Wie kommt eine Pfeife wie du ins Board von Rockefeller?“, fragt Steve Bannon. Warum habe man ausgerechnet ihn, einen Börsenhändler von Bear Stearns, in den Verwaltungsrat der Rockefeller University geholt, einer Forschungseinrichtung mit Weltruhm? Und dann auch noch in die Trilaterale Kommission, jene einflussreiche Organisation? „Gute Frage“, antwortet Jeffrey Epstein und fängt an zu erzählen. Die Szene ist der Beginn eines seltsamen Interviews, das Bannon, der unrasierte Rechtsradikale, zeitweilige Berater Donald Trumps und Kämpfer wider die „globalistische“ Elite, kurze Zeit vor dessen Festnahme im Jahr 2019 mit Epstein führt. Das Gespräch in Bannons Haus zieht sich über zwei Stunden; zwischenzeitlich wechselt Epstein Hemd und Brille. Es geht um seinen Aufstieg in der Finanzwelt, um Blasen und Abstürze an der Wall Street, aber auch um Schnittstellen zwischen Mathematik und Philosophie, um Isaac Newton und die großen Fragen des Lebens, um Anfang und Ende und die menschliche Seele. Bannon, der zwei Jahre zuvor das Weiße Haus hatte verlassen müssen, arbeitet zu jener Zeit an einer Dokumentation über Epstein, offenbar mit dem Ziel, die Reputation des Mannes, mit dem er, wie man heute weiß, über Jahre freundschaftliche Beziehungen pflegte, wiederherzustellen. Er schmeichelt ihm: Keiner verstehe die Hochfinanz wie er, sagt Bannon. Dann aber auch: „Es gibt da etwas zutiefst Abgefucktes in dir.“ „Hältst du dich für den Teufel persönlich?“ Das Video ist Teil des jüngsten Materials, das vom amerikanischen Justizministerium in der Causa Epstein veröffentlicht wurde. Bannon schafft eine Gesprächsatmosphäre, in der Epstein sich als Guru stilisieren kann. Doch er stellt auch ein paar interessante Fragen, zum Beispiel: „Ist dein Geld schmutzig?“- Nein, er habe es verdient, sagt Epstein. Die Frage sei aber legitim. „Ethik ist immer ein kompliziertes Thema.“ Bannon: „Hältst du dich für den Teufel persönlich?“ Epstein: „Ich weiß nicht. Warum fragst du das?“ Wie konnte aus einem Studienabbrecher, geboren in kleinbürgerlichen Verhältnissen auf Coney Island im New Yorker Bezirk Brooklyn, werden, was er wurde? Ein Finanzverwalter und Multimillionär, der mit seiner Komplizin Ghislaine Maxwell einen Ring zur Ausbeutung Minderjähriger betrieb, ein kriminelles System, in dem er selbst seine Machtphantasien auslebte und seine Sexsklavinnen früheren Präsidenten, Ministerpräsidenten, Prinzen, Professoren und Wirtschaftsbossen zugeführt haben soll? Es gibt zwei Lesarten. Die eine ist die Geschichte eines manipulativen und durchaus charismatischen Hochstaplers sowie intelligenten und skrupellosen Betrügers, der unbedingt aufsteigen wollte in die sogenannte High Society. Seine sexuellen Neigungen sollten sich dabei nicht als Hindernis, sondern als Vehikel erweisen. In der anderen Geschichte ist er selbst ein Werkzeug anderer. Lange schon gibt es in der Causa Spuren, die in die Welt der Geheimdienste führen, zum Mossad und zur CIA. Die jüngste Tranche an Ermittlungsakten ergänzt nun womöglich eine Fährte nach Moskau. Es geht um junge Russinnen, die eingeflogen wurden. Da liegt die Frage nahe, ob Kompromate gesammelt werden sollten. Epstein sammelte kompromittierendes Material Die beiden Geschichten müssen einander nicht widersprechen. Epstein hat selbst kompromittierendes Material über die Reichen und Mächtigen gesammelt, wohl auch, um im Zweifel seinen Einfluss sichern zu können und sich selbst zu immunisieren. Das schließt nicht aus, dass er von dunklen Mächten genutzt wurde und diesen am Ende zum Opfer gefallen sein könnte. Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um die offizielle Darstellung anzuzweifeln, wonach sich Epstein in seiner Zelle erhängt hat. 1974, im Alter von 21 Jahren, trat Epstein, der ältere von zwei Söhnen einer jüdischen Familie, seinen ersten Job an. Den Highschool-Abschluss hatte er mit 16 gemacht, weil der begabte Schüler, der seit seinem sechsten Lebensjahr Klavier spielte, zwei Jahrgänge übersprungen hatte. Doch das College war nicht seine Sache. Er hatte Mathekurse belegt, zunächst an der Cooper Union, dann an der New York University. Einen Abschluss erwarb er nicht. Trotzdem bekam er eine Stelle als Mathe- und Physiklehrer an der renommierten Dalton School in der Upper East Side in Manhattan. Eine Begegnung mit dem Vater eines Schülers zwei Jahre später sollte sein Leben verändern. Eine lange Recherche der „New York Times“ von Ende vergangenen Jahres offenbarte das Muster: Epstein gelang es stets, Leute für sich einzunehmen. Plötzlich lief sein Leben Jener Vater war beeindruckt von seinen mathematischen Fähigkeiten, von denen er gehört hatte, und fragte Epstein, ob er sich nicht auch vorstellen könnte, an der Wall Street zu arbeiten. Er rief einen Freund bei der Investmentbank Bear Stearns an. Epstein passte ironischerweise ins Profil: Die Bank setzte weniger auf smarte Absolventen von Harvard, Yale und Princeton als auf junge, hungrige Leute von der Straße. Epstein wurde an Michael Tennenbaum, einen leitenden Banker, vermittelt, der ihn prompt einstellte. Schon bald darauf rief die Personalabteilung bei Tennenbaum an: „Sitzen Sie?“ Epstein hatte in seinem Lebenslauf fälschlicherweise angegeben, zwei College-Abschlüsse in Kalifornien erworben zu haben. Als Tennenbaum ihn zur Rede stellte, gestand er den Schwindel unumwunden: Ohne Abschluss hätte ihm niemand eine Chance gegeben, sagte er. Der Chef zeigte sich nachsichtig und gab ihm eine zweite Chance. Jahrzehnte später bereute Tennenbaum seine Entscheidung: „Ich habe nicht begriffen, dass ich eines der Wall-Street-Monster erschuf.“ Epstein stieg bei Bear Stearns auf, begann, regelmäßig von New York nach Palm Beach in Florida zu fliegen, um junge Frauen zu treffen. Sein Leben lief plötzlich. Das Magazin „Cosmopolitan“ kürte ihn zum „Bachelor of the Month“. In der Investmentbank hielt er sich an Leute, von denen er sich erhoffte, mit ihnen den Fahrstuhl nach oben zu nehmen. Einer von ihnen soll Jimmy Cayne gewesen sein, der später die Bank leitete. Er war der letzte CEO von Bear Stearns – nach dem Kollaps in der Finanzkrise wurde die Bank von JP Morgan Chase übernommen. Auf seinem Konto sammelten sich die Millionen Mit Cayne soll Epstein nicht nur eng zusammengearbeitet, sondern auch seiner Gier nach Frauen gefrönt haben. Dass Epstein seine Spesen kreativ abrechnete, wurde hingenommen. Dass er Insiderhandel betrieb und einen Freund frühzeitig über heiße Geschäfte informierte, zunächst auch. Erst als er einer Freundin einen Vorteil verschaffte, begann eine interne Untersuchung, die zu einer zweimonatigen Freistellung führte. Epstein reagierte empört und kündigte 1981. Inzwischen verfügte er freilich über ein Netzwerk und Zugang zu superreichen Investoren, die er nun mit Strategien zur Steuervermeidung versorgte. Er lernte den britischen Waffenhändler Douglas Leese kennen, der sein Mentor wurde, und er betätigte sich für den amerikanischen Geschäftsmann Steven Hoffenberg, Gründer des Inkassounternehmens Towers Financial Cooperation, dessen Geschäftsmodell sich als Betrugssystem entpuppte. Wenn Investitionen schiefgingen und das Geld, das man ihm anvertraut hatte, verloren ging, schaffte Epstein es, unbeschadet aus der Sache herauszukommen. Manchmal hatten bisherige Partner das Nachsehen. Wohlhabend war er längst; nun sammelten sich die Millionen auf seinen Konten, und er war Teil des Wall-Street-Establishments. Was ihm noch fehlte, war der Zutritt zur High