenwind“ auf dem Weg in die Staatskanzlei. „Hammer!“, ruft er, als er das Mikrofon ergreift. „Ich meine, wir sind alles Menschen, das sage ich immer wieder, wir sind ja nicht irgendwelche Berufspolitiker, die irgendwann mal vom Himmel gefallen sind wie bei den Altparteien. Klassiker: Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal. Wir sind ganz normale Menschen, die aus dem Volk heraus die Nase voll hatten und mit anpacken wollten und unser Land, ich muss es immer wieder sagen: vom Kopf auf die Füße stellen wollen.“ Zum Repertoire von Siegmunds Auftritten gehört auch die Frage ins Publikum, wer denn gekommen sei, weil der Termin in der „Volksstimme“, im MDR oder in der „Tagesschau“ empfohlen worden sei. Niemand meldet sich. „Und wer ist heute hier, weil er einen gesunden Menschenverstand hat?“ – Applaus und Jubel im Publikum. Nach seinem Einzug in den Landtag vor zehn Jahren habe er sich noch geärgert über die Berichterstattung, erzählt Siegmund. „Mensch, da schreiben die wieder einen Blödsinn, Mensch, da lassen sie wieder die Hälfte weg, Mensch, da reißen sie wieder alles aus dem Zusammenhang.“ Doch inzwischen „interessiert mich das alles überhaupt nicht mehr“, denn „die Märchenzeit“ sei vorbei. „Wir sind standhaft, komme, was wolle!“ Damit ist der Ton für einen Abend gesetzt, an dem die Affäre um die Vetternwirtschaft nicht ein einziges Mal erwähnt wird. Auch aus dem Publikum wird es nicht eine Frage dazu geben. Siegmund spricht lediglich abstrakt von der „Sau“, die gerade „durchs Dorf getrieben wird“. Siegmund will „Grundlage der Desinformation“ beseitigen Stattdessen geht es um die Pläne der AfD für die Zeit nach der Landtagswahl. Die Kündigung des Rundfunkstaatsvertrags werde seine „erste Amtshandlung“ sein, verspricht Siegmund. Die Zwangsabgabe für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk müsse weg, auch wenn das „juristisch schwierig“ werde. Es gehe dabei nicht nur ums Geld, sondern auch darum, die „Grundlage der Desinformation“ im Land zu beseitigen. Zweiter Punkt ist eine „große Abschiebeoffensive“, die man nicht nur „nachts auf dem Weg nach Hause“ bemerken werde, sondern die dem Land Sachsen-Anhalt auch „mehrere Hundert Millionen relativ kurzfristig“ bringe, die man dann an anderer Stelle investieren könne. Zum Beispiel für die ärztliche Versorgung oder bessere Pflege, erklärt Siegmund, der sich im Landtag seit Jahren mit Gesundheitspolitik beschäftigt. Siegmund fordert eine „leistungsgerechte Bezahlung“ auf diesem Feld und einen Abschied von den Fallpauschalen. „Das darf Geld kosten, das darf defizitär sein.“ Im Publikum steht ein Psychologe auf und fragt, woher Siegmund das Geld für solche und andere Versprechen im Wahlprogramm der AfD nehmen will. „Sie haben völlig recht“, antwortet Siegmund und baut vorsorglich einmal für den Fall eines Wahlsiegs im September vor. „Es wird wahnsinnig schwierig werden.“ Man wisse auch nicht, was dann aus Berlin zu erwarten sei oder ob Bayern am Länderfinanzausgleich schrauben werde. „Ich weiß nicht, wie kreativ sie werden“, sagt der AfD-Politiker. „Die sind zu allem fähig.“ Die Besucher sind voller Frust Solche kritischen Fragen zum Wahlprogramm der AfD sind allerdings eher die Ausnahme an diesem Abend. Ein Mann im Publikum regt sich über die „ekelhafte Berichterstattung“ über „unsere Volkspartei AfD“ in der Regionalzeitung auf, von der er mit „Lügengeschichten“ jeden Morgen „vollgesülzt“ werde. Viele Besucher sind dennoch bereit, am Rande der Veranstaltung mit Journalisten zu sprechen. „Die Leute haben die Schnauze voll“, erklärt ein älterer Herr in Tarnjacke und verweist auf „30 Jahre Ost-Löhne“. Wenn er sich auf Facebook so die Nachrichten anschaue, habe er aber auch das Gefühl, dass der Frust im Volk „viel mit den Ausländern“ zu tun habe. Der Mann trägt einen Sonnenhut mit der Aufschrift „Ostdeutschland“. Das sei als „Bekenntnis und Protest“ gemeint, sagt er. Ein anderer Mann beklagt, dass es auch nach 35 Jahren immer noch keine echte Einheit in Deutschland gebe. Wenn er als Montagearbeiter unterwegs gewesen sei, habe er 2000 Mark weniger bekommen als die westdeutschen Kollegen vor Ort. „Für die gleiche Arbeit, genau die gleiche Arbeit.“ An einem Bistrotisch steht derweil der Inhaber eines Schlüsseldienstes, der wie andere Kleinunternehmer in der Halle kürzlich Briefe mit Rückforderungen von Corona-Hilfen bekommen hat. Während andere Millionen mit Maskendeals verdient hätten, müsse er nun darüber nachdenken, seinen Laden zuzusperren. Er habe auch den örtlichen CDU-Abgeordneten auf seine Probleme angesprochen. Dieser setze sich nun für ihn ein, auch Ministerpräsident Schulze sei „ein lieber, netter Mann“. Insgesamt erinnerten ihn die Zustände – Stichwort Verfassungsschutz – jedoch immer stärker an die DDR. „Da sagen die Leute: Ja, Moment, das hatten wir doch schon mal.“ Und zur Vetternwirtschaft in der AfD sagt der Mann, was viele hier denken: „Das machen die anderen doch genauso.“ Er geht sogar noch einen Schritt weiter: „Wenn ich auf so einem Posten wäre, würde ich das genauso machen.“ Auch der Landtagsabgeordnete Tobias Rausch ist bereit zu einem kurzen Gespräch. Der AfD-Politiker bestätigt auf Nachfrage, dass zwei seiner Geschwister sowie sein Schwager inzwischen nicht mehr für die AfD im Bundestag tätig sind.