FAZ 19.01.2026
17:54 Uhr

Ängstliche Deutsche: Mit Hurra in die Entmündigung


Der schutzbesessene Betreuungsstaat zweifelt an der Fähigkeit der Bürger, persönliche Risiken abzuwägen. Die nehmen es gern hin: Eigenverantwortung wird abtrainiert.

Ängstliche Deutsche: Mit Hurra in die Entmündigung

Als das Jahr, wie es sich für einen prächtigen Januar gehört, mit Minusgraden und Schneefall begann, wollte kein Winterjubel aufkommen. Wie auch! Allenthalben erschreckten Alarmmeldungen, selbst in den S-Bahnen: Gewarnt wurde vor gefährlicher Glätte, vor eingeschränkten Sichtweiten, vor sagenhaften fünf bis zehn Zentimetern Neuschnee. In mehreren Bundesländern schlossen die Schulen. Ein ganz normaler Wetterumschlag erschien als „Gefahr für Leib und Leben“. Was ist da los? Das mag sich – bleiben wir bei diesem Winter – auch fragen, wer nach Italien blickt, wo seit Jahresbeginn die Carabinieri in den Alpen patrouillieren, um die letzten Skifahrer abzufangen, die noch mit Wollmütze statt mit Helm fahren. Was kommt als Nächstes? Ein Tempolimit auf den Pisten? Der staatliche Berechtigungsausweis für das sichere Betreten der Natur? Die Welt ist im Umbruch, reale sicherheitspolitische Bedrohungen zwingen zu neuer Resilienz, aber in Europa verstärkt sich der Trend, den gewöhnlichen Alltag als Gefahrenquelle zu betrachten und die Bürger gleichsam in Watte zu packen. Die meisten zucken mit den Achseln. Doch das Abtrainieren von Eigenverantwortung und Risikobereitschaft ist nicht ohne Folgen für unser Gemeinwesen und für die bedrängten Demokratien Europas. „Mut in der Unsicherheit“ Ältere wissen zu berichten, dass Schneefall einmal ein Vergnügen war. Die Schüler maßen sich auf dem Schulweg mit der schärfsten Fahrradvollbremsung, auf den improvisierten Rodelwegen ging es halsbrecherisch zu. Ja, es gab auch Verletzungen, denn so einige kamen beim Wettrennen vom steilen Waldweg ab und kippten ins Bachbett. Aber wer einmal im Krankenhaus genäht wurde, war bei der nächsten Abfahrt vorsichtiger. Er schätzte die Gefahren besser ein. Das Abwägen von Risiken ist eine elementare menschliche Fertigkeit, ohne die es kein Fortkommen gibt. Man braucht sie, um in unkontrollierbaren Augenblicken intuitiv zwischen Richtig und Falsch zu unterscheiden. Man braucht sie, um etwas zu erreichen, denn ohne Risikobereitschaft kann nichts Großes entstehen. Unser Wirtschaftssystem basiert auf der Idee, etwas zu wagen, um einen Mehrwert zu schaffen. Im Kriegsfall wären wir – auch als verteidigende Nation – auf Offiziere angewiesen, die „Mut in der Unsicherheit“ (Clausewitz) zeigen. Wer das Risiko scheut, weil er es als etwas Bedrohliches wahrnimmt, stagniert. Er verkümmert. Vier von zehn deutschen Studenten streben mittlerweile eine Anstellung im öffentlichen Dienst an, auch weil dort niemand von ihnen verlangt, Risiken einzugehen. Ein wachsender Teil des akademischen Nachwuchses will nicht mehr Träume verwirklichen, sich ausprobieren, das Land mit Ideen oder Erfindungen voranbringen, sondern drängt in die Komfortzone der Verwaltung. Und verwalten heißt allzu oft: der schrumpfenden Zahl derer, die sich noch in der freien Wirtschaft abmühen, das Leben mit weiteren Regeln zu erschweren. Risikoaversion – vulgo: Verweichlichung – hat viele Ursachen. Einige liegen in kollektiven geschichtlichen Erfahrungen begründet, andere im (immer noch) anhaltenden Wohlstand. Aber sie ist auch eine Konsequenz staatlicher Bevormundung, einer Politik also, die sich einen übertriebenen Schutzauftrag anmaßt. Wann sie einsetzte, lässt sich schwer datieren. Die Freiheitspuristin Ayn Rand, eine Ikone der libertären Bewegung, erkannte den Sündenfall schon in den ersten Steuererhebungen, spätestens in staatlichen Eingriffen wie der Sozialfürsorge oder der Pflichtversicherung. Aber der Auftrag des Staates, die Daseinsvorsorge zu garantieren und zumindest existenzielle Härten der Marktwirtschaft zu mildern, hat sich vernünftigerweise durchgesetzt – hier geht es nur um die Frage: Wie viel wäre zu viel? Umstrittener