Bei der Weltmeisterschaft galten neue Regeln. Einige übernimmt der deutsche Fußball – aber nicht alle. Vor der ersten Runde im DFB-Pokal (ohne Video Assistant Referee) und dem Start in die Bundesliga-Spielzeiten der Frauen und Männer beantwortet die F.A.Z. die wichtigsten Regelfragen. Welche neue Regel wird besonders auffallen? Zur vergangenen Saison startete ein Acht-Sekunden-Countdown für Torhüter, wenn sie den Ball halten; die letzten fünf Sekunden zeigen die Schiedsrichter per Handzeichen an. Wird der Ball darüber hinaus gehalten, gibt es Eckball. Der Countdown gegen Zeitspiel wird fortan ausgeweitet. Bei Verzögerungen von Einwürfen und Abstößen pfeift der Schiedsrichter und zeigt dann einen Fünf-Sekunden-Countdown an. Bei einem Überschreiten des Zeitlimits gibt es Einwurf oder Eckball für die gegnerische Mannschaft. „Das wird massiven Einfluss auf den Spielablauf haben“, sagte Daniel Siebert, der Ende Mai das Champions-League-Finale leitete, bei einer Medienschulung am Dienstag in Frankfurt. Ein Countdown bei Eckball oder Freistoß wird es nicht geben. Was wird noch gegen Zeitspiel getan? Nach Senken der Auswechseltafel bleiben zehn Sekunden zum Verlassen des Platzes. Wird die Zeit überschritten, muss der Auswechselspieler vom Platz, der Einwechselspieler darf ihn aber nicht betreten; er muss mindestens eine Minute und danach noch bis zur nächsten Spielunterbrechung warten. Eine Rücknahme der Auswechslung nach Nichteinhaltung des Zeitlimits ist nicht möglich. Eine Ausnahme gilt für verletzte Auswechselspieler. Welche Neuerung gibt es bei Verletzungspausen? Nach einer Behandlung auf dem Spielfeld muss der verletzte Spieler den Platz verlassen und mindestens eine Minute ab Spielfortsetzung auf die Rückkehr warten; anders als bei zu langen Auswechselvorgängen ist das im laufenden Spiel möglich – nach Zeichen des Schiedsrichters. Ausnahmen: wenn ein Torhüter verletzt ist, ein Torhüter und ein Spieler verletzt sind, zwei Spieler eines Teams behandelt werden müssen, ein Foul vorliegt, für das es eine Karte gab, oder der Verletzte einen Elfmeter schießen soll. Was ändert sich bei Vorteilssituationen? Entsteht nach einer falschen Spielfortsetzung – etwa einem Einwurf an falscher Stelle oder einem Freistoß, bei dem der Ball nicht ruht – ein Vorteil für das gegnerische Team, muss das Spiel nicht mehr unterbrochen werden. Vereitelt ein Spieler eine offensichtliche Torchance, etwa per Notbremse oder Handspiel auf der Torlinie, fällt in der Vorteilssituation dennoch ein Tor, erhält der Spieler für sein Vergehen keine persönliche Strafe mehr – es sei denn, das Foul ist rücksichtslos oder brutal; dann gibt es die Rote Karte. Und was ist noch anders? Das Wort „Schmuck“ wurde von der Verbotsliste gestrichen, weil es missverständlich war und uneinheitlich gehandhabt wurde. Künftig ist es erlaubt, Accessoires wie Eheringe oder Ohrstecker zu tragen. Die Bedingung: Sie müssen „ungefährlich“ und „sicher abgedeckt“ sein. Was ist neu beim Video Assistant Referee (VAR)? Der Video-Assistent darf nun auch bei ungerechtfertigten Gelb-Roten Karten eingreifen, wenn die zweite Gelbe Karte eindeutig falsch war; bislang galt das nur bei Roten Karten. Der VAR darf allerdings weiterhin nicht eingreifen, wenn der Schiedsrichter eine Gelb-Rote Karte verpasst hat. Wie sieht es bei Spielerverwechslungen aus? Bisher durfte der VAR eingreifen, wenn der Schiedsrichter bei einer persönlichen Strafe zwei Spieler einer Mannschaft verwechselte. Das gilt nun für alle Spieler. Zwei Fälle sorgten bei der WM für Aufsehen: Paraguays Miguel Almirón sah nach VAR-Hinweis die Gelbe Karte für eine Schwalbe, die zunächst gegebene Verwarnung für den vermeintlich foulenden Gegner Tim Ream aus den USA wurde zurückgenommen. So erging es auch Argentiniens Leandro Paredes; sein Schweizer Gegenspieler Breel Embolo sah wegen einer Schwalbe sogar die Gelb-Rote Karte. Die Regelhüter vom International Football Association Board (IFAB) stellten nach der WM klar: „Eine Gelbe Karte (Verwarnung), bei der es sich nicht um eine zweite Gelbe Karte handelt, kann nur überprüft werden, um den Spieler zu identifizieren, der das geahndete Vergehen begangen hat; das Vergehen selbst kann nicht überprüft oder geändert werden.