Für Klimaexpertin Heike Hübener ist die Ankündigung der EU-Kommission, nun doch neue Verbrenner-Autos auch nach dem Jahr 2035 zulassen zu wollen, „das falsche Signal“. Gerade der Verkehr mache in Deutschland 22 Prozent der Emissionen aus, und es sei der einzige Sektor, in dem sich in den vergangenen Jahren nichts verändert habe. In allen anderen Sektoren wie in der Industrie oder beim Heizen der Gebäude gebe es Bemühungen, den Schadstoffausstoß zu verringern, und auch schon erste Erfolge. „Nur beim Verkehr, dessen CO₂-Bilanz zu 98 Prozent vom Straßenverkehr geprägt wird, gibt es die gar nicht“, sagt Hübener vom Fachzentrum Klimawandel und Anpassung beim Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie in Wiesbaden. Allerdings plädiert die EU-Kommission nicht für eine grundsätzliche Abkehr vom Verbrenner-Aus, sondern will die Vorgaben aus Brüssel nur abschwächen. Statt der bisher vom Europaparlament beschlossenen Null-CO₂-Strategie für Neuwagen vom Jahr 2035 an sollen die Fahrzeuge künftig ihren Treibhausgasausstoß auf mindestens 90 Prozent reduzieren. Damit sind Verbrenner-Autos mit neuen Motoren und Hybrid-Fahrzeuge noch möglich – vermutlich bis 2040. Also alles halb so wild? Deutschland hält seine Zusagen nicht ein „Es ist falsch, jetzt die Ambitionen für den Klimaschutz zu reduzieren“, sagt Hübener, die von Haus aus Meteorologin ist. Natürlich seien die zehn Prozent, die durch den Vorschlag der EU-Kommission weniger an CO₂ eingespart würden, „nicht das Ding“. Doch Deutschland habe internationale Zusagen gemacht. „Wir halten diese Zusagen nicht ein.“ Für Hübener wäre es deshalb nur folgerichtig, sich mehr anzustrengen. „Warum sind wir nicht ambitionierter?“, fragt sie. Denn die Schäden, die durch den Klimawandel entstünden, „gehen auf Kosten der Menschen – auch in Hessen“. Sie seien es, die unter den Extremereignissen wie Hitze, Dürre und Starkregen litten. Das Argument, das sie immer wieder höre, Deutschland habe ohnehin nur einen Zwei-Prozent-Anteil am globalen Treibhausgas-Ausstoß, da komme es auf ein bisschen mehr oder weniger CO₂ nicht an, hält Hübener für fatal. Deutschland sei immer noch ein Land, das für viele andere Vorbildcharakter habe. Und die Diskussion, ob nicht längst viele lieber den Klimawandel in Kauf nähmen als eine Abschwächung der Wirtschaft und damit ihres Wohlstandes, hält die Wissenschaftlerin für nicht richtig geführt. Mit Blick auf die Folgen des sich immer stärker verschärfenden Klimawandels fehlt aus Sicht von Hübener die Abwägung, welche Schäden auch der Wirtschaft durch den Klimawandel drohen. Bei großer Hitze habe die chemische Industrie schon heute Produktionseinbußen. Lieferketten würden durch Extremwetterereignisse unterbrochen. Ihrer Ansicht nach hat auch die Industrie grundsätzlich ein Interesse daran, dass die Schäden durch den Klimawandel nicht zu groß würden. Von der Versicherungsbranche ganz zu schweigen. Für Hübener gibt es keinen Zweifel, dass „wir schon jetzt in einem Klimazustand sind, an den wir uns dringend anpassen müssen“. Dabei erinnert sie an das Starkregenereignis im August 2024 im nordhessischen Trendelburg-Gottsbüren, „als der halbe Ort weggeschwemmt wurde“. Auf den Hinweis auf die Flutkatastrophe im Ahrtal im Juli 2021 mit 135 Toten verzichtet Hübener. Doch die Hoffnung, es könne ausreichen, sich an das veränderte Klima anzupassen, teilt sie nicht. „Wir können uns nicht an alles anpassen. Wir müssen dafür sorgen, dass die Schäden, die zu hohe Treibhausgasemissionen verursachen, nicht noch größer werden“, sagt die Klimafachfrau. „Das ist meiner Meinung nach verantwortliches Handeln.“ Viele Kommunen und Institutionen wie etwa die Industrie- und Handelskammern hätten inzwischen erkannt, dass der Klimawandel schon da sei und sich weiter verschärfen werde. So gebe es etwa ein EU-Projekt zum Thema „klimafitte Gewerbegebiete“, bei dem das Hessische Landesamt Projektpartner ist. Viele Gewerbegebiete „sind total versiegelt, bestehen nur aus Asphalt und Beton“, sagt Hübener. Mithilfe des Projekts würden Flächen entsiegelt, Bäume und Sträucher gepflanzt. Mit dem Ergebnis, dass die Pflanzen einen kühlenden Effekt hätten, die entsiegelten Flächen Regenwasser aufnehmen könnten und zusätzlich noch CO₂ gebunden würde. Das ist nach Angaben von Hübener „ein ganz typisches, klassisches Beispiel für eine Klimaanpassung, die gleichzeitig auch dem Klimaschutz dient.“ Das Interesse der Kommunen sei groß, ihre Gewerbegebiete umzugestalten. Dieser Weg müsse weiter beschritten werden – auch wenn er Investitionen nötig mache, sagt die Klimaexpertin und verweist auf den prognostizierten Anstieg der Hitzetage in den nächsten Jahrzehnten. Der Klimawandel beginne langsam und beschleunige sich dann immer stärker. „Deshalb werden die Auswirkungen immer extremer, je weiter wir in die Zukunft schauen.“ In den 30 Jahren von 1970 bis 2000 habe es im Mittel fünf bis sechs Hitzetage gegeben, also Tage mit mehr als 30 Grad. Nach vielen Berechnungen würden es in den Jahren 2071 bis 2100 fünfmal so viele heiße Tage sein, sagt Hübener. „Wir gehen für diesen Zeitraum von einem Mittel von 26 heißen Tagen aus.“ Zum Vergleich: Im bisher heißesten Sommer im Jahr 2018, der vor allem im Rhein-Main-Gebiet stark zu spüren war, wurden 24 heiße Tage registriert. Im Folgejahr 2019 wurde mit 40,2 Grad der bisher heißeste Tag in Frankfurt gemessen. Bei den für die nächsten Jahrzehnte prognostizierten heißen Tagen werde das Thermometer sicher nicht nur die 30-Grad-Marke überschreiten, sondern die 35-Grad-Marke, vielleicht sogar regelmäßig die 40-Grad-Marke, sagt Hübener. „Dafür müssen wir uns dann erst einmal einen neuen Begriff ausdenken.“ Für Tage mit regelmäßig mehr als 35 oder mehr als 40 Grad gebe es bisher noch keine Worte.
