FAZ 17.12.2025
14:06 Uhr

Abgemagerte Prominente: Wir müssen trotzdem darüber sprechen


Hervorstechende Hüftknochen und Schlüsselbeine sind wieder Alltag auf dem roten Teppich. Auch wenn Prominente wie Ariana Grande und Kelly Osbourne sich wünschen, wir würden ihren neuen Magerwahn ignorieren.

Abgemagerte Prominente: Wir müssen trotzdem darüber sprechen

Es gibt einen Witz in einer alten Folge der Zeichentrickserie „Family Guy“. Kate Moss taucht in einem Restaurant auf, in einem Outfit wie von 2025: Schlagjeans, weißes Tanktop und Slipper. Aber noch bevor sie sich am Tisch vorstellen kann, fällt sie durch eine Ritze im Dielenboden. So dünn sei sie, ­witzelten die „Family Guy“-Macher damals im Jahr 2000, dass sogar die Lücken ­zwischen zwei Holzbrettern für das Model zur Gefahr geworden seien. Heute, 25 Jahre später, ist mit Ozempic und all den anderen Abnehmspritzen  der abgemagerte sogenannte „Heroin-Chic“ von Kate Moss zurückgekehrt. Nur macht diesmal niemand Witze darüber – aus der ­berechtigten Angst heraus, Bodyshaming zu betreiben. Stattdessen konnten wir bei den Promo-Touren zu den beiden „Wicked“-Filmen dabei zusehen, wie eine unglaublich dünn gewordene Ariana Grande von ihrer kaum schwereren Ko-Darstellerin abgeschirmt wurde. Es gibt ein Video, das zeigt, wie Cynthia ­Erivo sich vor Grande wirft, als ein junger Mann in Singapur auf sie zustürmt. In einem anderen Video liebkost Erivo Grandes Arm, nachdem ein Interviewer ihn freudig geschüttelt hatte, so als sei er beinahe zerbrochen. Erivo und Grande sagten in einem der zahlreichen Interviews, die sie zusammen gaben, sie weinten nicht nur jeden Tag gemeinsam (wegen Traumata, Ängsten, Gefühlen und Co.), sondern sie wollten auch schauen, dass die andere gesund bleibe. Gesund sehen beide nicht aus Das Problem an der Sache: Gesund ­sehen beide (und auch ihre „Wicked“- Kollegin Michelle Yeoh) dabei gar nicht aus. Sondern eher, als hätten die strapaziösen Dreharbeiten des inzwischen erfolgreichsten Musical-Films der Geschichte die Darstellerinnen ins kollektive Hungern getrieben. Ariana Grande dementiert das; sie sagt, ihr früherer Körper sei der eigentlich ungesunde gewesen. Als jugendlicher Star habe sie Antidepressiva genommen und trotz möglicher Wechselwirkungen viel Alkohol getrunken. Die Zweiunddreißigjährige hat natürlich recht: Man kann einem Menschen von außen nicht unbedingt ansehen, wie gesund oder ungesund er wirklich ist. Und: Gesundheit ist Privatsache. Das gilt auch für Prominente. Uns geht es nichts an, ob Ariana Grande eine Essstörung hat, ob sie unter Panik­attacken leidet, weil sich 2017 ein Selbstmordattentäter nach ihrem Konzert in Manchester in die Luft sprengte und 22 Personen ums Leben kamen, und ob sie die Trauer um ihren ehemaligen Freund Mac Miller verarbeitet hat, der 2018 an einer Überdosis gestorben war. Aber uns geht das Bild etwas an, das ein Superstar wie sie transportiert. Denn anders als wir Nicht-Stars lebt sie nicht nur unter bestimmten Schönheitsstandards, sondern setzt sie auch. Genauso wie Kelly Osbourne. Die Sängerin hat in diesem Jahr Dutzende Kilogramm abgenommen. Jetzt stechen ihre Hüftknochen unter Kleidern hervor, und Osbourne ist wütend auf die Öffentlichkeit, die ihr ausgemergeltes Aussehen kommentiert. „Frauen schaffen es einfach nicht, andere Frauen zu unterstützen“, schimpfte sie vor Kurzem auf Instagram. Dabei geht es nicht um unterstützen oder nicht unterstützen, sondern darum, gefährliche gesellschaftliche Strömungen zu benennen. Und für die sind Prominente nun einmal die besten Indikatoren. Als verkörpert sie die hilflose Prinzessin auch im echten Leben Ariana Grande hat ihr Auftreten in den vergangenen vier Jahren radikal ver­ändert: von einer Spraytan-braunen, selbstbewusst-lustigen R’n’B-Sängerin mit lauter Stimme zu einer schüchtern- zerbrechlichen, blonden und rehäugigen Por­zellanhaut-Ballerina, die sich erschreckt, wenn ein Mann ihren Arm schüttelt und es nur händchenhaltend durch Interviews schafft. Im Refrain ihres bisher letzten großen Hits sang sie „I’ll wait for your love“ – „Ich warte auf deine Liebe“. Als würde sie die passive, hilflose Märchen­prinzessin jetzt auch im echten Leben verkörpern. Auch Kelly Osbourne trägt keine punkig-lila Haare mehr, sondern, wie ihre ­Influencerinnen-Kollegen aus dem Tradwife-Genre, artig gebundene blonde ­Zöpfe, Schleifchen-Ballerinas zu weißen Söckchen und hochgeknöpfte Strick­jacken. Outfits, die bloß nichts falsch ­machen wollen und wie eine Verkörperung der Ängstlichkeit vor der Welt und dem eigenen Sein wirken, die einige Prominente gerade ­erfasst zu haben scheint. Der Sänger Robbie Williams nimmt so exzessiv Abnehm-Medikamente, dass er nur noch verschwommen sehe, sagte er vor Kurzem. Aber er könne einfach nicht damit aufhören. Die Angst vor dem Selbsthass, der komme, wenn er nicht mehr ­abnehme, sei einfach zu groß.