“ Diese Linie wird im deutschen Fußball und in den europäischen Wettbewerben übernommen. Ein Fall Embolo ist demnach in der Bundesliga nicht möglich. Wird es in der Bundesliga Trinkpausen geben? Ja – aber nicht in jedem Spiel wie bei der WM. Die Trinkpausen werden auch nicht immer drei Minuten dauern. Der Schiedsrichter entscheidet nach der Wetterlage – bei einer Temperatur von mehr als 32 Grad vor Anpfiff immer, ansonsten situativ. Auch der europäische Verband UEFA plant nicht, die Regeln für Trinkpausen „für die kommenden Wettbewerbe zu verändern“. Das gilt auch für die EM 2028. Was wird es, anders als bei der WM, ebenfalls nicht geben? Einen „eindeutig zu Unrecht zugesprochenen Eckstoß“ korrigiert ein VAR in der Bundesliga nicht. Das ist im Europapokal anders: Eckbälle, die fälschlicherweise gegeben wurden, dürfen korrigiert werden, „sofern die Entscheidung unmittelbar und ohne Verzögerung der Spielfortsetzung korrigiert werden kann“, teilte die UEFA mit. Wie wird das Verdecken des Mundes geahndet? Nachdem Gianluca Prestianni von Benfica Lissabon Real Madrids Vinícius Júnior mit der Hand vor seinem Mund mutmaßlich rassistisch beleidigt hatte, gab es bei der WM für solche Szenen die Rote Karte. Paraguays Almirón und Piero Hincapié aus Ecuador wurden vom Platz gestellt. Dem Bedecken des Mundes in der konfrontativen Kommunikation mit Gegenspielern folgt in der Bundesliga nicht automatisch eine Rote Karte. Erkennt der Schiedsrichter ein unsportliches Verhalten, kann er allerdings den Spieler verwarnen. Gibt es die Rote Karte, wenn ein Spieler den Platz aus Protest verlässt? Nein. Auch das war bei der WM möglich, nachdem die Spieler aus Senegal im Finale des Afrika-Cups vom Rasen gegangen waren. In der Bundesliga und im Europapokal ist das nicht vorgesehen. Es gilt aber: Sollte ein Spiel nicht fortgesetzt werden können, weil ein Team weniger als sieben Spieler aufweist, verliert es die Partie. Wie reagieren die Schiedsrichter auf das Gerangel bei Ecken und Freistößen im Strafraum rund um den Torhüter? Die FIFA entschied sich für einen besonderen Schutz der Torhüter. Beim deutschen WM-Aus zählt ein Tor von Jonathan Tah nicht, weil Waldemar Anton den Torwart aus Paraguay foulte. In der Bundesliga wäre das, wie Alexander Feuerherdt, Leiter Medienarbeit und Kommunikation der DFB Schiri GmbH, am Dienstag sagte, eine „korrekte Torerzielung“ gewesen. Die deutsche Auslegung lautet: „Ein Foulspiel liegt vor, wenn der Angreifer gegen die Arme des Torwarts agiert und ihm so die Möglichkeit nimmt, den Ball spielen/fangen zu können, oder sich aktiv in den Torhüter hineinbewegt und ihn dann so daran hindert, den Ball spielen zu können.“ Kein Foulspiel liegt dagegen vor, „wenn sich ein Angreifer und ein Torhüter in den freien Raum bewegen, um den Ball zu erreichen/spielen“. Was hat es mit dem UEFA-Projekt „Clear Line“ auf sich? Der europäische Verband hat ein Onlineportal freigeschaltet, in dem Richtlinien für die einheitliche Anwendung der Regeln und den VAR-Einsatz in europäischen Ligen und im Europapokal in 150 Referenzszenen gezeigt und nachvollziehbar gemacht werden sollen. Die UEFA möchte mit den nationalen Verbänden vor allem mehr Einheitlichkeit und beim VAR-Einsatz zum Ursprungsgedanken zurückkehren: „Der Videobeweis sollte nur bei klaren und offensichtlichen Fehlern zum Einsatz kommen.“ Worauf legen die Bundesliga-Schiedsrichter besonderen Wert? Im Mittelpunkt steht die „ein Stück weit höhere Eingriffsschwelle“ für den Eingriff des VAR, wie Benjamin Schmedes, Direktor Sport und Mitglied der Geschäftsleitung bei der Bundesliga, vormals Deutsche Fußball Liga, sagte: „Die Zeit, die Schiedsrichter am Schirm verbringen, soll reduziert werden.“ Zudem steht das konsequente Ahnden von „Unsportlichkeiten“ im Fokus. Was hat es mit sogenannten kid’s mistakes, Kinderfehlern, auf sich? Bei Abstößen kam es bisweilen zu Handspielen – mal wurde ein Strafstoß gegeben, mal wurde der Abstoß wiederholt, weil der Schiedsrichter einen „kid’s mistake“ nicht mit einem Elfmeter bestrafen wollte. Das ist nun klar geregelt: „Wenn der Ball im Torraum liegt und vor einem Spieler dieser Mannschaft mit dem Fuß berührt wird, ist der Ball korrekt im Spiel.“ Gibt es ein absichtliches Handspiel eines Mitspielers im Strafraum, muss es nun zwingend einen Handelfmeter geben.
