Wo der Protest seinen Anfang nahm, ließ sich später nicht ermitteln. Klar war nur: Kein Erwachsener hatte die Kinder angestiftet. Sie wollten selbst etwas unternehmen, eine Ungerechtigkeit stoppen, die sie seit Wochen beschäftigte. In der Nachmittagsbetreuung einer Grundschule fingen Zweitklässler an, Plakate zu bemalen. Mit Buntstiften schrieben sie „Wirth soll bleiben“ und malten bunte Herzen dazu. So geht Engagement mit sieben oder acht. In Mainz ist der „Kinderladen Wirth“ der Inhaberfamilie Demmler-Wirth der Inbegriff eines Spielwarengeschäfts. Seit 100 Jahren gibt es ihn, die meiste Zeit am Münsterplatz, zwischen Bahnhof und Innenstadt gelegen. Doch im August wurde angekündigt, Ende des Jahres wird Schluss sein. Um ebendas noch zu verhindern, malten die Mainzer Grundschüler nicht nur Poster, sondern sammelten auch Geld; knapp 100 Euro kamen zusammen. Anfang Oktober übergaben die Kinder die Spende an die beiden Geschäftsführer, Friedrich und Christoph Demmler. Die Brüder spendeten im Gegenzug 500 Euro an den Kinderschutzbund und 500 an den Förderverein der Grundschule. Den Kindern indessen mussten sie erklären, dass deren Spende nichts an den „ursächlichen Problemen“ ändert. „Wir hinterlassen eine Lücke“ Als Friedrich Demmler von der Episode berichtet, stockt ihm kurz die Stimme. Er sitzt in einem Teil des Ladens, der bereits leer geräumt ist. Das Licht ist ausgeschaltet, aus einem kleinen Radio dröhnen die besten Hits der Achtziger, Neunziger und von heute. Demmler, 70 Jahre alt, hat hier die meiste Zeit seines Lebens gearbeitet, das Geschäft gehört immer schon seiner Familie. Trotzdem geht er mit der bevorstehenden Schließung sachlich um. Er spricht über das veränderte Kaufverhalten, über die Corona-Pandemie und die fehlende Wirtschaftlichkeit. Die Entscheidung, die sie als Familie getroffen haben, erscheint ihm alternativlos. Dass aber die Kinder für seinen Laden kämpften, das rührt ihn. „Wir hinterlassen eine Lücke“, sagt er und blickt durchs leere Schaufenster auf die Straße. Viele Geschäfte wie der „Kinderladen“ haben schon vor Jahren geschlossen. Wer heute noch bei Wirth arbeitet, geht in den Ruhestand oder hat schon bald einen neuen Job – nicht immer in der Branche. Die Zahl der Spielwarengeschäfte sinkt. Waren es vor 25 Jahren noch 4000, sind es heute bundesweit noch 2500. Aus Plastik und billig produziert Denn inzwischen gibt es mehr „Toy Superstores“ als früher. So nennt Smyths, nach eigenen Angaben führender Spielwarenhändler Europas, seine Läden. Die Superstores sind meist am Stadtrand, in Einkaufszentren oder Gewerbegebieten gelegen. Auch in Mainz gibt es einen. Alle paar Wochen fährt Demmler hin, um sich über die Trends zu informieren. Dann schlendert er, wie er erzählt, an grellen Aufstellern vorbei und an aggressiven Sonderangeboten. Ständig verändere sich das Angebot. Verkauft wird, was Absatz bringt. „Vieles ist aus Plastik, billig produziert und dürfte schnell kaputtgehen“, sagt er. Wenn Demmler darüber spricht, klingt er wehmütig. Für ihn war ein Spielwarengeschäft immer auch ein pädagogischer Auftrag. Schon sein Lehrherr habe ihn ermahnt, er könne den Kunden nicht vorschreiben, was sie zu kaufen haben. „Manchmal habe ich das versucht“, sagt er lächelnd. Auch im „Kinderladen“ mit 1500 Quadratmeter Verkaufsfläche und 45.000 Artikeln gab es Barbies, ferngesteuerte Autos und