Society. Eine Begegnung mit Leslie Wexner sollte aus dem Millionär einen Multimillionär machen. Wexner, König des Einzelhandels in Amerika und inzwischen 88 Jahre alt, machte sein Geld mit Modeunternehmen wie Abercrombie & Fitch und Victoria’s Secret. Ende der Achtzigerjahre wurde Epstein dem Milliardär vorgestellt. Warnungen, ihm nicht zu trauen, schlug er aus und machte Epstein letztlich zu seinem zentralen Vermögensverwalter – mit nahezu unbegrenzten Vollmachten. Epstein schaffte es, auch ihn für sich einzunehmen. Er besaß Charisma und konnte charmant sein; seine Intelligenz bestach. Beide verdienten lange aneinander. Epsteins Vermögen stieg in die Hunderte Millionen Dollar. Neben seiner Residenz in New York erwarb er eine Luxusimmobilie in Ohio, Wexners Heimat, eine Ranch in New Mexico und ein Anwesen in Palm Beach, in der Nachbarschaft eines anderen neureichen Tycoons: Donald Trump, der Mar-a-Lago gekauft hatte. Epstein kannte Trump schon aus New York und war häufiger Gast in dessen Casino in Atlantic City gewesen. Ghislaine Maxwell wurde seine „Hauptfreundin“ Um das Jahr 1990 begegnete er Ghislaine Maxwell, die für das Medienimperium ihres Vaters Robert arbeitete, zu dem die britische Mirror-Group und kurzzeitig auch die New York Daily News gehörten. Es war der Beginn einer Jahrzehnte währenden besonderen Beziehung. Die beiden waren mehrere Jahre ein Paar, obwohl Epstein weiterhin andere junge Frauen um sich hatte. Maxwell nannte er seine „Hauptfreundin“. Später wurde sie seine Komplizin beim Aufbau des Sexrings. Ende 2021, mehr als zwei Jahre nach Epsteins Tod, wurde sie unter anderem wegen Menschenhandels zum Zwecke der Prostitution Minderjähriger zu einer Haftstrafe von zwanzig Jahren verurteilt. Über den Beginn der Beziehung Maxwells und Epsteins gibt es unterschiedliche Geschichten. Nach einer Version war es Robert Maxwell, der Epstein seine Tochter vorgestellt hat. Nach einer anderen soll der Vater Nachforschungen über Epstein angestellt haben, als er erfahren hatte, dass sich dieser mit seiner Tochter trifft, unter anderem bei alten Bekannten bei Bear Stearns. Wie Epstein war auch er ein Aufsteiger. Wie er baute Maxwell ein weltweites Netzwerk auf, zu dem auch geheimdienstliche Kontakte zählten. Robert Maxwells Leben ist Stoff für einen Roman. Spross einer jüdischen Familie, 1923 in einem Teil der Tschechoslowakei geboren, der heute zur Ukraine gehört, kämpfte er für die Briten gegen die Nazis, baute in Großbritannien ein Verlagsimperium auf, saß für Labour im Unterhaus und lieferte sich mit Rupert Murdoch eine Schlacht auf dem britischen Zeitungsmarkt. Immer wieder wurden dem Pressezaren Beziehungen zu Geheimdiensten nachgesagt, zum MI6, zum KGB und zum Mossad. Als sein Imperium 1991 in finanziellen Schwierigkeiten steckte, wurde sein nackter Leichnam vor den Kanaren entdeckt. Die offizielle Version lautete, er habe beim Urinieren von seiner Yacht, der nach seiner jüngsten Tochter benannten Lady Ghislaine, einen Herzinfarkt erlitten und sei ertrunken. Doch konnten sich drei Gerichtsmediziner nicht auf eine Todesursache verständigen. Mord wurde ausgeschlossen, Selbstmord hingegen nicht. Gerüchte über Fremdverschulden kursierten dennoch: Hatte der Mossad ihm Gelder zur Rettung seines Unternehmens verweigert und Maxwell dem israelischen Auslandsgeheimdienst gedroht, auszupacken? Zu seiner Beisetzung in Israel erschienen Staatspräsident Chaim Herzog, Premierminister Jitzhak Schamir und mehrere Chefs israelischer Nachrichtendienste. Später wurde bekannt, dass Maxwell Hunderte Millionen Pfund aus dem Pensionsfonds seiner Beschäftigten in sein kriselndes Imperium gesteckt hatte, um einen Bankrott abzuwenden. Tochter Ghislaine, die in Oxford studiert hatte, war