Die Kirche ist hell erleuchtet, in der Luft liegt ein Hauch von Weihrauch. Die Besucher sitzen auf den Kirchenbänken und kuscheln sich in ihre Jacken, um den niedrigen Temperaturen im Kirchenraum zu trotzen. Die Gesangshefte halten sie in den Händen. Hinter dem Altar steht an diesem Abend kein Priester, sondern ein rund zwanzigköpfiger, vierstimmiger Gospelchor. Dessen Gesang hallt durch den Raum, begleitet von einem Klavier. Die einzigartige Akustik des Kirchengebäudes leistet ihren Beitrag. Bei einem Teil des Auftritts verteilen sich die Sänger durch das Gebäude. Sie bewegen sich sogar während des Singens durch den Raum. So vermischen sich ihre Stimmen und entfernen sich wieder voneinander. Es entsteht so ein einzigartiger Klang. An jedem Sitzplatz hört sich der Gesang anders an. Im zweiten Teil des Abends werden auch die Besucher dazu eingeladen, in die Adventslieder einzustimmen. Ihr Gesang mischt sich mit dem des Chors – und man spürt: In dem Moment entsteht echte Gemeinschaft. In der katholischen Liebfrauenkirche am Römerberg mitten in Frankfurts Altstadt findet während der gesamten Adventszeit täglich ein Adventsliedersingen statt. Bis einschließlich 21. Dezember laden jeweils um 19.30 Uhr unterschiedliche Chöre zum Singen und Feiern ein. Den Abschluss bildet das große Weihnachtsliedersingen am 26. Dezember. Seit rund 30 Jahren veranstaltet die Liebfrauenkirche ihr Adventssingen in Nachbarschaft des Weihnachtsmarkts. „So schön der Weihnachtsmarkt ist, manchmal wird es einfach zu trubelig“, sagt der Kapuzinerbruder Jens Kusenberg, der einige der Abende moderiert. Mit dem Adventssingen wolle die Gemeinde einen Ort der Besinnlichkeit inmitten der geschäftigen Innenstadt schaffen. Es solle daran erinnert werden, worum es in der Weihnachtszeit geht – um Gemeinschaft, Ruhe und Reflexion. Die Resonanz ist gut: Die Kirche ist an jedem Abend gefüllt, und die Besucher singen kräftig mit. Um die Chöre rechtzeitig anzufragen und zu buchen, beginnt Kantor Peter Reulein bereits ein Jahr im Voraus mit den Planungen. So entsteht ein breites Programm – von modernen Gospelchören über instrumentale Ensembles bis hin zu einem Gebärdenchor, der Adventslieder in Gebärdensprache überträgt. „Ohne Singen gibt es für mich keinen Advent“ Dass gemeinsames Singen verbindet, darauf will auch das Gesundheitsamt Frankfurt aufmerksam machen. Unter dem Motto „Gemeinsam statt einsam“ findet auch dort ein Adventsliedersingen statt. Zunächst tritt der Chor der Frankfurter Stadtverwaltung, die „Äppel Voices“, auf. Anschließend lädt er die Besucher zum Mitsingen ein. Geboten wird eine Mischung aus modernen englischsprachigen und traditionellen deutschen Liedern. Auch bei dieser Veranstaltung ist der Saal gefüllt. Mittendrin singt die 75 Jahre alte Susanne mit. Die ausgeteilten Liedblätter braucht sie nicht, die Lieder kennt sie alle auswendig. Ihr Gesicht strahlt vor Freude. „Ohne Singen gibt es für mich keinen Advent und kein Weihnachten“, sagt sie. Sie habe zu Hause immer mit ihren Eltern und Geschwistern in der Adventszeit gesungen. „Das weckt dann auch schöne Kindheitserinnerungen, wieder mit anderen zusammen zu singen“, sagt sie. Ihre beiden Kinder seien erwachsen und lebten im Ausland, ihr Ehemann sei vor sechs Jahren gestorben. „Manchmal wird es in der Adventszeit einsam, wenn man zu Hause