waren dagegen hoheitliche Maßnahmen, die auf das körperliche Wohl des Bürgers zielten; eines Gutes, das eigentlich niemand etwas angehen sollte, außer den Betroffenen selbst. Schon vor einem knappen halben Jahrhundert stöhnte die Frankfurter Allgemeine, dass der fortschreitende „Reglementierungswahn“ (der sozialliberalen Regierung) den freien Bürger zu einem verwalteten Menschen und „Untertan“ mache. Anstoß waren die Einführung eines Bußgeldes für Gurtmuffel und eine staatliche Untersuchung über das zulässige Gewicht von Schulranzen. „Sind Eltern zu dumm zu sehen, wann eine Tasche für ein Kind zu schwer ist?“, echauffierte sich der Kommentator. Und schon damals, 1978, wurde der Bogen ins Politische gespannt: „Der Staat attestiert den Bürgern, sie seien unfähig, ihre ureigensten Interessen vernünftig wahrzunehmen, aber zu bestimmen, wer als Bundeskanzler regieren soll, dafür hält man sie für fähig.“ Das Leben als Bedrohung Seither wurde der Weg in den Betreuungsstaat beherzt beschritten: Mofafahrer, die sich nicht viel schneller fortbewegten als Fahrradfahrer, mussten Helm tragen, Angestellte Pflichtkurse zum Arbeitsschutz absolvieren, Geldanleger Risikoprofile ausfüllen. Konsumenten wurden belehrt, was sie essen sollten, Raucher streng erzogen, selbst an Orten, wo sie niemanden störten. All das produziert noch keine Untertanen – die rebellischen Schweizer haben zum Teil schärfere Schutzstandards als die Deutschen –, aber die Botschaft war doch unverkennbar: Das Leben ist ein Raum der mannigfachen Bedrohung, welcher der Bürger aus eigener Kraft nicht Herr werden kann. So passte er sich langsam an. Noch vor wenigen Jahrzehnten schickten Eltern ihre Kinder allein auf den Weg in die Grundschule; man vertraute auf die Schülerlotsen und darauf, dass schon nichts passieren würde. Heute sieht man kaum noch Kinder allein zur Schule gehen. Für die Stunden, in denen sie nicht in elterlicher Obhut sind, sichern Telefonuhren die Erreichbarkeit. Wo sollen diese Kinder lernen, was sich ihre Vorfahren aneignen konnten: in schwierigen Lagen allein zurechtkommen, herausfinden, wen man um Hilfe bittet und wen besser nicht. Auch mal Angst aushalten. Das Bemühen, den Nachwuchs vor jeder auch noch so kleinen Verletzung zu verschonen, setzt sich in späteren Jahren fort. Bei den Bundesjugendspielen wird das sportliche Wettbewerbsprinzip nur noch verschämt zelebriert; es zählt das Gemeinschaftserlebnis, das keine Verlierer mehr hervorbringt, weil nun jeder eine Urkunde erhält. In der Oberstufe und später in den Seminaren wird die Jugend nach Kräften vor Argumenten geschützt, die ihre Gefühle angreifen könnten. Selbst Passagen aus der Weltliteratur, die Gewalt in Szene setzen, werden von Lehrkräften mit „trigger warnings“ versehen – wer „Traumatisierung“ befürchtet, darf sich in Sicherheit bringen. Niemand weint der Zeit nach, als die Jugend noch mit körperlicher Züchtigung eingenordet wurde und hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder und flink wie die Windhunde werden sollte. Aber lässt sich ein Staat machen mit einer Jugend, die weich wie Schneeflocken, zart wie Kaschmir und scheu wie ein Häschen ist? „Wer sich stets viel geschont hat, der kränkelt zuletzt an seiner vielen Schonung“, warnte Friedrich Nietzsche einmal. Seinem daraus abgeleiteten Gebot „Gelobt sei, was hart macht“ wird heute der Gegenruf erwidert: Gelobt wird, was weich macht. Und wer weich ist, muss noch mehr geschützt werden. Eine Wechselwirkung ist entstanden. Der Betreuungsstaat hat den Bürgern den Schneid abgekauft, und weil sie immer ängstlicher werden, wächst der Anspruch an die Politik, auch noch die letzten Gefahren auszuschalten. In den Parlamenten sitzen eifrige Abgeordnete, die Gurtmuffel mit Warntönen auf Linie bringen, Kindersitze neu normieren, Angestellten Ruhepausen vorschreiben, neue Steuern auf Zucker oder Alkohol debattieren. Viele Unternehmen kommerzialisieren die Mode und geben sich als Gralshüter der Achtsamkeit. Inzwischen wird auf dem Joghurtbecher