FAZ 29.11.2025
10:03 Uhr

Advent in Italien: Der Weltrekord-Weihnachtsbaum


Der größte Weihnachtsbaum der Welt

Advent in Italien: Der Weltrekord-Weihnachtsbaum

Beim heiligen Ubaldo ist immer etwas los. Hoch über der kleinen, mittelalterlichen Stadt Gubbio ruhen die Gebeine des Schutzpatrons, von der Basilika aus schweift der Blick über die grünen Hügel und blauen Berge Umbriens, Wolken türmen sich auf, weiß und dramatisch. Sobald der Frühling hier, an den rauen Ausläufern des Apennin, gelbe Blumen in grüne Wiesen wirft, kommen die Jogger, die Mountainbiker, die Wanderer, die bis auf den Gipfel des Monte Ingino hinaufsteigen, dazu noch die Faulen, die mit der altmodischen Standseilbahn heraufschaukeln. Der Heilige wirkt aber auch im Winter auf die Herzen der Menschen ein. Ein paar Schritte unterhalb des Gipfels steht das ganze Jahr über ein riesiges Stahlgerüst in der Gegend herum. Fragen verwunderte Fremde beim einheimischen Mountainbiker nach, wofür es gedacht sei, antwortet der stolz: Das Gerüst? Na, das sei für den Stern von Bethlehem! Der Mountainbiker sieht das Unverständnis in den Augen der Deutschen, zückt sein Handy, präsentiert triumphierend ein Foto: Man solle einmal im Dezember wiederkommen, dann sei der ganze Berg ein Lichtermeer: Hier strahlt dann der größte Weihnachtsbaum der Welt. „Ja, unser Weihnachtsbaum ist tatsächlich der größte, das steht so im Guinnessbuch der Rekorde“, bestätigt mit einem bescheidenen Lächeln Giacomo Fumanti, ein zierlicher, freundlicher älterer Herr, der unten in der Stadt auf der Piazza Grande vor der Bar sitzt. Fumanti war bis vor Kurzem Präsident der Vereinigung der Alberaioli, der Baumaufsteller. Dazu muss man wissen, dass Ubaldo Kult ist in Gubbio, er treibt den Puls der Städter regelmäßig in die Höhe, und zwar nicht nur beim Feierabend-Work-out vor der Basilika: Bei der Festa dei Ceri, dem Fest der Wachskerzen am 15. Mai, werden drei schwere Holzgestelle mit den Statuen der Heiligen Ubaldo, Giorgio und Antonio aus der Basilika ins Zen­trum der an steilen Hängen gelegenen Stadt getragen und dann in einer Art Wettlauf auf den Schultern der Ceraioli den Berg wieder hinauf. Die Ceraioli sind Männer, die sich der Pflege dieser Tradition verschrieben haben, sprich: so gut wie alle männlichen Einwohner. Man ehrt damit den Schutzpatron, der den Bewohnern des stolzen Gubbio im 12. Jahrhundert half, sich gegen feindliche Städte zu verteidigen. Keine Energieverschwendung im Namen des Heiligen Im Winter aber war immer wenig los am Berg – bis es 1981 zum ersten Mal einen Versuch gab, in einer Lichtinstallation einen Tannenbaum zu entwerfen, eine Mammutaufgabe, die sich ein paar Tüftler ausgedacht hatten. Seitdem gibt es in Gubbio nicht nur die Ceraioli, sondern auch die Alberaioli. „Wir sind der Meinung, Sant’Ubaldo sollte auch im Winter nicht vernachlässigt werden“, erklärt Fumanti ernsthaft. Sehr viel Zeit und Mühe seien damals in dieses Projekt geflossen, die Männer krochen wochenlang am Berg herum, schwenkten Fahnen, um eine gleichmäßige Verteilung der Lichter hinzubekommen, unten auf der Piazza Quaranta Martiri koordinierte ein Techniker die Verteilung mit einem Funkgerät. Heute hat sich die Sache eingespielt. Steigt man auf den Monte Ingino, bemerkt man Bäume, die mit einem grünen Streifen markiert