über ihren Vater bestens verdrahtet mit den Schönen und Reichen der Welt. Nach dem Tod des Vaters zog sie nach New York. Wegen des Kollapses des Firmenimperiums hatte sie finanzielle Schwierigkeiten. Epstein soll ihr ausgeholfen haben. Sie wiederum war es, die ihm beibrachte, wie man sich in der High Society zu kleiden und zu bewegen hat. Und es war auch Maxwell, die ihren Freund mit Leuten wie Bill und Hillary Clinton und Prinz Andrew bekannt machte. Epstein betätigte sich nun auch als politischer Spender und unterstützte die Clintons. Im Gegenzug wurde er häufiger ins Weiße Haus eingeladen. Als Epstein 1998 die kleine Insel Little Saint James unweit von Saint Thomas in den amerikanischen Virgin Islands erwarb, war es Maxwell, die die Mädchen und jungen Frauen als „Masseusen“ rekrutierte und bald darauf Anweisungen für die sexuelle Performance gab – zum Teil unter Androhung physischer Gewalt. Luftaufnahmen lassen „Epstein Island“ wie ein kleines Paradies erscheinen. Tatsächlich spielte sich am Boden die Hölle ab: Die Insel war der Haupttatort der sexuellen Ausbeutung durch Epstein und dessen Freunde. 2001 erwarb er ein Privatflugzeug, eine Boeing 727, den sogenannten „Lolita Express“, in dem es ebenfalls zu „Sexpartys“ kam. Eine typische Geschichte eines der Hunderten Opfer ist jene von Zeugin „Jane Doe 3“. Der Name ist aus Gründen des Opferschutzes ein Platzhalter für die wahre Identität der seinerzeit 31 Jahre alten Frau, die 2015 vor dem Bundesgericht des Südlichen Distriktes Florida aussagte. „Als ich Epstein erstmals traf, war ich 15 Jahre alt“, sagte sie und schilderte dem Gericht den sexuellen Missbrauch und die Gewalttaten, die 1999 begannen. Zu den Männern, die sie missbraucht haben sollen, zählten nach ihrer Aussage neben Epstein auch der damalige Prinz Andrew sowie der Harvard-Professor und spätere Epstein-Strafverteidiger Alan Dershowitz. Auch Maxwell selbst habe sie missbraucht. Weil Epstein mit den mächtigsten Leuten der Welt verbunden war, habe sie lange Angst gehabt, zu fliehen oder sich an die Behörden zu wenden. Epstein prahlte, er habe die Männer „in der Hand“ „Jane Doe 3“ äußerte sich auch über Epsteins und Maxwells Absichten neben der Befriedigung ihrer eigenen sexuellen Bedürfnisse mit Minderjährigen. Epstein habe ihr ausdrücklich gesagt, warum er die Mädchen seinen Freunden und Bekannten zuführe: Er habe sie dann in der Hand; sie hätten ihm „gehört“, weil er Dinge über sie wüsste. Er habe regelrecht damit angegeben, dass wichtige Leute ihm Gefallen schuldeten. Und er habe sich selbst als jemanden beschrieben, mit dem man lieber keinen Ärger haben wolle. Zudem habe er ihr erzählt, dass er den örtlichen Polizeibehörden jedes Jahr beträchtliche „Spenden“ zukommen lasse, damit diese nicht so genau hinschauten. Mit Blick auf das erste Strafverfahren gegen Epstein, das 2008 mit einem Deal endete, sagt die Zeugin: „Ich glaube, dass Epsteins Beziehungen und seine Möglichkeiten, mächtige Leute zu erpressen, womöglich geholfen haben, die Verständigung im Strafverfahren zu erzielen.“ Seit 2005 ermittelten die Behörden in Palm Beach gegen Epstein. Anlass war die Anzeige von Eltern eines 14 Jahre alten Mädchens. Epstein wurde vorgeworfen, dieses habe in seinem Haus in Palm Beach gegen die Zahlung von 300 Dollar gestrippt und ihn massiert. Das FBI wurde tätig und warf Epstein vor, mehrere Mädchen für Sex bezahlt zu haben. Eine Hausdurchsuchung förderte pornographische Fotos der Minderjährigen zutage. 