Plastik. Aber eben nicht nur. Bestimmte Spielzeuge haben es in Zeiten des Onlinehandels schwerer. Für sie wollte Demmler immer auch werben. Die Holzspielzeuge von Fagus zum Beispiel, die im Eingangsbereich stehen. In Deutschland gefertigt, sehr langlebig und mit Preisen über 100 Euro recht teuer. Oder die Bausätze von Fischertechnik, die viel Frickelei erfordern. „Im Hinblick auf die Fingerfertigkeit und das Verständnis von Technik würde ich jedem Kind empfehlen, einmal im Leben was mit Fischertechnik zu machen“, sagt Demmler. Sein Wunsch ist es, dass Eltern und Kind über das Spielzeug ins Gespräch kommen. An einem Samstagmorgen kann man das eher zufällig beobachten: Eine Mutter schlendert mit ihrem Sohn, vielleicht sechs Jahre alt, durch den Laden, sie bleiben an vielen Regalen stehen, sprechen über die Handpuppen, probieren die Spielzeugautos aus. Am Ende kaufen die beiden nur zwei Teile, ein Spiel-Traktor zählt dazu. Der Gesamtwert liegt vielleicht bei 50 Euro. So läuft das analog. Amazon und fehlende Parkplätze Weil so viel zu tun ist, räumt Demmler wieder selbst Regale ein. Am Aufzug steht er mit einem Einkaufswagen voller Lego-Sets. Auch wenn längst der Räumungsverkauf läuft (20 Prozent auf alles), muss er die bestellte Ware für das Weihnachtsgeschäft abnehmen. Große Marken vertreiben ihre Produkte längst selbst über das Internet. Während der Pandemie, als der Einzelhandel zeitweise schließen musste, nahm das immer mehr zu. Dann ist da noch Amazon, das die superschnelle Lieferung nach Hause verspricht. Zur schlechten wirtschaftlichen Lage hat aber aus Demmlers Sicht auch beigetragen, dass vor der Tür auf dem Münsterplatz seit fast zehn Jahren eine Baustelle ist. Die Kunden kommen nicht mehr so leicht zum Laden. Bei der Neugestaltung des Platzes fielen Parkplätze weg, die es vorher direkt am Geschäft gab. Werdende Eltern konnten dort halten und die Erstausstattung einräumen – vom Kinderwagen bis zur Wickelkommode; ihnen wurde der Autositz fürs Kind gleich eingebaut. Manchmal hängen die Dinge an Kleinigkeiten. Das Ende des Traditionsgeschäfts beschäftigt viele in Mainz. „Wo sollen wir denn jetzt hin?“, fragt eine ältere Dame, die im Erdgeschoss Strampler aussucht. Sie selbst sei als Kind bei Wirth eingekleidet worden, habe die Spielsachen für ihre Kinder hier gekauft. Jetzt wird sie bald Großmutter. Ob Junge oder Mädchen, das wisse sie noch gar nicht. „Aber ich brauche doch Strampler von Sanetta für das Kind. Wo bekommt man die noch?“ Als die Dame bemerkt, dass eine Verkäuferin neben ihr steht, spricht sie die gleich an. „Wie geht’s Ihnen denn?“ Die Verkäuferin, Frau Hartmann, arbeitet seit 1969 im „Kinderladen“, wie sie später erzählt. Auch nach ihrem Ruhestand hat sie weitergemacht, weil ihr die Beratung so viel Spaß bereitet. Traurig sein will sie noch nicht. „Ein paar Wochen gibt’s uns ja noch“, sagt sie. Die verbliebenen Verkäufer, nur eine Handvoll, haben so viel zu tun wie seit Jahren nicht. Es sind nur wenige Schnäppchenjäger, die kommen, und viel mehr Kunden, die sich dem Laden verbunden fühlen. Eine Studentin erzählt, wie sie mit ihren Eltern als Kind hier war. Sie kauft jetzt ein Kartenspiel, als wäre es ein Andenken. Eine junge Mutter kommt aus dem Lob für den „Kinderladen“ nicht heraus. „So schade“, sagt sie. Wann sie aber das letzte Mal da war, daran kann sie sich nicht erinnern.
