Schön, dass es jetzt endlich wieder einmal um Schönheit geht. Man hat sie ein bisschen vermisst in dieser Zeit, in der ja das Hässliche so dominiert. Der Übergang zum Winter macht uns bekanntlich alle stets noch ein klein bisschen sorgenvoller. Zum Ausgang des Jahres müssen die Deutschen sich nicht nur um ihre vereisten Autoscheiben, sondern auch noch um ihre Rentenerhöhung sorgen. Es geht um alles. Oder um nichts. Denn am Freitag könnte entweder die Koalition „Platzangst“ bekommen oder sich die ganze Aufregung der vergangenen Wochen in Luft auflösen – dann nämlich, wenn das Rentenpaket knapp beschlossen wird und die standhaften Nein-Sager sich wieder hingesetzt haben. Standhaftigkeit, das ist eine schöne moralische Kategorie. Ein Flor von Heldenhaftigkeit umgibt sie. Viele, die dem Chef der Jungen Union eben noch gedankliche Blässe zugeschrieben haben, loben jetzt seine braun gebrannte Gewissenhaftigkeit. Schön, dass ein junger Mann in der öffentlichen Gunst so schnell aufsteigen kann, und das mit einer unpopulären, große Teile der Bevölkerung sorgenvoll stimmenden Programmatik. Rollendes Hitler-R Ein anderer junger Mann, der derzeit von sich reden macht, ist das Herforder AfD-Mitglied Alexander Eichwald. Mit rollendem Hitler-R hatte der sich auf dem Gießener Jugendkongress um einen Vorstandsposten beworben und damit alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Inzwischen scheint klar, dass es sich um eine inszenierte Aktion gehandelt hat – vermutet wurde, dass das Zentrum für Politische Schönheit dahinterstecken könnte, was deren Gründer Philipp Ruch aber dezidiert dementiert. Stattdessen haben er und seine Getreuen in den vergangenen Wochen an einer anderen AfD-Aktion gearbeitet, die nun ebenfalls um Aufmerksamkeit buhlt. Schulterschluss zwischen Konservativen und Faschisten Vor der Berliner CDU-Parteizentrale haben die Provokations-Profis ein Denkmal für den 2019 von einem Rechtsextremisten ermordeten CDU-Politiker Walter Lübcke errichtet, um damit „gegen die Normalisierung der AfD“ zu protestieren und ein Zeichen für die angeblich brüchiger werdende Brandmauer zu setzen. In gewohnt moralmarkiger Manier wird vor einem „Schulterschluss zwischen Konservativen und Faschisten“ gewarnt und Lübcke als Bannerträger des antifaschistischen Widerstands instrumentalisiert. Offiziell genehmigt ist die Aktion vom Straßen- und Grünflächenamt des Bezirks Mitte, auch die Bezirksbürgermeisterin wird bei der Eröffnung des Kunstwerks ein Grußwort sprechen. So institutionell abgesichert war politische Widerstandskunst vermutlich schon lange nicht mehr. Ob hingegen – um in den Kategorien der schönen Moral zu bleiben – auch die Familie des Opfers in die Planungen mit einbezogen wurde, geht aus der Pressemitteilung nicht hervor. Stattdessen ein Satz, der aufhorchen lässt: „Demokratien werden nicht gestürzt – sie werden verraten!“ Von „Volksverrätern“ hörte man bislang eher die Gegenseite sprechen, aber das Vokabular der Demokratiefeinde färbt offenbar auf ihre Freunde ab. Oder anders gesagt: Auch die Schönheit wird hierzulande hässlicher.