2006 wurde Epstein verhaftet. Eine erste, milde Strafe Letztlich wurde 2008 eine außergerichtliche Einigung erzielt: Epstein bekannte sich schuldig, eine Minderjährige zur Prostitution gezwungen zu haben. Zu Anklagen wegen Menschenhandels zum Zwecke der Prostitution kam es nicht. Epstein erhielt eine milde Strafe von 18 Monaten Haft – mit Freigang. Nach 13 Monaten konnte er das Gefängnis wieder verlassen. Die jüngste Tranche an Ermittlungsakten enthält Informationen, die auch die Ereignisse jener Jahre weiter ausleuchten – und zeigen, wie Epstein sein Wissen über die Taten anderer offenbar gezielt nutzte. Dazu gehört ein Aktenvermerk der Staatsanwaltschaft aus dem Jahr 2019, in dem es um ein Treffen von Ermittlern mit Anwälten des Milliardärs Wexner geht. Epstein hatte diesen 2007 mit Blick auf die laufenden Ermittlungen informiert, dass er rechtliche Schwierigkeiten habe, und schlug vor, Wexners Frau solle vorerst die Finanzverwaltung ihres Mannes übernehmen. Diese schaute in die Bücher und fand Hinweise auf Veruntreuung. Zwischen Wexner und Epstein kam es zum Zerwürfnis. Wexner, so heißt es im Vermerk, wollte aber negative Schlagzeilen in der Öffentlichkeit vermeiden und verzichtete auf einen Rechtsstreit. Es kam zu einer vertraulichen Vereinbarung: Epstein zahlte 100 Millionen Dollar zurück. Jahre später, als Epstein abermals Klagen von Missbrauchsopfern drohten, setzte er einen Brief an Wexner auf. Es war eine erste Kontaktaufnahme nach Jahren der Funkstille: Er äußerte Bedauern darüber, dass Wexner das Ziel von Erpressungsversuchen durch Virginia Giuffre geworden sei. Giuffre, die als Erste öffentlich über Epsteins Machenschaften berichtet hatte und sich im vergangenen Jahr das Leben nahm, hatte angegeben, mehrfach Wexner zugeführt worden zu sein, was dieser bestreitet. Epstein hatte über einen Anwalt des Milliardärs versucht, ein Treffen mit Wexner zu arrangieren, wurde aber zurückgewiesen. In dem Briefentwurf erinnerte Epstein Wexner nun an die früheren Veruntreuungsvorwürfe von dessen Frau, die er nicht habe erklären können, ohne die Vertraulichkeit zu brechen. Sodann: „Du und ich hatten über 15 Jahre ,gang stuff‘ (Bandenangelegenheiten).“ Dinge, von denen seine Frau nichts gewusst habe. Er habe ihm immer gesagt, er werde die Vertraulichkeit unter keinen Umständen brechen. Eine subtile Drohung Epsteins, es nun doch zu tun – nach dem Motto: Wenn ich untergehe, dann gehen mit mir andere unter? Ein Sprecher des Milliardärs äußerte, Epstein schien verärgert gewesen zu sein, dass Wexner sich geweigert habe, ihn zu treffen. Der Briefentwurf ist undatiert. Wexner will nie ein solches Schreiben erhalten haben. Spuren in die Welt der Geheimdienste Aus dem Brief lässt sich Verzweiflung herauslesen, dass ein neuerlicher Rechtsstreit nicht so glimpflich enden würde wie jener im Jahr 2008. Aber warum kam Epstein seinerzeit überhaupt mit einer so geringen Strafe davon? Eine Erklärung dafür führt in die Welt der Geheimdienste. Der zuständige Bezirksstaatsanwalt im ersten Strafverfahren war Alexander Acosta, Trumps späterer Arbeitsminister in dessen erster Amtszeit. Epsteins Anwalt war Alan Dershowitz. In den „Epstein Files“ befindet sich ein FBI-Vermerk, demzufolge eine vertrauliche Quelle aussagte, Dershowitz habe seinerzeit Acosta wissen lassen, dass Epstein für amerikanische Nachrichtendienste und die Dienste von Bündnispartnern arbeite. Auch habe Dershowitz den Mossad über den Ermittlungsstand im Fall Epstein auf dem Laufenden gehalten. Schließlich: Epstein, so die vertrauliche Quelle, pflege enge Verbindungen mit Ehud Barak, dem früheren israelischen Ministerpräsidenten, unter dem er als Agent angelernt worden sei. Im Jahr 2015 investierte Barak eine Million Dollar in das israelische Techunternehmen Carbyne, das Notfallkommunikationssysteme entwickelt. Die Zeitung „Haaretz“ berichtete, dass große Teile des Geldes von Epstein gestammt hätten. Nach dessen Verhaftung 2019 wurden in seinem New Yorker Haus drei amerikanische