davor gewarnt, einen Metalllöffel zu benutzen, weil er das Glas zerkratzen könnte. Das Publikum in der breiten Mitte applaudiert zu alldem mehrheitlich. Es ist ja nur zu seinem Besten. Das liberale Prinzip, den Bürger selbst entscheiden zu lassen, wie er Freuden und Belastungen, Bedürfnisse und Gefahren austariert, hat keine Konjunktur mehr. Bereitwillig lässt er sich die Risikoeinschätzung abnehmen. Nötigung wird oft als Befreiung erlebt. Es ist vermutlich kein Zufall, dass Europa inmitten seines wirtschaftlichen und politischen Abstiegs den Triumph des sogenannten positiven Freiheitsbegriffs erlebt. Freiheit wird nicht mehr als Freiheit von Zwang betrachtet, sondern als Freiheit zu etwas Höherem: zu einem angeblich besseren, weil vernünftigeren oder verantwortungsvolleren Leben. Der Empirist John Stuart Mill, der die Freiheit des Einzelnen nur dort begrenzen wollte, wo ein anderer zu Schaden kommt, gilt heute als Ultraliberaler. In Europa siegte der Aufklärungskritiker Jean-Jacques Rousseau mit seinem sanft ins Autoritäre kippenden Freiheitsideal: „Wer sich weigert, dem allgemeinen Willen zu gehorchen, wird gezwungen werden, frei zu sein.“ Nach dem Schutz der Gesundheit jetzt der Schutz der Demokratie Wer aber dem Bürger nicht mehr zutraut, die persönliche Entscheidung zwischen Helm und Mütze, Rohkost und Fast Food zu treffen, der will ihn irgendwann auch in der übergeordneten Sphäre des Politischen betreuen. Es genügt den Politikern der sogenannten demokratischen Mitte nicht, neue Parteien auf dem Markt inhaltlich herauszufordern und die Unterschiede herauszustellen. Wählern der AfD wird unterstellt, sich über den Schaden ihrer Entscheidung gar nicht bewusst zu sein. Weil das noch immer nicht ausreicht, wird ein Parteiverbot erwogen. Das wäre die ultimative Ausschaltung eines Risikos, das selbst zu erkennen den Wählern nicht mehr zugetraut wird. Der „Schutz unserer Demokratie“ ist die logische Weiterentwicklung einer paternalistischen Ideologie, die sich am Individuum weitgehend ausgetobt hat. Denn wer in den Dingen der Lebensführung vollbetreut ist und sich an Dauerführung gewöhnt hat, muss irgendwann auch bei der Meinungsbildung an die Hand genommen werden. Wie anders lässt sich der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther verstehen, als er in einer Talkshow dazu aufrief, sich zusammenzuschließen, um sich gegen „Exzesse“ rechtsgerichteter Nachrichtenportale zu „wehren“? Er hätte sagen können: Lesen Sie diese Portale, und urteilen Sie selbst über den Grad an Agitation und Eiferertum. Stattdessen warnte er, man habe es mit „Feinden der Demokratie“ zu tun. Bürger, die sich mit denen einlassen, so konnte man weiterdenken, verlassen aus Sicht des Staates den Boden unserer Grundordnung, was immer daraus folgen mag. Tritt der Betreuungsstaat nun in seine demokratiegefährdende Phase ein? Da sind wir noch nicht. Aber wenn selbst der Papst, Vorsteher der ältesten autoritären Einrichtung der Welt, die Meinungsfreiheit in den modernen Demokratien bedroht sieht, darf man schon aufhorchen. Es sei „bedauerlich festzustellen, dass insbesondere im Westen der Raum für echte Meinungsfreiheit immer mehr eingeschränkt wird, während sich eine neue Sprache mit orwellschem Beigeschmack entwickelt, die in ihrem Bestreben, immer inklusiver zu sein, darin mündet, diejenigen auszuschließen, die sich nicht den Ideologien anpassen, von denen sie beseelt ist“, sagte Leo XIV. in seiner Neujahrsansprache. Freiheitseinschränkungen kommen nicht mit hässlicher Fratze daher, sondern mit väterlichem Gesicht. In der Regel geht es darum, das „Gute“ zu befördern: Gesundheit, Sicherheit, Schutz vor Hass und Hetze oder Inklusion. Der moderne Betreuungsstaat kujoniert nicht aus sinis­tren Motiven, sondern im edlen Bewusstsein, den Bürger im Rousseau’schen Sinne zur wahren, dem Gemeinwohl verpflichteten Freiheit zu führen. Der rundum betreute Bürger glaubt, es sei zu seinem Vorteil, und geht den Weg in die Entmündigung mit einem Gefühl der Katharsis.