sitzt und es draußen so früh dunkel wird“, sagt sie. Gegen dieses Gefühl suche sie bewusst Gemeinschaft – etwa bei Veranstaltungen wie dem Adventssingen. Auf die Feiertage freue sie sich sehr, denn ihre Tochter komme mit Ehemann und Kindern nach Frankfurt zu Besuch. Das gemeinsame Singen habe sie als Tradition auch ihren Kindern weitergegeben, es werde an Weihnachten also nicht zu kurz kommen. Doch nicht alle haben die Möglichkeit, Weihnachten im Kreis der Familie oder von Freunden zu verbringen. Viele Alleinstehende fürchten, an den Feiertagen allein zu sein. Im Anschluss an das Adventssingen stellen deshalb mehrere Initiativen Programme vor, die Einsamkeit während der Weihnachtszeit entgegenwirken sollen. In Bergen-Enkheim etwa wird am 24. Dezember ein Heiligabend für alleinstehende Menschen organisiert. Die Teilnahme ist kostenfrei; angeboten werden ein Weihnachtsessen sowie ein Rahmenprogramm mit gemeinsamem Spielen – und auch Singen. Es ist die vierte Auflage der Veranstaltung. „Von Jahr zu Jahr haben wir mehr Sponsoren und mehr Menschen, die sich engagieren möchten“, sagt Michaela Duhm, eine der Helferinnen. Wie groß das Problem der Einsamkeit ist, habe sich besonders nach der Corona-Pandemie gezeigt. Betroffen seien nicht nur ältere Menschen, sondern auch Personen mittleren Alters, deren Kinder ausgezogen seien, sowie junge Erwachsene, die nach dem Auszug aus dem Elternhaus in einer neuen Stadt keinen Anschluss fänden. Rund 40 Personen nähmen jedes Jahr an dem Abend teil, sagt Duhm. Die Veranstaltung dauere häufig bis spät in die Nacht: „Es gibt immer Menschen, die lange bleiben, reden, singen und einfach die Gesellschaft genießen.“ Neue Kontakte zu knüpfen, sei einfacher, als viele glaubten. „Manchmal fühlt man sich zu Beginn noch etwas unwohl bei solchen Veranstaltungen, bei denen man niemanden kennt“, sagt Susanne. „Aber wenn man dann einmal mit dem Singen angefangen hat, dann ist das kein Problem mehr. Dann ist das egal, ob man allein oder in Begleitung ist.“ Im Anschluss finde sie immer Menschen, mit denen sie sich unterhalten könne. Singen mache auch einen großen Teil des Hanauer Weihnachtsfests aus, sagt Claudia Kruck, die zusammen mit ihrem Ehemann Horst-Martin Kruck das Fest seit mehreren Jahren organisiert. „Wir hatten in der Vergangenheit auch schon tolle Musiker bei uns gehabt, die das Fest zu etwas ganz Besonderem gemacht haben“, sagt sie. Wenig verbinde Menschen so schnell wie gemeinsames Singen und Feiern. „Wir wollen nicht, dass jemand Weihnachten allein verbringen muss“, sagt sie. Zu der gemeinsamen Feier am Heiligabend werden deshalb Alleinstehende eingeladen. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. „Das Angebot soll so niedrigschwellig wie möglich sein“, sagt Kruck. Man könne auch jederzeit während des Abends vorbeikommen und gehen, wann man wolle. An dem Angebot nähmen jedes Jahr etwa 40 bis 60 Personen teil, vor allem ältere Menschen, aber auch Familien mit Kindern, die sich ein Weihnachtsessen sonst nicht leisten könnten, sagt Kruck. Es werde am Ende der Veranstaltung zudem ein Fahrdienst organisiert, damit auch Menschen mit eingeschränkter Mobilität sicher nach Hause gelangen. „Keiner muss Weihnachten allein verbringen“, fasst Kruck zusammen. Es gibt genügend Angebote, bei denen man gemeinsam singen kann, bis man heiser wird.