Pässe gefunden. Und ein österreichischer Pass – mit Epsteins Bild, einem anderen Namen und einer Adresse in Saudi-Arabien. Auch gegen Barak gibt es Vorwürfe, sich an einem von Epsteins „Mädchen“ vergangen zu haben. Bekannt wurden die wiederum im Zuge der Anschuldigungen gegen Dershowitz. Virginia Giuffre hatte zwischenzeitlich wie „Jane Doe 3“ behauptet, sie sei als Minderjährige auch an Dershowitz vermittelt worden, was dieser in beiden Fällen bestreitet. Im Fall von Giuffre reagierte er mit einer Gegenklage und sprach von „Lügen, Verunglimpfung, Diffamierung, Belästigung“. Im Jahr 2022 zog Giuffre ihre Klage gegen Dershowitz mit der Begründung zurück, dass sie sich bei der Identifizierung der Person geirrt haben könnte. Vorwürfe gegen „den Ministerpräsidenten“ In ihren postum erschienenen Erinnerungen „Nobody’s girl“ schrieb sie, einige der Männer, denen sie ausgeliefert worden sei, hätten gedroht, sie durch Klagen in den Bankrott zu treiben. Folglich nannte sie zwar den damaligen Prinzen Andrew namentlich als mutmaßlichen Täter, bezeichnete einen anderen Mann aber lediglich als „Ministerpräsidenten“. Dershowitz’ Anwalt hatte in dem Rechtsstreit mit Giuffre mit Bezug auf deren eidesstattliche Aussagen öffentlich gemacht, dass eine Person, die von der Klägerin nicht namentlich genannt worden sei, von seinem Mandanten als Barak identifiziert worden sei. In ihrem Buch schrieb Giuffre, der „Ministerpräsident“ habe sie mehrfach bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt, bei den Gewalttaten gelacht und Erregung gezeigt, wenn sie ihn angefleht habe, aufzuhören. Barak gesteht zwar ein, Epstein häufiger besucht zu haben, einmal auch auf seiner Insel. Doch will er nie an „Partys“ teilgenommen oder Epstein in Gegenwart von „Frauen und Mädchen“ besucht haben. Es gebe nicht „den leisesten Verdacht von Fehlverhalten“ seinerseits, teilte Barak mit. Bei dem „Sweetheart Deal“ von 2008 ging es nur um Hinweise auf amerikanische und westliche Dienste. Der jüngste Schub an Ermittlungsakten deutet unterdessen auch in Richtung Russland. In einer E-Mail an Barak schrieb Epstein 2013, dass er eine Einladung zum Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg erhalten, aber abgelehnt habe: Wenn Wladimir Putin ihn treffen wolle, müsse dieser sich Zeit nehmen für eine vertrauliche Begegnung. Die Akten zeigen, dass Epstein über Jahre versuchte, ein solches Treffen zu arrangieren, auch mit der Hilfe Thorbjørn Jaglands, des früheren norwegischen Ministerpräsidenten. Epstein unterhielt zahlreiche Kontakte zu einflussreichen Russen aus Politik und Wirtschaft, darunter zu Sergej Beljakow, einem zeitweiligen stellvertretenden Minister für wirtschaftliche Entwicklung mit Vergangenheit im russischen Inlandsgeheimdienst FSB. Ihm schrieb Epstein 2015: Er benötige einen Gefallen. Da gebe es dieses russische Mädchen aus Moskau, das versuche, eine Gruppe mächtiger Geschäftsleute in New York zu erpressen. „Das ist für alle Beteiligten schlecht fürs Geschäft . . . Vorschläge?“ Beljakow bot seine Hilfe an. Später informierte er Epstein, dass er einen neuen Job habe, beim staatlichen russischen Anlagefonds RDIF, der vom Putin-Vertrauten Kirill Dmitrijew geleitet wird. Als der polnische Ministerpräsident Donald Tusk dieser Tage ankündigte, eine Untersuchungskommission einzusetzen, die auch prüfen soll, ob Epsteins Machenschaften mit Operationen des russischen Geheimdienstes verquickt waren, um einflussreiche Leute im Westen mittels „Honey Traps“ erpressbar zu machen, meldete sich Dmitrijew zu Wort: „Die verzweifelten, verkommenen und verlogenen linken Eliten verfallen in Panik und versuchen, in die Irre zu führen.“ Das letzte Kapitel in der Causa Epstein ist noch nicht geschrieben.