sind und an denen die 700 bunten LED-Lichter montiert werden. Der Strom kommt aus einer Photovoltaik-Anlage in der Peripherie, die der Verein eigens erworben hat, denn nachhaltig wollen sie auch sein, bloß keine plumpe Energieverschwendung im Namen des Heiligen! Im September geht es los, dann wird zehn Sonntage lang aufgebaut, morgens um acht sind die rund sechzig Männer, die der Weihnachtsbaum-Vereinigung angehören, dann schon am Berg. Zehn Sonntage, an denen man auch ausschlafen könnte – was treibt die Leute dazu, stattdessen auf einen Berg zu steigen und mit schwerem Gerät zu hantieren? Fumanti lächelt und blickt über die weitläufige Piazza, an der der mittelalterliche Palazzo dei Consoli aufragt, Ausdruck des bürgerlichen Selbstbewusstseins. Denn keine Fürsten, sondern die Bürger ließen dieses kühne architektonische Meisterwerk im 14. Jahrhundert errichten, einen zentralen Versammlungsort, an dem die von ihnen gewählten Konsuln zusammenkamen – eine frühe demokratische Regierung. Es geht ums Gemeinschaftsgefühl Kleine Kinder beginnen auf der hoch gelegenen Piazza, die direkt in den Horizont überzugehen scheint und dem hellblauen Himmel ganz nah ist, sofort übers Pflaster zu rennen. Touristen machen Fotos, Einheimische treten auf, junge Mütter mit Kinderwagen und alte Herren schreiten über den Platz, begegnen sich, begrüßen sich. Fumanti, der viele Jahrzehnte Briefträger in Gubbio war, nickt dem einen zu, winkt der anderen, sagt: „Solche gemeinsamen Aktionen wie die Festa dei Ceri oder der Weihnachtsbaum, bei denen Menschen sich zusammen für eine Sache engagieren, sind Ausdruck des Bürgersinns, der in Gubbio immer wichtig war, der in den umbrischen Städten immer wichtig war.“ Wer Mitglied der Alberaioli werden will, der muss die Lichtinstallation einmal abbauen helfen, einmal aufbauen und noch einmal abbauen, erst dann wird sein Aufnahmeantrag bewilligt. Nur wer seine Zuverlässigkeit bewiesen hat, ist würdig, Teil der Truppe zu sein. Denn darum gehe es, sagt Fumanti: um Beständigkeit, um ein Gemeinschaftsgefühl, darum, einen Platz in der Welt zu haben, sich verwurzelt zu fühlen. „Ich bin kein hundertprozentig praktizierender Katholik, aber unser Heiliger bedeutet für mich Heimat, und es gefällt mir, mit den anderen zusammenzuarbeiten, mit Leuten, die ganz unterschiedliche Berufe haben, mit den Jungen.“ Nachwuchssorgen hätten sie nicht, auch wenn es schwieriger werde, junge Menschen zu finden, die sich engagierten – aber gerade die Jungen merkten, wie gut es ihnen tue, etwas zusammen zu unternehmen, zu arbeiten, zu feiern, nicht allein vor Bildschirmen herumzuhängen. Entzündet wird der Lichterbaum am 7. Dezember in einer feierlichen Zeremonie mit einem Tablet, und zwar immer von eingeladenen Testimonials, die für soziales Engagement stehen, vom obersten italienischen Feuerwehrmann, von einem Mitglied von Ärzte ohne Grenzen, von der Kinderschutzorganisation Save the Children. Auch Papst Franziskus hat den Baum einmal per Mausklick illuminiert. „Wir wollen in Kontakt mit der Welt treten“, sagt Fumanti, und wahrscheinlich ist es genau diese Botschaft einer kleinen italienischen Stadt, die die Welt an Weihnachten gut gebrauchen kann: dass Gemeinschaft den Menschen guttut, Großes bewirken kann und alle dem Himmel ein Stück näher bringt.