Zunächst die gute Nachricht aus Kieler Sicht: An diesem Dienstag (19.00 Uhr bei Dyn) werden die besten deutschen Handball-Schiedsrichter nicht das Spiel des THW leiten. Da Robert Schulze und Tobias Tönnies aus Magdeburg kommen, sind sie für das Giganten-Treffen des SCM gegen den Rekordmeister aus dem Rennen. Beim THW hat niemand etwas dagegen. Denn nach drei Partien mit drei Niederlagen gegen die Füchse Berlin – im Supercup, der Bundesliga und jüngst dem DHB-Pokal – haben die Kieler „genug“ vom renommierten deutschen Duo, fühlten sie sich doch wenigstens zweimal ungerecht behandelt. „Ich bin heute gerne ein schlechter Verlierer. Wir sind zerstört. Es tut unglaublich weh. Es ist für mich, für meine Mannschaft, für meine Jungs unglaublich schwer gewesen, zum dritten Mal mit diesen Schiedsrichtern zu agieren“, hatte Filip Jicha, der 43 Jahre alte THW-Trainer, nach dem 30:32 im Viertelfinale beim deutschen Meister neulich gesagt. Das klang, als würde der THW Schulze/Tönnies zum nächsten Spiel gegen die Füchse nur ungern in die Ostseehalle lassen. Nachdem die Unparteiischen Marvin Cesnik und Jonas Konrad am Samstagabend nach Ablauf der Spielzeit fälschlicherweise einen Siebenmeter gegen Kiel gegeben hatten, den Hannover zum 29:29-Endstand verwertete, wurde es dem Kieler Geschäftsführer Viktor Szilagyi zu bunt. Es gehe nicht um eine „Lex Kiel“ Im Gespräch mit der F.A.Z. sagt er: „Ich will den THW nicht als Opfer darstellen. Aber wir alle brauchen mehr Transparenz bei den Schiedsrichterentscheidungen. Das würde auch ihnen helfen, denn sie sind nicht zu beneiden. Sie treffen pro Spiel 25 bis 30 sogenannte 50:50-Entscheidungen. Ich habe großen Respekt vor dem, was sie leisten müssen. Wir müssen gemeinsam mehr Klarheit schaffen, um die Integrität unserer Sportart zu bewahren.“ Denn zu häufig passiere es, dass zwei ähnliche Szenen anders bewertet werden. Szilagyi sagt: „Grundsätzlich sollte man sich darüber Gedanken machen, dass Woche für Woche, Spiel für Spiel der Videobeweis unterschiedlich aufgefasst wird.“ Beim Kieler Auftritt am Samstag checkten die Referees die letzte Szene (Foul von Johansson an Weber?). Neulich, beim knappen Sieg Magdeburgs in Gummersbach, nicht, was VfL-Geschäftsführer Christoph Schindler aufbrachte. „Kölner Keller“ im Handball? Auch in Magdeburg, Hamburg und Lemgo hatte es zuletzt heftig kritisierte Bewertungen der jeweiligen Schiedsrichter-Duos gegeben. Es geht somit nicht um eine „Lex Kiel“. Sondern darum, Pfiffe nachvollziehbar zu machen – und sie zu erklären. Szilagyi sagt: „Wir Vereine werden zum Spielball unterschiedlicher Entscheidungen. Deshalb sollte schleunigst etwas getan werden, sollten Schulungen der Schiedsrichter stattfinden, sollte einfach etwas passieren, um den Grundgedanken des Videobeweises zurückzuholen.“ Ganz konkret wünscht sich Szilagyi, dass die Referees wie im Fußball mit Mikrofonen ausgestattet werden, um nach Studium der Videobilder zu erläutern, welches Urteil sie nun fällen: Siebenmeter oder Abwurf? Zwei Minuten oder Rote Karte? Das könnte die Akzeptanz auf den Rängen und Bänken erhöhen. Auch einen „Kölner Keller“ kann sich Szilagyi vorstellen. Eine Instanz also, die ohne „einen Puls von 180“, außerhalb der tobenden Arena sitzt und den Schiedsrichtern hilft: „Das wäre eine interessante Testphase“, meint Szilagyi. Von einem dritten Schiedsrichter auf dem Feld hält er nichts. Kritik an der Kommunikation des DHB Womöglich könnte der „Mann im Keller“ auch dank besserer Bilder als in der Halle helfen. Denn die sind auf den Bildschirmen der Arenen manchmal körnig und schlechter als die Aufnahmen, die Fernsehzuschauer sehen – was zu einem anderen Urteil führen kann. Da müssten die HBL und die Vereine noch mehr in Vorleistung gehen, um für bessere Technologie in den Hallen zu sorgen: „Die Technik muss auf dem Maximum sein“, fordert Szilagyi, der bei der Einführung ein Befürworter des Videobeweises war, jetzt aber eine regelgerechtere Handhabung fordert. Schwierig sei auch die Kommunikation nach dem Spiel. Auch Tage danach komme wenig. Im Bemühen um Erklärungen für die Pfiffe stoßen die Vereine auf taube Ohren. Im Handball ist der Deutsche Handballbund (DHB) für das Schiedsrichterwesen zuständig. Gäbe es von dieser Seite mehr Gesprächsangebote, stünden die Schiedsrichter, die ja alle einen Hauptberuf haben, weniger häufig in der Kritik. Jutta Ehrmann, die Leiterin des DHB-Schiedsrichterwesens, stand am Montag für einen Kommentar nicht zur Verfügung. Auch Robert Schulze schwieg. Viktor Szilagyi räumt ein, dass Vereine und ihre Profis jeden noch so kleinen Vorteil suchten, es den Unparteiischen gewiss nicht leicht machten in diesem harten, schnellen Spiel. Er will ein Miteinander, um den Handball zu entwickeln. „Wir brauchen mehr Klarheit für alle.“ Denn nicht jeder nimmt das Thema so entspannt wie Nationaltorwart Joel Birlehm. Er sagte nach dem späten Punktgewinn seiner Hannoveraner in Kiel: „Das sind zwei sehr gute und gelernte Schiedsrichter, die sich das mit Video angeguckt haben. Ich glaube, wir sind alle gut beraten, wenn wir ihnen einfach vertrauen und sie nicht immer kritisieren.“ Aus Spielersicht ist es offenbar ratsam, Schiedsrichter-Entscheidungen als „höhere Gewalt“ hinzunehmen.
